"Wir wollten die Medien geschickt einsetzen"

Abzocker-Initiative - Claudio Kuster (links im Bild) nervt es, dass dauernd von Thomas Minders grossem Triumph geschrieben wird, obwohl die Abzocker-Initiative auch seine Initiative ist. Den 33-jährigen Schaffhauser stellte Minder anfangs für Büroarbeiten ein, doch im Laufe der Zeit wurde Kuster zum zentralen Denkorgan des Komitees. Im Interview spricht er über seinen "hemdsärmligen" Chef und erklärt, warum Minder Radio SRF und der "Neuen Zürcher Zeitung" am Sonntag ein Interview verweigerte.

Herr Kuster, vor sechseinhalb Jahren reichte Ihr Chef Thomas Minder seine Volksinitiative ein. Wenn Sie heute zurückblicken: Ist es nicht frustrierend, dass immer nur er zitiert und interviewt wird, obwohl Sie mindestens gleich viel beigetragen haben?
Klar, teilweise nervt es schon, wenn ein anderer Lorbeeren für etwas abholt, das auf meinem eigenen Mist gewachsen ist. Doch auf der anderen Seite musste Thomas Minder ja auch die Kritik einstecken, die uns widerfährt. Man muss hier beides in die Waagschale legen. Thomas Minder hat die Finanzen beigesteuert, er hält seinen Kopf hin. Damit gehören auch ihm die Lorbeeren.

Wann genau wussten Sie, dass Sie gewinnen werden?
Im Januar, als die ersten Umfrageergebnisse veröffentlicht wurden, – auch diese von Claude Longchamp – da wussten wir, dass es sicher reichen wird. Die Abstimmungsresultate vom Sonntag hatten dann nur noch symbolischen Wert und auch die Spannung war nicht mehr allzu gross.

Den Champagner öffneten Sie also nicht erst am Sonntag.
Nein, vor rund einem Monat konnten wir erstmals auf den Sieg anstossen.

Ihre Äusserungen z.B. auch auf Twitter à la: "Keine Ahnung, ob es noch reicht. Haben ja alle Printmedien, von SG-Tagblatt via WeWo bis Le Temps gegen uns..." waren also schlicht gezielte Untertreibung.
Klar, das war Zweckpessimismus. Dieser war nötig, denn die Leute hätten sich ja auch in falscher Sicherheit wähnen können. Falls alle gedacht hätten, dass diese Initiative eh angenommen wird, wären allenfalls noch weniger Stimmbürger an die Urne gegangen. In Sachen Mobilisierung wollte ich etwas Gegensteuer geben. Wir wollten auch nicht schon im Vorfeld Korken knallend auf Fotos abgebildet sein – das hätte überheblich gewirkt.

Sie scheinen in Sachen Kommunikation sehr gewieft, obwohl Sie selber weder viel Erfahrung noch eine Ausbildung in diesem Bereich haben.
Stimmt, ich habe keine Ausbildung in diesem Bereich. Doch wir hatten ja zum einen in den ganzen Jahren genügend Zeit, unsere Kommunikationsarbeit stets zu verbessern. Zum anderen sind wir ein extrem kleines Team mit sehr kurzen Entscheidungs- und Umsetzungswegen. Dies vereinfacht das Durchhalten einer Kommunikationsdoktrin.

Die Zusammenarbeit mit Thomas Minder ist sicher nicht nur einfach: Er ist ja bekannt für seine doch sehr eigenwillige, nervenaufreibende Art.
Natürlich, Thomas Minder kann es nie genug schnell gehen. Er ist ein hemdsärmeliger Charakter, ein typischer Kleinunternehmer und Patron halt, der die Fäden nie aus der Hand geben und immer mitreden will. Er ist sicher kein einfacher. Und weil wir beide Steinböcke sind und einen sturen Kopf haben, kommt es durchaus oft vor, dass wir aneinander geraten. Doch wir können uns aneinander reiben. Schliesslich gewinnt dann der mit den besseren Argumenten.

Haben Sie sich von seinem missionarischen Eifer nie distanzieren wollen oder wirkte dieser im Gegenteil sogar ansteckend auf Sie?
(lacht). Dieser "missionarische Eifer", wie Sie sagen, kann durchaus irritieren, doch ich bin froh darum, denn dieser Eifer bedeutet auch Ehrlichkeit, Beharrlichkeit, Sturheit und Gradlinigkeit. Diese Eigenschaften sind zwingend nötig im Kampf gegen mächtige Gegner, sonst zerbricht man.

Wie genau gingen Sie vor im Abstimmungskampf?
Erstens mussten wir ein paar weitere anerkannte Köpfe mit ins Boot holen, um zu zeigen, dass es keine "Minder"-Initiative ist, sondern dass diese breit abgestützt ist. Zweitens war das stringente Durchziehen der anfänglich definierten Botschaft wichtig. Drittens wollten wir die Medien geschickt einsetzen, damit wir unsere bescheidenen finanziellen Mittel gut ausnutzen konnten.

Einigen Medien verweigerten Sie Interviews. Warum?
Wen meinen Sie konkret?

Am Abstimmungssonntag durfte Radio SRF Thomas Minder nicht interviewen.
Dieser Entschied hat eine längere Vorgeschichte. Radio SRF gab während des gesamten Abstimmungskampfes weder Thomas Minder noch mir oder einem anderen Vertreter unseres Initiativkomitee die Gelegenheit für ein Einzelinterview. Das geht natürlich nicht! Während die glaubwürdigsten und wichtigsten Gegner wie Dominique Biedermann von Ethos oder Economiesuisse-Präsident Rudolf Wehrli zur Primetime im "Tagesgespräch" oder "Samstagsgespräch"  Platz gegeben wurde, um über unsere Initiative zu wettern, liess man uns aussen vor. Hierbei verhielt sich Radio SRF extrem einseitig. Das geht einfach nicht - gerade für ein öffentlich-rechtliches Medium. Da auch viele klärende Gespräche mit SRF nichts brachten, mussten wir zu diesem drastischen Mittel greifen und ein Interview mit Thomas Minder verbieten.

Auch der "Neuen Zürcher Zeitung" gewährte Minder am Sonntag kein Interview. Warum?
Alle Tageszeitungen – angefangen beim "St.Galler Tagblatt" über den "Tages-Anzeiger" bis zur "Tessiner Zeitung" – publizierten im Vorfeld einmal ein grösseres Interview mit ihm. Nicht so die NZZ: An der Falkenstrasse hielt man dies nicht für nötig. Daher verweigerte sich Minder auch am Sonntag. 

Dieser Umgang mit Radio SRF und der NZZ hilft Minder, sein Image des "Kämpfers gegen das Establishment" weiter zu zementieren. Sie konnten ja nicht genug erwähnen, gegen das Wirtschafts- und offensichtlich auch gegen das Medienestablishment angetreten zu sein.
Das stimmt. Wir traten nicht nur gegen das Wirtschaftsestablishment an, sondern auch gegen das Medienestablishment. Viele Tageszeitungen angefangen beim "St.Galler Tagblatt" über unsere Hauszeitung "Schaffhauser Nachrichten" bis hin zu "Le Temps" zählten aufgrund ihrer offiziellen Parole zu unseren Gegnern. Klar muss man differenzieren: Bei der NZZ z. B. waren Chefredaktor Markus Spillmann und Wirtschaftsredaktor Hansueli Schöchli sogar teilweise tendenziös – Simon Gemperle hingegen schrieb sehr ausgewogene Texte. Viele Journalisten berichteten fair und eben, nicht alle waren gegen uns: Die meisten Fernsehsender und Radios, die Gratis-, Boulevard- und Pendlerzeitungen sowie die Sonntagspresse stellten sich eher auf unsere Seite. Das half sehr.

Sie arbeiten nicht nur als persönlicher Berater von Ständerat Minder, sondern auch als Informatiklehrer. Nach den Erfahrungen in den letzten Jahren: Inwiefern kommt für Sie ein Wechsel in die Kommunikationsbranche in Frage?
Ich bin nun seit fünf Jahren Informatiklehrer, daher mache ich mir schon Gedanken, was ich weiterhin machen will. Hierbei kommen ein Beruf im Bereich Kommunikation, Kampagnen oder auch ein politisches Amt in Frage.

Interview: Edith Hollenstein, Bilder: Keystone