30.11.2016

Journalist des Jahres 2016

«Die Woz ist das Beste, was mir passieren konnte»

Daniel Ryser von der «Wochenzeitung» ist der «Journalist des Jahres 2016». Ist seine Reportage «Die Dschihadisten von Bümpliz» tatsächlich seine beste Arbeit? Gegenüber persoenlich.com versucht Ryser zu ergründen, warum die Woz dieses Jahr gleich mehrfach abräumte.
Journalist des Jahres 2016: «Die Woz ist das Beste, was mir passieren konnte»
Er will sich Leuten annähern, die öffentlich nicht gut dastehen: Daniel Ryser (Bild: zVg.)
von Edith Hollenstein

Herr Ryser herzliche Gratulation. Wie wird man Journalist des Jahres?
Bei aller Unbescheidenheit: Ich wurde sehr überrascht von dieser Auszeichnung. Aber um ihre Frage zu beantworten: Der Faktor Zeit war womöglich ausschlaggebend. Sich Zeit nehmen, rausnehmen aus dem Tagesgeschäft, selbst wenn einem dauernd News, gerade auch in Bezug auf das Thema, das man recherchiert, um die Ohren fliegen.

«Brillant» resp. «grandios» sei die Recherche «Dschihadisten von Bümpliz». Inwiefern ist dies auch aus Ihrer Sicht das wichtigste Stück, welches Sie je schrieben?
Für mich sind alle jene Stücke besonders wichtig, wo ich mich versuche Leuten anzunähern, die öffentlich nicht gut dastehen, wo die Meinungen meist schon vorgefasst sind. Das bietet sehr viele Absturzmöglichkeiten. Darf mir diese Person trotz aller öffentlichen Schmähung sympathisch sein? Darf ich trotzdem schreiben, was ich sehe und was ich ehrlich empfinde, auch wenn die porträtierte Person, mit der ich viel Zeit verbrachte, danach womöglich nie mehr mit mir redet? Was an diesem Stück besonders wichtig war, war die Arbeit der Woz-Redaktion.

Inwiefern?
Ich schrieb 107'000 Zeichen, und die einzige Reaktion war, dass man das möglich machen will, und das dann auch möglich gemacht hat. Letztlich aber, so meine ich, wird man ja nicht wegen einer einzigen Geschichte Journalist des Jahres.

Sie sind gelernter Zigarrenverkäufer, haben Sie vor Jahren einmal gesagt. War das ein Witz?
Warum sollte das ein Witz sein? Bevor ich Journalist wurde, arbeitete ich bei Urs Portmann in Kreuzlingen als Zigarrenverkäufer. 

Irgendwann haben Sie doch angefangen zu studieren.
Ja, aber erst kürzlich. An der Universität Fribourg kann man ab 30 ohne Matura studieren. Ich studiere dort nach wie vor Zeitgeschichte.

Was hat Ihnen dieses Studium gebracht?
Die vertiefte Auseinandersetzung mit Themen wie Migration oder Islamismus, fernab von jeglicher Hektik, bringt mir sehr viel. Es hat durchaus Vorteile ein Studium in Angriff zu nehmen, wenn man etwas älter ist. Man sucht sich die Dinge viel präziser aus. Okay, ich gebe zu, es hat auch viele Nachteile. Zum Beispiel was meinen Kontostand angeht. Oder wenn dir ein Dozent, der fünf Jahre jünger ist als du, sagt: «Herr Ryser, wir sind hier nicht auf der Woz, diese Arbeit ist leider viel zu salopp geschrieben, komplett unwissenschaftlich, ich muss sie leider durchfallen lassen.»

Sie sind jetzt seit 2014 wieder bei der WoZ, nach einem Abstecher beim «Magazin» (2011-14). Warum haben Sie diese prestigeträchtige Redaktion wieder verlassen?
Prestige hin oder her, es hat damals einfach nicht gepasst.

Warum?
Ich habe mich im aktuellen und ausführlichen Interview mit dem «Schweizer Journalist» dazu geäussert und möchte es dabei belassen.

2011 haben Sie geschrieben: «Die Woz ist das Beste, was mir als Journalist bisher passiert ist». Nun müssen Sie ja lebenslang dort bleiben.
Ich muss gar nichts. Aber ich denke, diese Auszeichnung bestätigt meine Worte von damals: Die Woz ist das Beste, was mir als Journalist passieren konnte.

Was haben Sie sonst noch vor beruflich?
Schreiben, schreiben, schreiben. Reportagen. Ganze Bücher voller Reportagen. Und zwischendurch reisen. Oder beides verbinden. Aber journalistisch will ich eigentlich schon den Fokus auf die Schweiz halten. Hier geht die Post ab.

Kurt Zimmermann sagt, Ihre Wahl sei eine Protestwahl. Journalisten würden die alten Zeiten ohne Spardruck wieder haben wollen. Sehen Sie das auch so?
Meine Lieblingsjournalisten sind fast alle tot, das heisst, ich hänge selbst irgendwie in alten Zeiten fest, die anscheinend toll waren. Aber mit der Verklärung von früher muss man ja auch ziemlich aufpassen. Ich würde meine Wahl auch nicht überhöhen. Aber natürlich spüre ich ja selbst den Unterschied, wenn man auf einer Redaktion nicht dauernd davon redet, dass die nächste Sparrunde ansteht. Und vielleicht hat das schon eine Rolle gespielt, und vielleicht hat man das der ganzen Beilage angemerkt: Ich sass auf der Redaktion, und Franziska Meyer vom Layout machte wochenlang Überstunden, um dieses Projekt zu realisieren. Armin Büttner, Adrian Riklin, Florian Keller, Dinu Gautier, sie hantierten sprachlich und inhaltlich an meinem Text rum, bis ihnen die Augen zu fielen. Und Camille Roseau vom Verlag hat viel Zeit investiert, die Beilage richtig zu verkaufen. Der Fokus lag bei allen voll und ganz auf der Story, auf dem Journalismus. Dass dies nun honoriert wurde, das freut mich als Journalist sehr.

*Daniel Ryser hat die Fragen schriftlich beantwortet



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