Es ist Indian Summer in Pennsylvania. Die Bäume leuchten, dass es schmerzt. Soviel Schönheit ist kaum zu ertragen. Doch die Politik hat den Staat im Norden der USA voll im Griff. Hier entscheidet sich am Dienstag, wer der nächste amerikanische Präsident wird.
Wer Donald Trump sehen will, braucht eines: Zeit. Bereits drei Stunden vor seinem Auftritt ist die Menschenschlange vor der Sporthalle von Hershey in Pennsylvania einen gefühlten Kilometer lang. Den Versuch meines Kollegen und mir, sich in den vorderen Teil der Reihe einzuschmuggeln, scheitert kläglich. Ein breitschultriger Mann fordert uns unmissverständlich auf, hinten anzustehen. Wir tun es. Donald Trump – oder seinen Anhängern – widerspricht man nicht in diesen Tagen.
Der Stimmungswandel ist unübersehbar. In Pennsylvania – immerhin einer der wichtigsten Swing States – ist Trump allgegenwärtig. Vor den kleinen, weissen Häuschen stehen hunderte, ja tausende von «Trumo-Pence»-Schildern. Für Hillary – ohne zu übertreiben – kein einziges. Was ist mit ihrer vielbeschworenen Kampftrumpe los? Hat sie resigniert? Wenn Hillary hier auftaucht, dann nur als Hassfigur. Ein dunkelhäutiger Mann verkauft den Wartenden T-Shirts. Aufschrift: «Hillary for Prison».
Ansonsten wirkt die Menschenmenge gesittet. Nichts zu sehen von den Monstergestalten, wie in unseren Medien beschrieben. Und überraschend: viele Junge und Frauen, ausschliesslich Weisse. Es könnten die Szenen vor einem Rockkonzert sein. «Ich bin eine einfache Arbeiterin», erzählt eine ältere Frau hinter uns. «Und Trump gibt uns die Arbeitsplätze zurück.» Dann wettert sie gegen die Clintons und das gesamte Establishment, das ihre Interessen verraten habe. Doch Washington ist weit entfernt. Die Menschenmenge bewegt sich langsam Richtung Eingang. Die Herbstsonne wärmt.
Um 19 Uhr stehen wir endlich in der Halle. Das Riesengebäude ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Geschätzte 15'000 Menschen sind anwesend. Aus den Musikboxen dröhnt Musik. Immer die gleichen drei Stücke. Angeblich haben viele Musiker die Abspielrechte verweigert. Was eigentlich egal ist, die Stimmung ist angeheizt. Leuchtreklamen verkünden die Message: Make America great again!
Aber eben: wer Trump sehen will, braucht Zeit. Der Messias lässt auf sich warten, über eine Stunde. Zwei lokale Politgrössen heizen mit Anti-Hillary-Parolen ein, dann die Nationalhymne, eine Pastorin erhebt zum gemeinsamen «Vater unser». Für Amerika und «The Donald». «Lock her up!», schreit die Menge. Und meint damit Hillary.
Dann ist er da. Mit der Lässigkeit eines Showstars bewegt er sich über den Laufsteg, winkt in die Menge. Unübersehbar die rote Krawatte und die blonden Haare. Perfekte Markenführung. Wie für Coca-Cola oder Mc'Donald's. Trump wettert gleich los: über die verschwundenen E-Mails seiner Rivalin und Obamacare. Er verspricht neue Jobs, Frieden im Nahen Osten und weniger Islamisten. Ein Best-of seines Programms. Der Höhepunkt ist aber, als er die berüchtigte Grenzmauer fordert. «Und wer bezahlt?», fragt Trump rhetorisch. «Die Mexikaner,» schreit die Menge zurück. «Unbelievable», sagt Trump. Sein Lieblingswort. In diesen Momenten scheint er selbst zu staunen, was er in den vergangenen Monaten angerichtet hat.
Trump mag vieles sein: Demagoge, Steuerhinterzieher, Populist, Frauengrabscher und Grosskotz. Was man bei uns aber gerne übersieht: er ist auch ein begnadeter Entertainer, der die Menschen mitreisst. Das ist in Amerika nicht unwichtig. No business like showbusiness. Alles ist hier grösser und überzeichneter als bei uns. Es stehen noch Tausende vor der Halle, die hinein wollen, schreit Trump mehrmals. Höchstwahrscheinlich stimmt es nicht einmal. Und selbst dann, wäre der Hinweis nicht einmal notwendig, um zu beweisen, dass die Stimmung gekippt ist.
Dann bittet Trump ein Ehepaar aus New Jersey auf die Bühne. Die Frau schluchzt. Ihr Sohn sei bei einem Unfall getötet worden. Aber er habe Mister Trump geliebt. Er habe sogar auf der Freiheitsstatue den Namen Trump eingravieren lassen wollen. Vor allem habe er aber vorausgesagt, dass Mister Trump Präsident von Amerika werde. Trump umarmt die Frau lange. Das ist berührend, kitschig und zugleich abstossend. Gegen Trump wird jede Schweizer Parteiveranstaltung und -auseinandersetzung zur Wohlfühloase.
Weitaus ruhiger geht es einen Tag später in Bristol, einem Vorort Philadelphias, zu. Joe Biden hat sein Kommen angesagt. Immerhin der Vizepräsident der USA. Über dem Veranstaltungsort, der örtlichen Schule, kurvt ein Helikopter. Ein paar Polizisten stehen herum. Der Auftritt wurde kurzfristig angesagt, vielleicht als Reaktion auf Trumps Rede vom Vorabend. Ein paar hundert, gut gelaunte Menschen im Saal. Man klatscht und ruft. Ein paar spärliche Hillary-Rufe.
Biden gilt als guter Rhetoriker. Launig erzählt er aus seinem Politikerleben. Den Namen der Kandidatin erwähnt er eine halbe Stunde lang nicht. Möglicher Grund: Biden wäre gerne Chef geworden, hat es aber nie so richtig ausgedrückt. Jetzt ist es zu spät. Ob Clinton oder Trump: seine Politkarriere ist am Dienstag zu Ende. Dann kurvt kein Helikopter mehr über den Dächern.
Lesen Sie hier den ersten Blog-Beitrag von «Persönlich»-Verlerger Matthias Ackeret, der in diesen Tagen durch Teile der USA reist.



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Matthias Ackeret: Trump oder Clinton: das ungleiche Duell