19.12.2016

Die Vierte Gewalt

«Wahnsinnig, was alles auf einen einprasselt»

Dieter Fahrer arbeitet an einem Dokumentarfilm über die Schweizer Medienbranche. Sein Team hat bei «Bund», «Watson»und «Echo der Zeit» gedreht. Auch das Project R kommt im geplanten Kinofilm vor. Ein Gespräch über Ängste von Journalisten, die Perspektive der Nutzer und wichtige Fragen an Verlegerpräsident Pietro Supino.
Die Vierte Gewalt: «Wahnsinnig, was alles auf einen einprasselt»
«Ich frage mich manchmal, wer da von wem «geused» wird»: Der Dokfilmer Dieter Fahrer. Bilder: Franziska Rothenbühler/Bund
von Michèle Widmer

Herr Fahrer, für Ihren Dokumentarfilm «Die Vierte Gewalt» sind Sie in den letzten Monaten tief in die Welt der Schweizer Medien eingetaucht. Welchen Eindruck haben Sie von der Branche?
Es ist ein enormer Umbruch im Gang und die bisherigen Geschäftsmodelle brechen weg. Hinter den Kulissen herrscht auchl Angst – vor allem bei den älteren Mitarbeitenden. Viele Printjournalisten fragen sich, wie lange es ihren Job noch gibt. Bei den Jüngeren ist das etwas anders. Sie lernen von Anfang an, dass sie für Print und Online gleichzeitig arbeiten müssen. Der heutige Journalist muss auch Multimedia-Spezialist, Kameramann und Tonmeister sein. Dabei droht der Journalist manchmal verloren zu gehen.

Der Volksmund sieht Journalisten als Zyniker, in den letzten Monaten ist der Vorwurf «Lügner» dazugekommen. Ich hoffe, Sie können diese Bilder nicht bestätigen.
Ein gewisser Zynismus mag sich einstellen, wenn man sieht, wie es der Branche geht. Allerdings habe ich auf allen drei Redaktionen Menschen kennengelernt, die grosses Interesse am Weltgeschehen zeigen und die ein Bewusstsein über die Bedeutung ihres Berufes haben. Personen, die versuchen, innerhalb der Rahmenbedingungen das zu machen, was sie als wertvoll und wichtig ansehen. Dass nun mit dem Vorwurf «Lügenpresse» ihre Kredibilität untergraben wird, darunter leidet die ganze Branche und auch die einzelnen Mitarbeiter.

Sie haben bei den Redaktionen von «Bund», «Echo der Zeit» und «Watson» gedreht. Warum haben Sie gerade diese drei ausgewählt?
Die Idee für diesen Dokfilm ist entstanden, als meine Eltern – beides langjährige «Bund»-Leser – ins Altersheim umgezogen sind. Der Film erzählt in diesem Sinne auch eine Familiengeschichte, die durch die Erinnerungen der beiden etwas persönliches bekommt. Dass wir beim «Bund» drehen, war also klar. Mit «Echo der Zeit» integriere ich zudem eine gebührenfinanzierte und renommierte Radiosendung, die ich ebenfalls schon aus meiner Jugend kenne. Watson bringt die Perspektive eines noch jungen, rein werbefinanzierten Onlineportals ein.

Beschreiben Sie die Atmosphäre in den drei Redaktionen.
Bei Watson habe ich etwas sehr Lustvolles gespürt. Das ist die Stärke des jungen Onlineportals und das spüren die Leser. Hier arbeiten viele junge Journalisten und Praktikanten, die viel Arbeit und Verantwortlichkeiten abdecken. Doch man nimmt auch Druck wahr, weil das junge Portal noch nicht rentiert. Beim «Bund» habe ich den Anspruch bemerkt, ein Blatt zu machen, das einordnet und Relevanz hat. Allerdings schwingt auch etwas Schwermut mit. «Der Bund» ist ja keine Vollredaktion mehr. Viele Inhalte kommen vom «Tages-Anzeiger» und die Auslandberichterstattung vermehrt von der «Süddeutschen Zeitung». Und die Verlagspolitik stösst einigen im Team auch sauer auf. Man fühlt sich zu wenig gewürdigt.

Ist dieser Spardruck auch beim «Echo der Zeit» da?
Auch bei der SRG gibt es Sparprogramme. Jedoch ist «Echo der Zeit» als eines der Flaggschiffe des Schweizer Radio- und Fernsehens davon weniger betroffen. Hier kann sich das Redaktionsteam noch auf ein eng angebundenes, weltweites Korrespondentennetz abstützen und es hat auch genug Zeit, um die eigene Arbeit immer neu zu hinterfragen.

Auch das Project R der beiden Journalisten Constantin Seibt und Christof Moser kommt im Film vor. Wie kam es dazu?
Im Laufe meiner Recherche ist mir Christof Moser aufgrund seiner kritischen Äusserungen zur Medienentwicklung aufgefallen. Bei einem Treffen hat er mir von Project R erzählt. Er bot mir an, das Projekt in der Entwicklung zu begleiten.

Bisher weiss die Öffentlichkeit noch wenig über die Pläne von Seibt und Moser. Was hat Sie davon überzeugt, Project R eine Bühne zu geben?
Einerseits wird das Unternehmen von Leuten aus der Taufe gehoben, die in der Branche einen Namen haben. Sie wollen den jetzigen Entwicklungen etwas entgegenstellen. Unabhängigkeit und ein sehr enger Bezug zur Leserschaft sind wichtige Credos. Dazu kommt ein dramaturgisches Element: Mit Project R entwickelt sich etwas Neues – mit offenem Ausgang.

Wo haben Sie gedreht?
In einem Garten, in einem Loft und in einer Wohnung mit Kaminfeuer. Project R hat noch kein eigenes Büro, und damit hebt sich der Schauplatz von den anderen ab.

Ich nehme an, Sie haben Moser und Seibt zu Ihrem Geschäftsmodell befragt. Wie beurteilen Sie das?
Ich darf dazu nicht mehr sagen als bereits bekannt ist. Es sind engagierte Geldgeber an Bord. Wir werden sehen, was daraus wird.

Sie selber bringen im Dokumentarfilm Ihre Meinung als Medienkonsument ein. Was ist da zu erwarten?
Ich bin bald 60 Jahre alt und habe ein grosses Interesse an Medien, auch weil ich ja selbst Medienschaffender bin. Gleichzeitig fühle ich mich extrem bewirtschaftet von den Medien. Es ist wahnsinnig, was alles auf einen einprasselt, wenn man sich nicht abschottet – und das Medienkarussell dreht sich immer schneller. Das sehe ich als Problem. Die Aufnahmefähigkeit und die Aufmerksamkeit eines Menschen ist eine beschränkte Ressource. Wird das zu viel, klinken sich die Menschen aus oder die Wahrnehmung wird oberflächlich. Heute spricht man ja immer von den «Usern». Ich frage mich manchmal, wer da von wem «geused» wird. Das Medium vom Nutzer, oder der Nutzer vom Medium?

Sie werfen den Medien vor, dass sie zu viel berichten?
Nicht zu viel, aber zu viel Unwichtiges, Seichtes, Abstumpfendes und auf billige Effekte Abzielendes. Es geht mir darum, eine Entwicklung aufzuzeigen. Meine Eltern lasen früher den «Bund» und hatten das Gefühl informiert zu sein. In Anbetracht der Informationsflut, die durch das Internet auf die Menschen einprasselt, müssen die Medien mehr Orientierungshilfe leisten.

Seit der Wahl von US-Präsident Donald Trump wird viel über Fake-News berichtet.
Falschmeldungen und Manipulation sind so alt wie die Medien selbst. Aber da Nachrichten sich heute in Windeseile verbreiten und vermehren, sind die Auswirkungen gravierender. Und sie sind zu einem lukrativen Geschäft und zu einem Machtfaktor geworden. Es geht einzig darum Aufmerksamkeit zu erhalten. Dafür versucht man die Leute bei ihren Ängsten zu packen und Emotionen auszulösen. Das gilt für die Politik genauso wie für die Medien. Doch auch wir, die Medienkonsumierenden sind korrumpierbar geworden, durch unseren Wohlstand, den wir auf keinen Fall gefährden wollen.

Inwiefern findet die Wahl Trumps im Film statt?
Wir haben rund um die Wahlnacht intensiv und vielschichtig gedreht. Die Redaktionen haben sich auf die Wahl von Hillary Clinton vorbereitet und diesbezüglich Artikel vorgeschrieben und vorproduziert. Watson hat dies mit einem eindrücklichen Film transparent gemacht, in dem diese Artikel vor laufender Kamera durch den Schredder gelassen wurden. Für mich sind diese Aufnahmen symbolisch für den Druck, der zurzeit herrscht und für die Geschwindigkeit, mit der alles plötzlich eine ganz andere Wende nimmt.

Welche Kernbotschaft wollen Sie vermitteln?
Ich gehe nie mit einer Botschaft in eine Projekt hinein, sondern mit Neugier. Aber sagen wir es so: Ich bin froh, wenn der Film am Schluss mithilft, ein Bewusstsein zu schaffen, dass guter Journalismus Zeit und Geld kostet und dass er ungemein wichtig ist, gerade weil die Welt sich immer schneller dreht und die Fragen, die uns beschäftigen immer komplexer und undruchsichtiger werden.

Im April starten Sie mit dem Schnitt. Sehen Sie jetzt schon, was Sie dabei am meisten fordern wird?
Die Materie ist komplex und Sprache wird sehr wichtig werden. Doch das ermüdet auch. Der Film muss unbedingt auch einen sinnlichen Zugang liefern. Fülle lässt sich nur vor dem Horizont der Leere erfahren, Geschwindigkeit fordert Langsamkeit, Lärm braucht Stille. Dass Journalisten heute den grössten Teil ihrer Zeit vor dem Bildschirm, am Telefon und in Sitzungen verbringen macht es nicht einfacher. Wir haben Szenen mit Journalisten gedreht, welche die Redaktion für ihre Recherche verlassen. Doch diese Arbeitsweise ist seltener geworden. Da will ich dem Publikum kein falsches Bild vermitteln.

Welche Drehtermine stehen bis dahin noch an?
Der Drehplan verändert sich laufend. Aber es gibt natürlich fixe Termine wie zum Beispiel die Nachwahlen zum Berner Stadtpräsidium oder die Drei-Jahres-Jubiläumsparty von Watson. Auch eine Interviewanfrage mit Tamedia-Verleger Pietro Supino ist noch hängig.

Was werden Sie den Verlegerpräsidenten fragen?
Mich interessiert natürlich, wo er die Stärken des «Bund» sieht, wo seine Schwächen und wie er die Zukunft des Traditionsblatts aus Bern einschätzt. Wie lange werden die gedruckten Tageszeitungen noch überleben? Tamedia ist ja längst nicht mehr nur ein publizistisches Unternehmen, sondern es besitzt zahlreiche Onlineportale, die aus dem Geschäft mit Kundendaten gute Gewinne generieren. Liegt da die Zukunft? Was bedeutet das für die publizistischen Unternehmenszweige? Und wie sollen die Schweizer Verlagshäuser gegen die publizistische Vereinnahmung durch Facebook oder Google bestehen?


 

Zur Person und zum Dokumentarfilm

Dieter Fahrer ist 1958 geboren und arbeitet als Regisseur, Kameramann und Produzent. Im Dokumentarfilm «Thorberg» (2012) widmete er sich dem Thema Strafvollzug und für die Altersheimstudie «Que sera?» erhielt er 2004 den Berner Filmpreis und den Prix Suissimage/SSA. Beide Filme wurden auch für den Schweizer Filmpreis nominiert. «Thorberg» wurde zudem mit dem 3sat-Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet.

Die Dreharbeiten für «Die Vierte Gewalt» laufen seit September dieses Jahres. Der Dokumentarfilm zeigt Journalisten bei ihrer täglichen Arbeit, befragt sie zu den Möglichkeiten und Grenzen des Journalismus, zum rasanten Wandel in der Aufmerksamkeitsbranche und dessen Auswirkungen auf die Öffentlichkeit und den Diskurs in der Demokratie. Das Projekt ist eine Koproduktion mit dem Schweizer Radio und Fernsehen SRF und erhält Fördermittel vom Bundesamt für Kultur (Sektion Film) und der Berner Filmförderung. Das Gesamtbudget liegt bei 600'000 Franken.



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