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Warum in Amerika alles anders ist

Matthias Ackeret

In Berlin regnet es, die Strassen sind menschenleer. Berlin in Pennsylvania ist so, wie man sich Amerika vorstellt. Oder vielleicht noch ein bisschen härter. Vor jedem zweiten Haus eine Werbetafel mit der Aufschrift «Trump Pence». Von Hillary gar nichts zu sehen. Das erstaunt, gehört doch Pennsylvania zu den sogenannten Swing States, die am Dienstag die amerikanische Schicksalswahl mitentscheiden.

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Ein weiterer Beweis, dass die amerikanische Befindlichkeit von Europa aus nur schwer beurteilen kann. Nicht einmal von den Newsräumen der hiesigen Redaktionen. Die Wahrheit sieht man nur vor Ort, beispielsweise eben in Berlin, Pennsylvania. Wer stellte die Hunderte von Trump-Schilder in den Gärten auf? Warum hat es keine von Hillary? Angeblich hat die vermeintliche Favoritin das perfekteste Wahlkampfteam, das die Menschheit je sah. So jedenfalls schrieb es der «Spiegel». Doch davon merkt man hier nichts. Was nützen die ausgeklügelsten Wählerdaten, wenn niemand bei Kälte und Wind Plakate aufhängt und Werbezettel verteilt und sich für seinen Kandidaten bekennt? Nimmt man die Anzahl der Werbebotschaften zum Nennwert, wird Trump in Pennsylvania haushoch gewinnen. Bei den Nationalratswahlen in der Schweiz jedenfalls wird der Kampf um die visuelle Lufthoheit auf den Plakat- und Litfasssäulen hundert Mal erbitterter geführt. Das erstaunt wirklich.

Studiert man unsere Medien, so bekommt man den Eindruck, dass Amerika in Bälde in einem Bürgerkrieg versinkt. Während zweier Tage war ich in Chicago, immerhin Präsident Obamas Wohn- und Hillary Clintons Geburtsort. Von einem Riss eine Woche vor der Wahl ist gar nichts zu spüren: Kein einziges Wahlplakat ist zu sehen! Und ich lüge (wie die beiden Kandidaten) nicht: kein einziges. Nur auf einem Wolkenkratzer prangt die überdimensionierte Aufschrift «Trump». Doch das ist der Trump-Tower, dessen Lobby des Hotels durch eine grandiose Trostlosigkeit besticht. Das einzige, was in diesen Tagen in den Kneipen am Lake Michigan interessiert: dass die Chicago Cubs nach 108 Jahren erstmals die World Series im Baseball gewannen.

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Zurück nach Berlin. Ja, ja, sagt die Bedienung im örtlichen Café, es gäbe sicherlich einige Hillary-Fans. Gesehen hat sie sie nicht. Aber Donald – und das sei weitaus wichtiger – werde die Jobs im Kohlebergbau zurückbringen. Versprochen habe er es immerhin. 

Fazit: Pennsylvania wird möglicherweise die amerikanischen Wahlen – und somit das Schicksal der Welt – mitentscheiden. Morgen haben Hillary und Donald ihren Besuch in der Region angekündigt. Man gibt noch einmal alles. Ich versuche dabei zu sein.

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Kommentare

  • Blanca Koller, 04.11.2016 17:56 Uhr
    Ich war letzte Woche in N.Y. und hörte ab Freitag von verschiedenen Stimmen, dass sie bedauerten, bereits vorzeitig H. Clinton gewählt zu haben. Wohlverstanden, nachdem publik wurde, dass das FBI in Sachen Mails und ihrer engsten Wahlkampfhelferin einige "schmutzige" Dinge" zutage gebracht wurden.
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