14.08.2017

Innovative Radionachrichten

«Formatradio? Ein Gruselwort!»

Farblos, leblos, emotionslos: Immer mehr Radiosender sehen News als notwendiges Übel. Es gebe zudem einen starken Trend zur De-Professionalisierung, sagt Dietz Schwiesau, Trimedialer Nachrichtenchef bei MDR Sachsen-Anhalt. Die Thesen eines Newsprofis zur Zukunft der Radionachrichten.
Innovative Radionachrichten: «Formatradio? Ein Gruselwort!»
«Radio gibt es jetzt seit fast 100 Jahren. Wer sich alte Aufnahmen anhört, merkt: Viel hat sich da nicht getan», sagt Nachrichtenprofi Dietz Schwiesau. (Bild: zVg.)
von Christian Beck

Herr Schwiesau*, auf Ihrem Twitterprofil steht: «Nachrichtenmachen ist ein hartes Brot». Haben Sie sich daran schon mal die Zähne ausgebissen?
Noch sind meine Zähne vollständig. Aber Nachrichtenmachen ist für mich schon die Königsdisziplin des Journalismus. In der Flut der Informationen müssen die Nachrichtenleute den Kopf oben behalten, schnell das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden, komplizierte Sachverhalte einfach darstellen und die Sprache perfekt beherrschen, bis hin zum Konjunktiv 2. Und das alles unter hohem Zeitdruck. Das ist schon ein hartes Brot. Aber das macht auch viel Spass.

Offenbar lassen viele die Hände vom harten Brot. Aus einer kürzlich veröffentlichten Privatradiostudie geht hervor, dass in der Deutschschweiz in der Hauptsendezeit nur gerade während 16 Minuten Lokalinformationen zu hören sind. Reicht das?
Ich kann das nur für die Radioszene in Deutschland beschreiben. Hier sehen leider viele Stationen, vor allem beim Privatfunk, in den Nachrichten nur noch ein notwendiges Übel. Dahinter steckt wohl der Glaube, dass Nachrichten für das Image eines Senders keine grosse Rolle spielen. Das ist ein Irrglaube. Die Hörer sehen das anders.

Die erwähnte Programmanalyse zeigt auch, dass die Radios ihre Informationsproduktion in den letzten Jahren zurückgefahren haben. Woran könnte das liegen?
Wer gute Nachrichten bieten will, muss dafür Geld ausgeben. Nachrichten aus dem In- und Ausland gibt es meist wie Sand am Meer, regionale oder lokale Nachrichten muss man sich meist selbst beschaffen. Und dafür braucht man Personal, gut ausgebildete Redakteure, die ihr Handwerk beherrschen. Stattdessen ist Nachrichtenmachen heute zum Volkssport geworden, auch im Radio. Ich beobachte seit Jahren einen starken Trend zur De-Professionalisierung in unserem Geschäft. Nachrichtenmachen? Das kann irgendwie jeder – zumindest aus der Sicht vieler Chefs.

Weniger News kann für ein Lokalradio nicht der richtige Weg sein.
Definitiv nicht. Warum schalten denn Hörerinnen und Hörer ein Lokalradio ein? Sie wollen Musik. Ganz klar. Aber sie wollen auch wissen, was vor ihrer Haustür passiert. Wenn sie das nicht erfahren, können sie auch einen anderen Sender einschalten. Oder gleich Spotify.

Sie plädieren für innovative Nachrichtenformate. Weshalb braucht es die?
Radio gibt es jetzt seit fast 100 Jahren. Wer sich alte Aufnahmen anhört, merkt: Viel hat sich da nicht getan. Sprecher lesen nach wie vor oft schriftliche fixierte Texte vor. Das können inzwischen auch Computer, so wie die App Newsbeat. Den Computern sollten Nachrichtenredakteure nicht kampflos das Feld überlassen. Und sie müssen sich natürlich in einem Umfeld mit vielen neuen Nachrichtenangeboten behaupten.

Sie sprechen damit die Nachrichten im Internet und den sozialen Netzwerken an: ein Fluch oder ein Segen für die Nachrichtenmacher im Radio?
Eine grosse Chance. Internet und Radio – das sind für mich beste Freunde. Wir haben viele neue Nachrichtenquellen, die wir natürlich prüfen müssen. Jetzt haben wir vor allem die Möglichkeit, mit unseren Hörern im Dauer-Dialog zu sein, über Twitter, Facebook oder Whatsapp. Das finde ich grossartig. Die Informationen des Radios mit allen Medien zu vernetzen, das ist eine der grossen Herausforderungen. Nachrichten nur im Radio zu machen, das allein genügt nicht mehr. 

Sie veröffentlichten 15 Thesen zur Zukunft der Radionachrichten. Eine davon heisst: Glaubwürdig sein. Sind Radios heute zu wenig glaubwürdig?
Ja, leider. Das bestätigen alle Umfragen. Bei der Glaubwürdigkeit landet das Radio hinter der Presse und dem Fernsehen. Gerade angesichts der Diskussion über die angebliche Lügenpresse muss das Radio hier deutlich mehr tun.

Und woher kommt das?
Viele Nachrichtensendungen sind heute nur noch Informationsschnipsel. Die ganze Welt in anderthalb Minuten. Da haben Nachrichtenredakteure keine Chance, Ereignisse auch mal detaillierter zu beschreiben oder widersprechende Standpunkte darzustellen. Da bleibt viel auf der Strecke, auch die Glaubwürdigkeit.

Glaubwürdigkeit alleine ist aber noch keine Innovation. Hingegen Ihre These, Nachrichten variabel aufzubauen. Wie würde das tönen?
Die Hörer würden uns besser verstehen. Nachrichtenleute klammern sich meist starr an die Nachrichtenpyramide, an den heiligen Leadsatz. Dabei zeigen alle Studien: Wir senden meist an den Hörern vorbei. Wer verständliche Nachrichten bieten will, muss sie variabel aufbauen, der kann zum Beispiel auch mal mit einer moderativen Hinleitung, mit einem Hintergrundsatz oder mit einer Frage beginnen.

Die meisten Radios sind sogenannte Formatradios. Passen variabel aufgebaute News überhaupt zu einem Formatradio?
Formatradio? Ein Gruselwort! Das klingt steif und starr. Der Hörer will sich im Radio informieren – schnell, kurz, verständlich. Wie die Nachricht aufgebaut ist, interessiert ihn überhaupt nicht. Hauptsache, er hat sie verstanden. Wir sollten auch an die Nachrichten mal etwas frische Luft lassen.

Sie fordern auch «mehr Radio in den Nachrichten». Was heisst das?
Attraktives Radio – das sind Stimmen, Geräusche, Klänge, Töne. Ja, natürlich! Das sieht jeder so. Aber in den Nachrichten? Bitte nicht! Sie sind meist farblos, leblos, emotionslos. Wir sollten das alles auch in die Nachrichten holen. Nachrichten müssen auch Hörerlebnisse sein (vgl. Audiobeispiele unten).

Und diese Hörerlebnisse sollen von Persönlichkeiten präsentiert werden, so eine weitere Forderung. Müssen Journalisten zu einer Marke werden?
Die Newsanchor im Fernsehen oder die Youtube-Stars wie Le Floid machen uns das vor. Hier stehen Nachrichtenleute mit ihrem Namen für professionelle Nachrichten. Wer kennt schon eine Nachrichtenfrau oder einem Nachrichtenmann aus dem Radio? Das muss sich ändern.

Gerade viele Lokalradios sind aber eigentliche Ausbildungsradios. Dürfen nur noch Persönlichkeiten ans Mik, haben Newcomer keine Chance mehr.
Lokalradios sind erstklassige Trainingslager – auch für Nachrichtenmacher. Das Lokalradio der Universität Leipzig, Mephisto, bastelt gerade an einem neuen Nachrichtenkonzept: Newstalk, Nachrichten im Dialog. Hier trauen sich junge Leute mal etwas Innovatives zu. Sie werden viele Erfahrungen sammeln.

Sie sagen auch, weniger Themen sollen es in den News sein, dafür besser recherchierte aus der Region. Ist das Lokale der Schlüssel zum Erfolg?
Bei den Konferenzen und Seminaren zur Zukunft der Radionachrichten beklagen alle Redakteure: Wir jagen jeden Tag, jede Stunde zu viele Säue durchs Dorf. Wir müssen die Zahl der Themen reduzieren. Wir sollten ausführlicher über die Ereignisse berichten, die für unsere Hörer wirklich relevant sind. Das Lokalradio kann da beispielgebend sein.

Was glauben Sie, welche Zukunft haben Lokalradios?
Das Lokalradio, das in der Heimat der Hörer verwurzelt ist, ist ein starker emotionaler Anker in der globalisierten Welt. Es muss seine Stärken nur deutlich hörbar machen – auch und gerade in den Nachrichten. Dann hat auch das Lokalradio eine Zukunft.


* Dietz Schwiesau ist Trimedialer Nachrichtenchef von MDR Sachsen-Anhalt, Nachrichtentrainer, Autor von mehreren Nachrichtenbüchern und Honorarprofessor an der Universität Leipzig. Der Experte wird immer wieder von Radiostationen eingeladen, um Workshops zu veranstalten – auch schon von Radio SRF. Am Swiss Radio Day vom 24. August im Zürcher Kaufleuten spricht der 56-Jährige über innovative Radio-Nachrichtenformate.

 

 



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