08.02.2017

Debatten statt Kommentarspalte

Kapitulation vor der Masse oder nachvollziehbarer Entscheid?

Die NZZ baut die Kommentarspalte um. Was halten die anderen Onlineportale davon? Und welche Strategie fahren sie bezüglich dem Austausch mit den Lesern? persoenlich.com hat bei «20 Minuten», «Tages-Anzeiger», «Watson», «Blick», der «Aargauer Zeitung», SRF, dem «St. Galler Tagblatt» und der «Luzerner Zeitung» nachgefragt.
von Michèle Widmer

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«20 Minuten» – Marco Boselli, Leiter Publizistik und Prozesse Pendlermedien bei Tamedia

«Bei ‹20 Minuten werden die Kommentare nicht moderiert, wir klinken uns nicht in die Diskussionen ein, sondern gewähren den Usern einen offenen Austausch untereinander. Das Community-Team bei ‹20 Minuten prüft die Kommentare aber laufend und behält sich vor, Beiträge zu löschen, wenn diese deplatziert oder unhaltbar sind. Wir werden an unseren bestehenden Kommentar-Richtlinien festhalten, weil sie ein wichtiger Teil des Dialogs mit unserer Community sind. Unter den mehreren tausend Kommentaren pro Tag ist durchaus einmal ein ziemlich kritischer, Medien sollen aber Plattformen zur Interaktion sein und bleiben. Im Austausch unter den Leserinnen und Lesern liegt ein Wert, den wir sowohl für uns als Medium als auch für die Demokratie für zentral halten. Wir wollen die Interaktion mit unserer Community und dieser untereinander auch künftig weiter verstärken. Zu den zentralen Elementen gehören dabei unter anderem Leserbeiträge, Bilder sowie Videos. Ebenfalls sind Kommentare für uns oft Ausgangspunkt für eine Recherche, dank der gewisse Themen dann ergänzt oder vertieft werden können.»


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«Tages-Anzeiger» – Fabienne Romanens, Leitung Social Media

«Beim ‹Tages-Anzeiger sind seit Jahren drei freie Mitarbeiter für die Kontrolle und Freischaltung der Online-Kommentare zuständig. Sie arbeiten nach den Kommentarrichtlinien und unter Federführung des Social-Media-Teams. Wir haben die Anzahl der kommentierbaren Artikel bereits Mitte 2015 kontingentiert. Für uns gilt auch in punkto Online-Kommentare die Maxime: Qualität vor Quantität. Der Austausch zwischen Autoren und Leserschaft ist beim ‹Tages-Anzeiger sehr erwünscht. Die Social-Media-Redaktion übernimmt dabei im Allgemeinen eine Filterfunktion. Sie nimmt auf verschiedenen Kanälen konkrete Anliegen und Rückmeldungen an die Autoren auf und stellt den Erstkontakt her. Im Rahmen von – leider aktuell zu seltenen — Livechats kann die Leserschaft ebenfalls Fragen an Autoren oder Experten richten. Die Blogautoren hingegen diskutieren bereits in der Kommentarspalte mit.»


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SRF News – Konrad Weber, Leiter News Lab

«Sämtliche Redaktorinnen und Redaktoren von SRF News entscheiden über die Publikation der Kommentare und schalten diese frei. Zudem ist ein Team von Fachexperten in der SRF-News-Redaktion für die Moderation der Diskussionen und die Weiterentwicklung der Interaktion zuständig. Ich sehe die Entscheidung der NZZ auf zwei Weisen: Einerseits ist es ein wichtiger Schritt zu zeigen, dass man sich als Medienhaus um die Qualität der Interaktion auf den eigenen Kanälen kümmert. Andererseits kann der Schritt der NZZ allerdings auch als Zeichen der Kapitulation vor der Masse und fehlenden Qualität des Inputs gesehen werden. Bei SRF News diskutieren wir regelmässig mit verschiedenen internen und externen Partnern, wie wir die Interaktion mit unseren Usern noch besser gestalten können. Längerfristig sind wir aber überzeugt, dass sich unsere User bei allen Themen auf in die Diskussion einbringen können sollten. Wir denken auch über Formate nach, bei denen die Journalisten mit den Nutzern debattieren können. Bei ‹SRF Dok, verschiedenen Polit-Sendungen und in früheren Tests mit Blogs wurden solche Formate auch bereits umgesetzt.»


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«Blick» – Katia Murmann, Chefredaktorin Digital

«Das Social-Media-Team ist dafür zuständig, die rund 2000 Kommentare pro Tag zu monitoren und freizuschalten. Für die Blick-Gruppe spielt die Interaktion mit den Lesern eine grosse Rolle. Unsere Leser liefern uns nicht nur Feedback, sondern oftmals auch Inputs für Geschichten. Bisher ist es in unseren Kommentarspalten auf blick.ch nicht möglich, dass Autoren den Lesern direkt antworten. Das werden wir ändern, ein entsprechendes Projekt ist aufgegleist.»


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«Watson» – Maurice Thiriet, Chefredaktor

«Wir kümmern uns als Redaktion auch selbst um die Moderation der User-Debatten. Wir finden den Entscheid der ‹Neuen Zürcher Zeitung gut. Wir hoffen, viele NZZ-User bei uns begrüssen zu dürfen. Wir machen jetzt auch einen Extra-Picdump für die NZZ-Nutzer als Willkommensgruss. ‹Watson versteht die Kommentare unserer Nutzerinnen und Nutzer nicht als nötig-üble Beiprodukte, mit denen man den Traffic steigert, sondern als integrativen Bestandteil unseres journalistischen Informationsauftrags. Der beinhaltet auch, die gesellschaftliche und politische Debatte im Land zu begleiten und im besten Fall auch mit ein wenig Erkenntnisgewinn zu bereichern. Wenn Zeit dazu ist, diskutieren unsere Journalisten immer und zwar ohne konkretes Format oder konkreten Auftrag mit den Lesern. Beim Picdump hat sich eine eigene Kommentar-Community entwickelt, die mittlerweile in weiten Teilen des Internets auch Standards setzt in Sachen Rechtschreibung. So heissen Otter mittlerweile rechtsgültig Otten.»


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«Aargauer Zeitung» – Rolf Cavalli, Digitalchef aller Nordwestschweiz-Portale

«Das Onlinedesk ist zuständig für die Kommentarspalten. Die Betreuung beziehungsweise Freischaltung ist teilweise einem festen freien Mitarbeiter zugeteilt. Die Strategieänderung bei der NZZ ist eine interessante Idee. Es wird sich zeigen, ob die sogenannten Trolle bei ausgewählten kontroversen Themen nicht mehr auftauchen. Bei den Portalen der Nordwestschweiz haben wir mit dem Relaunch Anfang 2016 die Hürde für Kommentare erhöht (Mailadresse, Registrierung), die Qualität hat sich dadurch bereits verbessert auf Kosten der Quantität. Zudem testen wir seit einigen Monaten das Feature «Rawr». Dabei stellt man den Lesern, anstelle der Kommentarfunktion, eine Debattenfrage im Artikel. Statt einfach nur Ja oder Nein zu klicken, muss der Leser aber ein Argument dafür oder dagegen angeben. Weitere Leser können dann bereits bestehende Argumente unterstützen oder ein eigenes hinzufügen. Die Statistik der Abstimmung zu den Argumenten wird dann online immer aktualisiert. Auf diese Weise werden auch Minderheiten-Argumente angezeigt und es ergibt sich eine interessantere Debatte. Langfristig verlieren Kommentarspalten wohl an Bedeutung. Viel wichtiger werden die Sozialen Medien. Und auf Facebook kommt man nicht umhin, alle Artikel, die gepostet werden, zu überwachen und allenfalls zu moderieren. Autorendebatten sind bei den Nordwestschweiz-Portalen mittelfristig vorgesehen. Die Autoren müssen lernen, dass sich ihr Artikel da draussen im World Wide Web weiterbewegt und ein Artikel nicht fertig ist, wenn man am Schluss des Textes ‹Enter drückt. Die Interaktion mit den eigenen Lesern ist ein weites Feld, das die meisten Autoren noch entdecken müssen.»


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«St. Galler Tagblatt» – Sarah Gerteis, Leitung Onlineredaktion

«Die Online-Redaktion sichtet jeden eingehenden Leserkommentar und entscheidet über die Veröffentlichung oder Sperrung. Bei der NZZ wird es spannend sein, zu sehen, wie die User die neuen Möglichkeiten annehmen und nutzen – und ob sie den alten nachtrauern. Noch ist es bei tagblatt.ch möglich, mit einem frei gewählten Usernamen zu kommentieren. Das soll sich demnächst ändern: Wir sind mit den Vorarbeiten zu einer Clear-Name-Policy beschäftigt und erhoffen uns dadurch mehr Tiefe in der Debatte und deutlich weniger Polemik. Die Autoren schalten sich in der Regel nicht in die Debatte ein. Erreichen uns aber via Kommentare wichtige Inputs oder sachlich gerechtfertigte Kritik, wird dies an die betreffenden Redaktorinnen und Redaktoren weitergegeben, die dann die nötigen Schritte einleiten.»


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«Luzerner Zeitung» – Robert Bachmann, Leitung Onlineredaktion

«Die Lesekommentare werden von unserer Community Managerin Ramona Geiger betreut. Wir können die Überlegungen der NZZ-Redaktion gut nachvollziehen. Die Kommentarfunktion bei Artikeln auf luzernerzeitung.ch wird seit Sommer 2015 nur noch in ausgewählten Fällen aktiviert. Bevorzugt werden Themen, die die User in unserer Region mutmasslich besonders betreffen oder bewegen. Daneben stellt die Redaktion in der Regel einmal wöchentlich ein bestimmtes Thema zur Debatte. Diese sogenannten Foren haben eine längere Wirkungszeit, da der Aufruf beliebig lange auf der Website stehen kann. Demgegenüber verschwinden Artikeldiskussionen als Teil des Nachrichtenflusses schnell aus dem Blickfeld. Der direkte und öffentliche Austausch unserer Autoren mit den Lesern findet fallweise in der Kommentarspalte statt.»


Die «Neue Zürcher Zeitung» deaktiviert die Kommentarspalte und setzt neu auf Leser- und Autorendebatten. Lesen Sie zum Thema das Interview mit Oliver Fuchs, Social-Media-Leiter bei der NZZ.



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Kommentare

  • Yves S., 08.02.2017 14:09 Uhr
    Die Kommentare sind doch häufig amüsanter als die Berichte selber. Ausser die von den *-Geigen, den Besserwisser, den Klug** und den Ober***, die sind *****ss*! Wie meiner.
  • Samuel Bischof, 08.02.2017 16:39 Uhr
    Ich finde es einen guten Entscheid der NZZ, die Kommentarspalte abzuschaffen. Man gehe mal auf 20-Minuten-Online, und lese dort die Kommentare: Vorwiegend ist das virtuelle Umweltverschmutzung. 20-Minuten geht es auch nicht darum, eine Diskussion zu führen, sondern nur um Online-Klicks, um diese der Werbewirtschaft zu verkaufen. Die Meinungen sind meistens einseitig (z.B. immer Pro-Russland und Anti-Europäisch), sodass der Verdacht aufkommt, dass sich auf 20-Minuten-Online viele Trolle tummeln. Auch die Themen "Religion" und "Sex" werden auf 20-Minuten fleissig bewirtschaftet, so dass sich die unqualifizierten Kommentare nur so häufen. Meistens geht es nicht mal um das Thema, sondern die Kommentarschreiber machen sich gegenseitig fertig. Das Schlimme ist, dass die jüngere Generation vorwiegend nur noch solche Medien wie 20-Minuten konsumiert und sich ihre Meinung durch dieses Schundblatt bilden. Ich habe mir geschworen, 20-Minuten-Online zu meiden, weil die Kommentare einfach nerven! Die NZZ hingegen, die ist höchste Qualität. Sie analysiert und ordnet ein. Da braucht es nicht noch dümmliche Kommentare. Ich beglückwünsche die NZZ, und ich werde sie weiterhin abonnieren. Sie ist einfach super!
  • M. Wernli, 08.02.2017 16:55 Uhr
    Das ist keine Kapitulation der NZZ, sondern Selbstbewusstsein. Diskutieren kann man am Stammtisch. Aber die Bezahl-Medien soll den Experten überlassen werden und nicht eine Plattform sein für Hinz und Kunz. Obiger Schreiber bringt es auf den Punkt: es gibt Online-Portale, die sind eine Katastrophe (wie 20 minuten aus dem Haus Tamedia).
  • Roman Furrer, 08.02.2017 22:23 Uhr
    naja, dem kann ich nur beipflichten: tamedia ist schrott, NZZ hingegen top!!!
  • Daniel Caduff, 09.02.2017 07:17 Uhr
    Watson und 20 Minuten zeigen die beiden Extreme des Spektrums. Wo Watson es in wenigen Jahren geschafft hat, eine hohe Debattenkultur zu entwickeln, bei der ein starker Austausch zwischen Lesern und Autoren vorhanden ist, zeigt 20 Minuten, wie man es nicht macht: Eine Wutbürgerplattform wo sich der rechte Rand einen Wettkampf darum liefert, wer am lautesten schreit.
  • Marco Wyser, 09.02.2017 07:33 Uhr
    Die Aussagen von 20 Minuten sind absurd. Dort herrscht Willkür, was freigeschalten wird und das Niveau liegt unter Meeresgrund. Aber die brauchen das für den Traffic. Zahlreiche Personen lesen nur die Überschrift des Artikels und die Kommentare.
  • Ueli Custer, 09.02.2017 09:21 Uhr
    Ich stimme mit den bisherigen Kommentaren weitgehend überein, bin aber der Meinung, dass es beides braucht: Den praktisch ungefilterten Schrott auf 20 Minuten und die gepflegte Debatte auf der NZZ. Jeder Titel muss das so handhaben wie es seinem Zielpublikum und seinem Charakter entspricht – genauso wie das Layout eines Titels.
  • Stefan Kummer, 09.02.2017 10:02 Uhr
    Ich finde "Kapitulation" ein falsches Wort. Man hat probiert eine Diskussionskultur zu etablieren, hat nicht richtig funktioniert, also schafft man es wieder ab. Ist eine normale Konsequenz. Ist wie bei allem im Leben. Bedenklich finde ich mehr die Aussage "Unsere Leser liefern uns Geschichten". Tja, früher hat man selber recherchiert, heute wartet man ab ob sich jemand meldet.....
  • P. Schilter, 09.02.2017 12:55 Uhr
    Austausch? Wert? Demokratie? Wenn ich das lese, was Herr Boselli sagt, stehen bei mir die Nackenhaare hoch. 20-Minuten trägt alles andere bei als zu einer konstruktiven Diskussion, die der Demokratie dienlich ist. Das Gegenteil ist der Fall. Die freigeschalteten Kommentar auf 20-Minuten sind eher destabilisierend, und oft einseitig. Da wird sehr oft bewusst Empörung bewirtschaftet. Der Tamedia-Konzern schwafelt immer wieder von "Meinungsbildung", "Qualitätsmedien", "Demokratie usw. Warum kann man nicht zugeben, dass 20-Minuten einzig dafür da ist, möglichst viel Kohle zu machen durch Online-Klicks, es ist die Cashcow des Konzerns. Das ist nicht zu verurteilen, und ist ein Geschäftsmodell. Soweit ok. Störend aber ist, wenn Tamedia von "Austausch", "demokratischer Meinungsbildungsprozess" und anderen heeren Aufgaben schwafelt. Dabei geht es der Tamedia nur um die maximale Gewinnmaximierung (im Gegensatz zur Neuen Zürcher Zeitung, die wohl diese Online-Klicks nicht als das Nonplusultra betrachtet und in Zukunft bewusst darauf verzichtet).

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