27.06.2005

CannesLions

Das Jahr der Kleinen

Die Erfahrungen der letzten Woche.

Die Weltmeisterschaft der Werbung ging letzten Samstag zu Ende, CannesLions. Tausende Werber, Filmer und immer mehr auch Auftraggeber säumten die Croisette, die mondäne Flaniermeile in Cannes. Den GrandPrix der Königsdisziplin, der Werbefilme, holte sich die Agentur Wieden+Kennedy in London für Honda. Man sieht als Trickfilm eine heile Welt, durch die plötzlich stinkende, alte Diesel-Motoren fliegen. Die Welt hasst diese Stinkbomben und wehrt sich dagegen. Kann Hass gut sein? Man überwindet den Hass.

Daraus resultiert der neue Honda Diesel. Den GrandPrix in der Kategorie Press holte sich TBWA Paris, die übrigens zum dritten Mal hintereinanderdie Agentur des Jahres wurde, das heisst: die Agentur mit den meisten Preisen, diesmal für Emi. Und den Grand Prix für Outdoor gewann Ogilvy&Mather in Santiago/Chile für Lego. Auch in der Schweiz zogen vorab die kleinen Agenturen die Aufmerksamkeit auf sich. RufLanz gewann drei Löwen, zwei bronzene, einen silbernen für McKinsey und Hotel Dolder Waldhaus, wo man im British Tearoom den Prince of Wales Tea serviert (siehe Bild) – in den Kategorien Direct und Press. Und Matter&Partner gewann Bronze für Tribis Dog School – in der Kategorie Direct. Im Film kamen gerademal zwei Schweizer Agenturen nur auf die Shortlist, die Einmannagentur Walker und Publicis in Zürich.

Wenn man die besten Arbeiten der Welt Revue passieren lässt, ist man wie jedes Jahr überrascht, dass die Ideen nie ausgehen, wie es die besten Agenturen immer wieder verstehen, einen Produktnutzen doppelbödig darzustellen, mit einem Schuss Humor, Ironie, mit Anspielung auf die Politik und andere Ereignisse. Doppelbödig insofern, als die Message nie direkt und plump vermittelt wird, sondern durch einen Umweg, aber gerade dadurch interessant wird. Die Besten fordern die Erfahrung, das Wissen, den Intellekt der Zuschauer heraus. Die Herausforderung ist, den immer gleichen Produktnutzen aus einer ungewöhnlichen Perspektive zu darzustellen. Der holländische Ableger von Springer&Jacoby zeigt in einer Serie für Olympus in Suspense-Manier Monster – Hunde mit übergrossem Kopf, Baby mit roten Augen, geisterhaft unscharfe Menschen – um zu zeigen, dass mit dieser Kamera dies eben nicht passiert. DDB London zeigt für Golf GTI die berühmte Tanzszene ‚Singing in the rain’, doch dann bewegt sich Bing Crosby plötzlich wie ein Raptänzer: ‚The original, updated’. Leo Burnett London zeigt, wie eine Frau diabolisch Heinz-Ketchup auf das Käsestückchen in der Mausefalle träufelt, doch als sie zuschnappt, hängt ihr Mann mit der Zunge drin. Derlei kann man sich immer wieder ansehen, und es bleibt einem irgendwie.

Am Freitag Abend lud traditionellerweise der Werbevermarkter Cinecom unter der Leitung von Matthias Luchsinger zum Schweizer Abend. 110 Werber labten sich während des Sunset am Beach des Hotels Miramar, darunter Frank Bodin, Martin Spillmann, Peter Brönnimann, Rémy Fabrikant, Matthias Freuler, Ernst Wirz und unser Juror in Cannes, Mike Krüll, mit dem Vorsatz, im nächsten Jahr besseres Lobbying zu betreiben. Organisiert war der Anlass von Event-Unternehmer Schoscho Rufener, der demnächst Franz Beckenbauers Sechzigsten in Marakesch auf die Beine stellt. Zugegen war auch Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument, der sich wunderte, wie wenig die Verleger eigentlich die Werber und Werbeauftraggeber kennen, von denen sie leben. Und verwundert war Mediamann Andy Lehmann, wie die hier gefeierte klassische Werbung das Fest der Postkutschenbauer ist, während die elektronische Werbung gemächlich die Eisenbahnschienen der Zukunft legt. Alle Gewinner sind zu betrachten unter: www.canneslions.com/winners&shortlist. Die „persönlich“-Sondernummer CannesLions mit allen Schweizer Einsendungen können Sie bestellen bei: oliver.prange@persoenlich.com.


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