27.12.2017

Wirtschaftsjournalist des Jahres

Michael Ringier kritisiert die Wahl von Lukas Hässig

Michael Ringier, Verleger und Verwaltungsratspräsident von Ringier, vergleicht den Betreiber von «Inside Paradeplatz» mit dem FC-Sion-Boss Constantin und wundert sich nicht nur über jene Journalisten, die ihm die Stimme gegeben haben, sondern auch über die Begründung für die Auszeichnung.
Wirtschaftsjournalist des Jahres: Michael Ringier kritisiert die Wahl von Lukas Hässig
Michael Ringier kann die Wahl Lukas Hässigs zum «Wirtschaftsjournalist des Jahres» nicht verstehen. (Bild: Keystone/Walter Bieri)

Michael Ringier, Verleger und VR-Präsident des Ringier-Verlags, stört sich an der Wahl von Lukas Hässig, dem Betreiber von «Inside Paradeplatz», zum «Wirtschafsjournalisten des Jahres». (persoenlich.com berichtete). Diese Wahl wird alljährlich vom Branchenmagazin «Schweizer Journalisten» durchgeführt, wobei in einer Onlinebefragung 1200 Journalisten kontaktiert werden.

In einem Kommentar, der am Mittwoch auf dem hauseigenen Ringier-Intranet publiziert wurde, vergleicht der Verleger Lukas Hässig mit dem FC-Sion-Präsidenten Christian Constantin, des – laut Ringier – bekanntesten Fussballpräsidenten der Schweiz. «Das ist weniger der Leistung seines Teams als der Einzelleistung des Präsidenten zu verdanken. Denn er hatte vor einigen Wochen einen unliebsamen Fernsehkommentator und früheren Fussballtrainer kurzerhand mit Ohrfeigen und Fusstritten traktiert (persoenlich.com berichtete). Der hatte sich die journalistische Freiheit genommen, einige kritische Kommentare über den Präsidenten und Eigentümer des FC Sion zu äussern», so Ringier. Die Reaktion der Schweizer Journalisten sei so klar wie vorhersehbar gewesen: Grosse moralische Empörung, verbunden mit der Forderung nach Rücktritt und Bestrafung.

«Und jetzt stellen wir uns mal vor,» folgert Michael Ringer, «die Schweizerischen Fussballpräsidenten würden bei einer Umfrage Ihres Branchenmagazins ausgerechnet den prügelnden Kollegen zum Präsidenten des Jahres wählen. Auch hier wäre das journalistische Ergebnis wohl eindeutig: wieder grosse Empörung und der Vorwurf, einer Berufsauffassung ohne Anstand und Manieren Tor und Tür zu öffnen,» so Ringier in seinem Kommentar.

«Im Stile eines Pamphlets»

Aus diesen Gründen ist es für Michael Ringier absolut unbegreiflich, dass ausgerechnet Hässig von den Journalisten zum «Wirtschaftsjournalisten des Jahres» gewählt wurde, da sich dieser in seinem «Banken Bashing Blog» (Zitat Ringier) der «Methode Constantin» bediene.  «Er prügelt – und zwar nicht nur einmal, wie der Sion Präsident – ziemlich regelmässig auf alles ein, was ihm in der Finanzbranche missfällt. Und dazu gehören eigentlich fast alle und fast alles.

Dass er seine Hände dabei nicht für physische Ohrfeigen gebraucht sondern bloss, um Sätze zu tippen, macht das Ergebnis nicht besser. Meistens kommt es im Stile eines Pamphlets daher, bei dem Fakten eher selten, Verunglimpfungen und Vermutungen aber sehr häufig vorkommen. Gute oder tüchtige Führungskräfte kommen in den Geschichten praktisch keine vor, denn die meisten in der Chefetage der Banken sind in diesem Blog üble Abzocker, Dilettanten und Vertreter des «Säuhäfeli – Säudeckeli» Managements.

Mit ordentlichem journalistischem Handwerk hat dies alles ziemlich wenig zu tun. Deshalb ist «Inside Paradeplatz» trotz des klingenden Namens fast anzeigenfrei und wer die Kommentare zu den Geschichten liest, bekommt den Eindruck, dass sich vor allem die Verschwörungstheoretiker dieses Landes dort austoben.»

«Vermutung als journalistisches Werkzeug!»

Besonders sauer aufgestossen ist Michael Ringier die Begründung von Lukas Hässig zum «Wirtschaftsjournalisten des Jahres», die der «Schweizer Journalist» nachlieferte: «Er schreibt, was andere nur vermuten». «Vermutung als journalistisches Werkzeug mit Auszeichnung! Da kann ich bloss vermuten, dass die Schweizer Journalisten es absolut verstehen, dass man als Verleger dann doch lieber in Anzeigenportale investiert», so Ringier.


Hässig verweist auf den Ringier-Verwaltungsrat

Auf Anfrage von persoenlich.com meinte Lukas Hässig, dass ihn diese Kritik nicht erstaune. Mit Lukas Gähwiler, dem VR-Präsidenten von UBS Schweiz, und dem Unternehmer Claudio Cisullo sässen zwei UBS-nahe Personen im sechsköpfigen Ringier-Verwaltungsrat, was die grosse Bankennähe des Unternehmens zeige. So könne er sich die Tonalität des Kommentars von Michael Ringier erklären. (ma)



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Kommentare

  • Hans hottinger, 28.12.2017 12:17 Uhr
    Richtig, insideparadeplatz kritisiert "nur". Was aber auch kein Wunder ist, wenn man schaut, was alles schief läuft bei den Banken. Als ex-Bänkler bei einer von Hässig vielzitierten Bank überrascht mich über wieviel Informationen er verfügt. Und als institutioneller Kunde überrascht es mich, dass die UBS nicht mal richtig Gebühren verbuchen kann und Geld via London nach Indien verschwindet - outsourcing vom outsourcing nennt sich das dann wohl. Hr. Ringier kann sich gern mal bei mir melden. Etwas mehr Objektivität würde dem Blick definitiv nicht schaden!
  • Robert Weingart, 28.12.2017 12:45 Uhr
    Seit der Aera Zimmermann ist der Schweizer Journalist nicht mehr, was er mal unter Wiegand war.
  • erich heini, 28.12.2017 16:20 Uhr
    Michael Ringier ist nicht ganz alleine, wenn er Mühe bekundet mit der Wahl von Lukas Hässig zum Wirtschaftsjournalisten des Jahres. Als Sittenwächter oder gar Leitfigur des Qualitäts-Journalismus' sollte er sich allerdings nicht aufzuspielen versuchen. Dazu fehlen seinen Produkten des einst selbst propagierten 'intelligenten Journalismus' schlichtweg die Ausweise. Und an Unabhängigkeit und Unbeeinflussbarkeit schlägt Lukas Hässig Michael Ringier um Längen. Dazu dienen die Bemerkungen Hässigs im letzten Abschnitt des vorliegenden Artikels perfekt. Michael Ringier soll sich doch fortan wie sein CEO über Digitalisierung und alle möglichen Formen der Journalismus-fernen Aktivitäten äussern, aber bitte nicht mehr zum Journalismus. Jedenfalls nicht zu jenem mit Qualitätsansprüchen.
  • Peter Eberhard, 29.12.2017 14:27 Uhr
    Über die Wahl von Hässig kann man in der Tat geteilter Meinung sein. Dass aber ausgerechnet der Eigentümer eines Konzerns, der (noch) von seichten Boulevardmedien und (immer mehr) von Produkten lebt, die mit Journalismus gar nichts zu tun haben, hier die Moralkeule erhebt, finde ich doch höchst beachtlich.
  • Rudolf Reisiger, 04.03.2018 23:08 Uhr
    Die Artikel aus dem Hause Ringier lesen sich immer mehr wie Bank-Werbeprospekte. Meine Abos werde ich sicher nicht verlängern.

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