TV-Kritik

Die Stoppligen von SRF

Während der letzten Abstimmungssendung war es wieder einmal augenfällig: Wie bei keinem anderen Kanal gibt es bei SRF immer mehr Moderatoren und Reporter mit Gesichtshaar. Ein Barbershop im TV-Haus würde längst rentieren. Vollbart, Kinnbart, Dreitagebart, Stoppeln: Georg Häsler und Erwin Schmid (Bundeshausredaktoren) sind an dem Nachmittag damit aufgefallen, ebenso der Ostschweizer Korrespondent Philipp Inauen und Roger Brändlin von der «Tagesschau» (wechselt 2019 zum Radio). Urs Leuthard, Leiter der Abstimmungssendungen und «Tagesschau»-Chef, trägt inzwischen wieder mal «oben ohne».


Zu weiteren prominenten Bartträgern und Hipstern am Leutschenbach gehören Arthur Honegger («10vor10»), Jonas Projer («Arena») oder Mario Grossniklaus («Tagesschau», «Arena»). Und neuerdings fällt sogar ihr oberster Boss mit  Gesichtbehaarung auf  – SRG-Generaldirektor Gilles Marchand. Eine meiner Nachbarinnen ist genervt. Sie hat mir offenBART: «Man sieht die Zähne der Moderatoren nur noch, wenn sie lachen. In den Informationssendungen gibt es aber nur selten etwas zu lachen.» Diese Frau habe ich beruhigt. Allerdings getraute ich ihr nicht zu sagen, sie soll sich darum keinen grauen Bart wachsen lassen.

Auch beim Fernsehen ist nicht jeder, der einen Bart trägt, ein Philosoph. Was ist der Grund für die Bekenntnis zum Gesichtshaar? Forscher beschäftigen sich seit Urzeiten damit. Theorien darüber gibt es daher sehr viele. Beispiele: Bärte senden soziale Signale aus, sie zeigen einen dominanten Status. Sie sind ein Wink an die männliche Konkurrenz und helfen offenbar, sich gegenüber der Artgenossen durchzusetzen. Viele wollen mit dem Symbol der Männlichkeit auch sexy wahrgenommen werden. Soso.

Die Wissenschaftler scheuen in diesem Zusammenhang einen Vergleich mit Primaten nicht: Ein Orang-Utan entwickelt nur dann einen Bart, wenn er im sozialen System eine dominante Position erreicht. Auch bei männlichen Pavianen spriessen Barthaare als Dominanz-Signal und zur sexuellen Anziehung.

Gibt es zu viele Bärtige beim Schweizer Fernsehen? Geschmacksfrage. Ich werde keinem Borstigen Honig ums Maul schmieren.

 


René Hildbrand
René Hildbrand ist Journalist, langjähriger Fernsehkritiker und Buchautor. Während 27 Jahren war er für «Blick» tätig, danach Chefredaktor von «TV-Star».

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KOMMENTARE

Remo Zumstein
02.10.2018 16:09 Uhr
Diese Stoppligen vor der Kamera sind eine regelrechte Unsitte, für mich eine televisionäre Bildverschmutzung. Hip ist es auch längst nicht mehr: Barttragen ist schon seit ca. 10 Jahren wieder verbreiteter, es hat auch mit soziodemografischen Veränderungen in unserer Gesellschaft zu tun. Vereinfacht gesagt: Der Macho ist wieder vermehrt massentauglich. Ausserdem ist der Hipster längst out - zu viele Hipster-Kopien laufen herum. Ich fand es schon vor 10 Jahren störend, als Stephan Klapproth einer der ersten war, der einen Vollbart trug. Es wirkte auf mich einfach nicht ganz so professionell, ein bisschen "lausig". Zum perfekten Auftreten gehört m.E. immer noch ein perfekt glattrasiertes Gesicht - es hat mit Respekt vor dem Publikum zu tun, ähnlich, wie ein Moderator gute Kleidung tragen muss (Anzug und Krawatte ist einfach ein Must für einen News-Moderator). Ganz schlimm finde ich dann die Moderatoren, die sich eine Art "Spitzbärtchen" wachsen lassen. Das zeugt von Selbsveliebtheit und Selbstdarstellung. Darunter leidet das SRF m.E. leider sehr: Einige Moderatoren sind mir allzu grosse Selbstdarsteller. Mehr Bescheidenheit und Zurücknahme würde gut tun - im Interesse der Glaubwürdigkeit und Professionalität einer öffentlich-rechtlichen Anstalt. Die Moderatoren sind fürs Publikum da, und nicht, um sich "selbst zu verwirklichen". Sorry, aber die Bartträger wirken einfach lächerlich.
Verena Schoder
01.10.2018 11:47 Uhr
Mit Bart will man(n) reifer erscheinen, vielleicht sogar, wie René Hildebrand schreibt, männliche Überlegenheit markieren. Vielen steht der Bart gut, leider sieht man oft auch nur ungepflegten Wildwuchs. Lustig ist nur, wenn man(n) mit Fünfzig den Bart wegmacht, erscheint er plötzlich zehn Jahre jünger. Das ist der wirkliche, verblüffende Effekt.
Robert Weingart
01.10.2018 10:32 Uhr
Entweder zu faul zum Rasieren oder sie möchten vielleicht männlicher wirken.
Dieter Widmer
01.10.2018 08:04 Uhr
Meine Mutter sagte immer, Bartträger hätten etwas zu verstecken und könnten nicht zu ihrem Gesicht stehen.
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