10.07.2017

Stämpfli Regula/Juni 2017

«Ich bin eine ‹force de la nature›!»

Die Berner Politologin und Autorin Regula Stämpfli gehört zu den pointiertesten Beobachterinnen des Zeitgeschehens. «persönlich» hat sich mit ihr über Donald Trump, den Feminismus und das Zeitungsprojekt Republik unterhalten.

Frau Stämpfli, Sie leben seit einigen Jahren in München. Wie beurteilen Sie momentan den Zustand der Welt?
Sie dreht sich noch. Noch ...

Wer macht Ihnen mehr Angst: Trump oder Erdogan?
Erdogan ist wie alle Diktatoren. Glücklicherweise ist die Türkei aber nicht gross genug, um mir Angst zu machen. Trump ist nicht mein Problem, sondern das der Amerikanerinnen und Amerikaner.

Und Frau Merkel, wird sie wiedergewählt?
Selbstverständlich – wer denn sonst? Oder sehen Sie irgendwo eine Alternative?

Wie erleben Sie in München die ganze Flüchtlingskrise?
In der Krise stecken die Ureinwohner, nicht die Flüchtlinge. Derzeit gibt es islamische Ghettos – bald wird es bayrische geben.

Ist dies für Ihren Alltag wichtig?
Nur wenn ich aufs Flugfeld radle und mir überlegen muss, ob ich Shorts oder doch lieber die lange Trainingshose anziehen soll – wobei ich da nicht sicher bin, ob dies weniger mit der kopftuch- und bärtetragenden Nachbarschaft als vielmehr mit meinem Instinkt, was an mir besser aussieht, zusammenhängt (lacht).

Sie sind sehr viel in Brüssel. Wie ist die Stimmung in der EU?
Brüssel ist das eine, die EU das andere. In Brüssel kann man nach wie vor wie Gott in Frankreich essen. In der EU wimmelt es von selbstverliebten und depressiven Leuten – je nach politischer Einstellung. Generell ist aber die Distanz zwischen mir als Selbstständiger und meinen Freunden in den Institutionen seit der Finanzkrise enorm gewachsen. Die Festangestellten haben keine Ahnung, was momentan im realen Leben passiert. Null. Zero. Nada. Deshalb verbringen wir alle unser Leben mehr und mehr mit Formulareausfüllen und Abgabenzahlen statt mit richtiger Arbeit.

Sehen Sie denn eine Alternative?
Klar! Führen wir endlich ein bedingungs-loses Grundeinkommen ein! Dann würde die Komplizenschaft zwischen Kapitalisten und Staatsdienern durchbrochen.

Nimmt man die Schweiz im Ausland überhaupt wahr?
Ja. Als Wunschkandidatin für eine neue Nettozahlerin, als die Gnome bei Harry Potter und als Paradies für Millionäre. Ab und an diskutieren wir über die direkte Demokratie, da die Europäische Bürgerinitiative ja nicht zuletzt von mir ihren Namen hat. Aber grundsätzlich läuft die Schweiz unter der Rubrik «Panorama». Doch in Brüssel bin ich die viel bessere Schweizerin als in Bern (lacht).  

Welche Themen aus der Schweiz interessieren vor allem?
Medien, öffentliches Beschaffungswesen, Gesundheits- und Geldpolitik. Daraus folgen dann so Kolumnentitel wie «Embryo to go», «Bullshit-Jobs und Banksprech», «Redbullisierung der Medien» oder «Blowjob-Bots».

Nun wird auch die ganze Energiepolitik verstaatlicht. Hat Sie dies gefreut?
Ganz ehrlich? Da halte ich mich raus, solange noch Strom aus der Steckdose kommt. Energiepolitik ist nicht mein Kernthema – so to speak (lacht).

Hat das Schweiz-Bild im Ausland in den vergangenen Jahren Schaden genommen?
Finde ich nicht. Schweiz ist immer noch Schokolade, Banken und Berge. Und es erstaunt immer noch alle, dass ich tatsächlich eine waschechte Schweizerin bin (lacht). In Deutschland ist es zum Sport geworden, über die Schweiz herzuziehen, weil alle dorthin ziehen möchten und es auch erfolgreich tun, siehe Universitäten und Spitäler.

Nun hat ja die Schweiz mit Doris Leuthard eine «Sonnenkönigin», wie der Blick schreibt. Dies wird Sie als überzeugte Feministin freuen.
Sind Sie wahnsinnig? Ich bin Demokratin bis auf die Knochen. Königinnen in der Politik sind ein absolutes No-Go. In der Gala, der Bunten oder der Schweizer Illustrierten interessieren sie mich mehr.

Eine Ihrer letzten Kolumnen trug den Titel: «Sind Sie Feministin?» Sind Sie eine?
Mein Lebensmotto lautete immer: Wenn alle für etwas sind, wie heutzutage beim «We should all be feminists», werde ich hellhörig und muss meine Position verändern. Ich misstraue jeder Mehrheit.

Hat sich Ihr Verhältnis gegenüber Frauenanliegen in den letzten Jahren verändert?
Absolut. Feminismus ist in vielen Bereichen eine weisse Oberschichtsfrauen-Angelegenheit geworden. Und ein Brand, der sich perfekt verkaufen lässt. Das ist ebenso wenig der Feminismus, den ich meine, wie Gerhard Schröder Sozialdemokratie definiert hat.

Werden Frauen in Europa immer noch -benachteiligt?
Ja.

Was machen sie denn falsch, dass sie nicht häufiger in Spitzenpositionen vertreten sind?
Dasselbe wie die Männer, wenn es um Frauen geht. Männer und Frauen trauen Frauen wenig zu und haben Angst vor ihnen. Denken Sie daran: Selbsthass ist ein grosser kapitalistischer Motor, und die Frauen haben sich darin tragischerweise perfektioniert. Zudem lassen Kalorienzählen und tägliches Fitnessprogramm neben Lohnarbeit, Haushalt, Kindern und Ehemann wenig Zeit für das entscheidende Bier mit Chef und Arbeitskollegen. Angesichts der europäischen Spitzenfrauen Le Pen, Weidel, Lagarde und May gefriert mir das Blut in den Adern. Mein früherer Schlachtruf, «Die Zukunft ist weiblich», entwickelt sich momentan zum Albtraum.

Also sind Sie doch keine Feministin mehr?
Ich bin vor allem Regula Stämpfli – das meine ich durchaus im kantschen Sinne und werde nicht mal rot dabei (lacht). Nun aber mal ganz im Ernst: Das biologische Geschlecht ist Kinderkram, das Geschlecht in Kultur, Wissenschaft und Politik indessen eine todernste Angelegenheit. So bin ich etwas vorsichtiger geworden.

Sie haben sich früher einmal darüber beschwert, dass Sie keine Professur in Zürich bekommen haben. Hatte dies mit Ihnen oder mit Ihrem Geschlecht zu tun?
Mit meinem «fehlenden Stallgeruch», wie dies die damalige Präsidentin des Nationalfonds vor versammeltem Gremium meinte, was mir sofort von einer neidischen Kollegin genüsslich unter die Nase gerieben wurde. Ich bin eine «force de la nature» – sowohl intellektuell als auch physisch. Diese Kombination ist heute auch bei Männern ein veritabler Unikarrierekiller. Und Sie wissen ja: Alphaweibchen stellen Alphas ein – Betamännchen nur Omegas.

Wie sehr sind Sie vom französischen -Präsidenten Macron mit seiner älteren Partnerin beeindruckt?
Gar nicht.

Sie sind in einer Metzgerfamilie in Bern aufgewachsen. Gab es ein Schlüsselerlebnis, wodurch Sie politisiert wurden?
Falsch «on both accounts». Ich bin eigentlich in Biel geboren, mein Vater war meistens arbeitslos, sah dafür aus wie Cary Grant, und meine Mutter war Kassiererin und hat mich, zusammen mit meiner Grossmutter, enorm geprägt. Ich bin schon als «animal politique» geboren.

Wollten Sie selber nie aktiv in die Politik?
Mit Claude Longchamp wurde ich mal als persönliche Mitarbeiterin vorgeschlagen. Glücklicherweise habe ich mich aber auf dem Weg nach New York unfassbar verliebt (lacht fröhlich). Bei der Wahl zwischen Karriere und Sex würde ich immer Letzteres wählen.

Sie sind auch Kolumnistin, unter anderem beim Blick am Abend und bei der Basler Zeitung, zwei sehr unterschiedlichen Publikationen. Reagieren deren Leser jeweils anders auf Ihre Kommentare?
Im Blick am Abend werde ich beschimpft oder gelobt, bei der BAZ belehrt – und dies nicht mal auf unkluge Art, im Gegenteil. Ich wurde schon einige Male aufgrund einer BAZ-Kolumne engagiert.

Welche Themen erzeugen am meisten Reaktionen?
Alle. Ich kann über den Bandwurm schreiben, und schon meldet sich ein Amtsdirektor aus dem Kanton Bern, um mir seine Enttäuschung über das Geschriebene mitzuteilen (lacht).

Seit vielen Jahren geben Sie Unterricht am MAZ in Luzern. Wie beurteilen Sie den Schweizer Medienmarkt?
Im Jahr 2012 hat das MAZ die politische Grundausbildung neu strukturiert. Nachdem ich diesen Standard auf Facebook moniert hatte, wurde mir der über zwanzigjährige Lehrauftrag, den ich schon als Studentin -innehatte und der Hunderte von Journalistinnen und Journalisten inspiriert hatte, gestrichen. Eine ganz, ganz böse Geschichte. Dafür kriegte ich zur selben Zeit ein dickes Mandat in Ulm. Zum Thema Medienmarkt müssen wir mal ein separates Interview führen.

Welche Medien konsumieren Sie?
Abonniert habe ich die Süddeutsche, dann lese ich viele Gratishefte und -magazine, weil ich oft mit dem ÖV unterwegs bin. Talks schaue ich mir über Mediatheken an, und ich bin ein Serienjunkie.

Wie stehen die Schweizer Medien im Vergleich zu den deutschen da?
Sehr gut, vielfältig, viel demokratischer, offener im Diskurs, direkter eben.

Sie sind sicher eine Anhängerin des neuen Internetprojekts Republik ...
Sie täuschen sich. Hören Sie rein in unsere Kritik des Republik-Manifests im Podcast #NoRadioShow.

Haben Sie auch einbezahlt?
Nein.

Wird sich dieses Projekt durchsetzen?
Das Republik-Magazin wird wahrscheinlich der publizistische Arm für die Operation -Libero, für die Grünliberalen oder für ähnliche Bewegungen – vergleichbar mit Macrons En Marche in Frankreich. Mal sehen. Den Werbeerfolg, den Republik hatte, hätte ich mir aber lieber für die WOZ oder auch für Ensuite – Zeitschrift zu Kultur & Kunst gewünscht, für die ich auch schreibe. Denn ich sehe den Journalismus nicht wegen der Verlagsstruktur in der Krise, sondern wegen der Inhalte.

Darüber müssen wir mal länger reden. Letzte Frage: Wann kehren Sie wieder in die Schweiz zurück?
Ich bin doch schon lange wieder da, nur merkt das niemand, weil Diepoldsau nicht sexy genug ist. Aber ich bin brav auf der Rheininsel, und es gefällt mir dort saugut. Das heisst aber nicht, dass ich als Nomadin nicht wie üblich – vor allem jetzt, wo meine Kinder langsam ausfliegen – überall in Europa zu Hause bin, in den letzten Monaten vor allem in Athen.



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