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Der neue Bundesrat und das Harvard-Prinzip

Marcus Knill

In Umfragen, welche ich an meinen Seminaren oder bei Referaten durchgeführt habe, wurden beim neu zu wählenden Bundesrat hinsichtlich der notwendigen Eigenschaften vor allem Aspekte der kommunikativen Kompetenz erwähnt: Teamfähigkeit, Verhandlungsstärke, Kompromissbereitschaft und Überzeugungskraft. Die meisten der Befragten gehen davon aus, dass jeder Kandidat in einem Bereich sicherlich ein besonderes fachliches Rüstzeug mitbringt. Da man nicht damit rechnen darf, dass der Nachfolger von Didier Burkhalter auch das Amt des Aussenministers übernehmen wird, muss somit der neu gewählte Bundesrat vor allem die Fähigkeit haben, Sachverhalte mit gesundem Menschenverstand zu analysieren, um hernach auch sinnvolle Entscheide fällen zu können.

In einer Diskussionsrunde eines Lokalradios im Juni versuchten die Teilnehmer ebenfalls das Profil der neuen Bundesrätin oder des neuen Bundesrates auszuloten. Weil der Gesamtbundesrat in den Verhandlungen mit der EU schlecht weggekommen ist, verlangte ein Teilnehmer vom neuen Magistraten, dass er die Kunst des Verhandelns unbedingt besser beherrschen müsste. Der Vertreter einer kantonalen Partei widersprach diesem Votum: Nicht der Bundesrat sei Verhandlungsperson. Dies sei Aufgabe der Diplomaten und Unterhändler.

Persönlich bin ich dennoch überzeugt, dass Bundesräte die Prinzipien der Verhandlungskunst beherrschen sollten. Es darf nicht mehr vorkommen, dass die Schweiz bei Auseinandersetzungen mit der EU mit einem Kompromissvorschlag vorschnell einlenkt. Am Anfang hat jede Seite ihre Maximalforderung zu verteidigen. Der Kompromiss ergibt sich erst im Laufe der Auseinandersetzungen.

Ich wünschte mir vor allem einen neuen Bundesrat, der hinsichtlich kommunikativer Kompetenz das sogenannte «Harvard Prinzip» verinnerlicht hat. Auf einen Nenner gebracht, bedeutet das: Der Politiker kommuniziert hart in der Sache aber weich mit dem Gegenüber als Person. Mit anderen Worten geht es um die Kurzformel: «Ich verstehe Dich – aber ich bin nicht einverstanden mit Deiner Meinung!» Diese Haltung bewährt sich nicht nur bei Verhandlungen. Das «Harvard-Prinzip» ist bei zahlreichen Kommunikationsprozessen im Alltag, an Meetings oder beim Verhandeln erfolgreich anwendbar. Ziel des Harvard-Prinzipes ist es stets, Sach- und Beziehungsebene zu trennen, Interessen auszugleichen und Entscheidungsalternativen unter Verwendung neutraler Beurteilungskriterien zu suchen, um so einen Gewinn für alle Beteiligten zu schaffen.

In der erwähnten Radio-Stammtischrunde entpuppte sich übrigens ein Ständerat als Kaffesatzleser. Er prognostizierte, Bundesrätin Sommaruga werde den Aussenministerposten anstreben und der neue Bundesrat müsse somit mit einem andern Departement vorlieb nehmen. Falls dem so ist, dürfen wir das Anforderungsprofil des neu zuwählenden Bundesrates nicht zu eng fassen. Als Magistrat taugt ein Generalist mehr als ein Spezialist. Die kommunikative und soziale Kompetenz des neuen Exekutivmitgliedes sind Kernkompetenzen. Gefragt ist somit ein Bundesrat, der beides kann: Zuhören und Verständnis zeigen, der anderseits aber auch eine Meinung verständlich machen kann und zudem eindeutig entscheidet.

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