04.10.2017

Rücktritt von Jonas Fricker

Scharfe Kritik an Berichterstattung vom «Blick»

Das Boulevardblatt habe Jonas Fricker nach seinem Auschwitz-Vergleich «in Grund und Boden» geschrieben, heisst es im «Tages-Anzeiger». «Klein getrampelt», nennt es die «Neue Zürcher Zeitung».
Rücktritt von Jonas Fricker: Scharfe Kritik an Berichterstattung vom «Blick»
Der Politneuling gab am Samstag seinen Rücktritt bekannt: Jonas Fricker. (Bild: Keystone/Lukas Lehmann)
von Michèle Widmer

Die vergangene Woche wird der Grünen-Nationalrat Jonas Fricker nicht so schnell vergessen. Nach seinem Vergleich von Schweinetransporten mit den Massendeportationen von Juden haben sich die «Blick»-Titel auf das Thema festgesetzt. Nach drei Tagen medialem und parteiinternem Druck gab Fricker am Samstag seinen Rücktritt bekannt. Der «SonntagsBlick» berichtete auf fünf Seiten über den Fall (siehe unten).

Im Nachgang waren am Mittwoch sowohl im «Tages-Anzeiger» als auch in der NZZ medienkritische Analysen zu lesen. Der «Blick» habe den jungen Politiker «in Grund und Boden» geschrieben, urteilt der Tagi. Fricker sei als «Hinterbänkler» wohl auch ein Opfer der Umstände geworden. Die Bereitschaft innerhalb der Partei, für den Politneuling einzustehen, sei gering gewesen. Von einem Nationalrat könne man verlangen, dass er zuerst überlege und dann spreche. Doch sei es symptomatisch, dass die ehrlich scheinende Entschuldigung nicht ausreichte, die Fricker nachlieferte. Frickers Rücktritt werde Spuren in der Politik hinterlassen, so der Tagi weiter. Denn bis anhin habe es hierzulande keine Rücktrittskultur gegeben.

Zum selben Schluss kommt die «Neue Zürcher Zeitung». Fricker sei vom «Blick», welcher nach dessen Rücktritt nun von «Grösse» schreibe, während Tagen «klein getrampelt» worden. Die Zeitung fragt: «Ist es wirklich gut, wenn Politiker unter medialem Druck wegen verbalen Dummheiten zurücktreten müssen, trotz Einsicht und akzeptierten Entschuldigungen?». Die Entscheidung, ob einer wie Fricker noch tragbar sei, müsse den Wählern überlassen werden – und nicht dem Boulevard.

«Einknicken vor den Medien»

Bereits am Dienstag hatte sich Mark Eisenegger, Kommunikationswissenschafter und Präsident des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich, im «Tages-Anzeiger» zum Fall geäussert. Er wertete Frickers Rücktritt im Interview als «Einknicken vor den Medien», welches durch die Angst vor der Skandalisierung ausgelöst worden sei.

In der Sache auch mitgespielt haben, dürfte laut Eisenegger die Berichterstattung über die Nacktselfies im Fall Geri Müller und die K.-o.-Tropfen im Fall Spiess-Hegglin, welche beide wochenlang die Schlagzeilen dominiert hätten. Es zeige, wie nervös Politiker heute reagieren würden, wenn ein Skandal ruchbar werde. Sie wüssten, wie schnell das Ganze emotional hochgekocht werde.



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