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Gehirnwäsche in Davos

Christian Wasserfallen

Alpenluft bekommt den meisten Leuten normalerweise vorzüglich. Nicht so am diesjährigen WEF. Insbesondere die anwesenden Pressevertreter verhielten sich im winterlichen Davos plötzlich wie umgekehrte Handschuhe. Wie das? «Trump Show», heisst die Antwort. Seit sich der aktuelle US-Präsident im Wahlkampf zu diesem Amt oder jetzt als Amtsinhaber präsentiert, war insbesondere die Schweizer Presse in heller Aufregung, ja gar Empörung. Trump sei ein Sexist, ein Biest, schlecht gekleidet, habe keine Manieren, sei unwürdig für das höchste Politamt der Welt usw.

Der Schalter kippte bei den Journalisten, als Trump die Air Force One, sein imposantes Regierungsflugzeug vom Typ Boeing 747, bestieg. Der jumbomässige Tross des US-Präsidenten mit eigens importierten Helikoptern, Panzerlimousinen und die akribische Arbeit des Secret Service waren fortan die Themen Nummer eins in den Medien. Wann wird Trump landen? Wie fliegt er nach Davos? Ist das Hotel sicher? Was isst er dort, und gefällt ihm die Schweiz? Fast könnte man meinen, Donald J. Trump wäre auf dem Weg zum jährlichen Tourismuskongress nach Davos gereist. Dem war aber nicht so. Die Frage wäre vielmehr gewesen, wie sich Trump auf dem rutschigen Politparkett schlägt, anstatt, ob er beim Aussteigen aus dem Helikopter auf dem Schnee ausrutscht.

Der oft gescholtene Populist Trump musste sich keine kritischen Fragen anhören. Dabei drängte sich bei einem so blendenden Vertreter dieser Zunft das gerade zu auf. Wenn einmal die Oberfläche weggekratzt ist, kommt der Inhalt erst zum Vorschein. Genau gleich wie bei einem zugefrorenen See in einem Wintersportort. Wären die Journalisten noch bei klarem Verstand gewesen und hätten unter die Oberfläche geschaut, wären die relevanten Themen dieses weltweit bedeutendsten Wirtschaftsforums zu Tage getreten: Zwar piesakte der indische Premierminister Narendra Modi den protektionistischen Trump. Der Gescholtene selber erklärte aber in gewohnt einfacher Sprache, dass es in Handelsbeziehungen eben auch Respekt brauche. Die Schweiz kann ein Lied davon singen, wenn man zwar mit Indien ein Freihandelsabkommen anstrebt, aber gerade geistiges Eigentum von den Indern einfach nicht respektiert wird.

Die Frage wäre auch erlaubt gewesen, was der Einfluss der sportlichen Unternehmenssteuerreform der USA auf die Schweiz ist. Offensichtlich hat die Administration Trump dort bereits einige Hausaufgaben gemacht, wo die Schweiz nach dem Scheitern der Unternehmenssteuerreform 3 mit der neuen Steuervorlage 17 noch nicht am Ziel ist.

Zu guter Letzt wäre auch aufgefallen, wie sehr sich Europa heute im Sandwich zwischen Asien und Amerika befindet. Hier der erfolgreiche Unternehmer Jack Ma aus China und da die Trump Show. Was bleibt von Deutschland und Frankreich in Erinnerung, die sich gerne als Leader in Europa in Szene setzen? Abwarten. Zuerst braucht Deutschland wieder eine funktionierende Regierung und Macron muss ausser seiner eigenen Regierung auch die anderen Länder vom neuen Europa überzeugen – viel Erfolg.

Diesen wünsche ich auch den hiesigen Journalisten, die nach abgetrockneter Gehirnwäsche hoffentlich wieder die spitze Feder zur Hand nehmen. Möge also der Kater der «Trump Show» vorbei sein und beim Anblick der Autogramme sowie Selfies wieder der Tatendrang der vierten Gewalt zum Vorschein treten.




Christian Wasserfallen ist Nationalrat und Vizepräsident der FDP Schweiz.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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