25.07.2016

Hasskommentare

Anonymitätsverbot kann Shitstorms fördern

Verfasser von Hasskommentaren stehen gerne mit ihrem Namen hin. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Universität Zürich. «Sie denken, dass sie im Recht sind und sehen ihre Tätigkeit als moralische Pflicht an», erklärt Soziologie-Doktorandin und Mitautorin Lea Stahel.
Hasskommentare: Anonymitätsverbot kann Shitstorms fördern
Wer Hasskommentare im Internet schreibt, will nicht unbedingt unerkannt bleiben: Die Mitautorin der Studie, Lea Stahel (l.). (Bild: Pexels/zVg)

Wer in sozialen Medien und auf Newsplattformen Hasskommentare absondert, steht immer häufiger mit seinem vollen Namen dazu. Ein Verbot von anonymen Kommentaren kann einen Shitstorm somit nicht verhindern. Dies zeigt eine Studie der Universität Zürich, in der über 500'000 Online-Kommentare auf der Petitionswebseite openpetition.de ausgewertet wurden.

Politiker, Prominente, Unternehmen, Ausländer oder Angehörige anderer Religionen: Sie alle können von einem Shitstorm betroffen sein. Beleidigende oder gar bedrohende Kommentare gehören mittlerweile zum digitalen Alltag. «Hasskommentare reichen von Gemeinheiten hin zu Morddrohungen», erklärt Soziologie-Doktorandin und Mitautorin der Studie, Lea Stahel, gegenüber persoenlich.com. Diese seien stets beleidigend, aggressiv und ehrverletzend. «Diffamierungen kommen am häufigsten vor», so Stahel weiter. Extreme Äusserungen wie Morddrohungen seien dagegen äusserst selten.

Bisher sei man davon ausgegangen, dass die vermeintliche Anonymität die Hemmschwelle für Hasskommentare sinken lasse, schreibt die Universität Zürich in einer Mitteilung vom Montag. Eine Studie von Forschenden der Universität kommt nun aber zu einem ganz anderen Ergebnis: Hass-Kommentatoren stehen zunehmend zu ihrer Meinung und platzieren diese nur zu gerne mit Namensangabe. Mittlerweile sind Hass-Posts mit Namen sogar häufiger als anonyme.

Posts als moralische Pflicht

Ein Anonymitätsverbot, wie es auch zahlreiche Schweizer Newsportale einführten, könne Shitstorms somit nicht verhindern, schreibt die UZH. Im Gegenteil: Möglicherweise würden Kommentatoren dadurch erst richtig angeheizt. Denn schliesslich würden viele ihre Posts als moralische Pflicht sehen, als Einsatz für eine gerechte Sache.

«Sie denken, dass sie im Recht sind, schliesslich hat der Betroffene etwas getan, das in ihren Augen moralisch nicht vertretbar ist», ergänzt Stahel. Dies spiegelt sich auch in den Themenbereichen wieder: In der Studie wurden besonders Petitionen im Bereich Wirtschaft und Tier- und Umweltschutz zum Opfer von Shitstorms. Das macht für die Doktorandin durchaus Sinn: «Bei Ersterem denkt man vor allem an die eigenen finanziellen Interessen, bei Themen zu Tier und Umwelt handelt man altruistisch und setzt sich für etwas ein.»

Für diese Kommentatoren gibt es keinen Grund, sich zu verstecken, wird in der Studie gefolgert. Dass sie mit ihrem Namen zu ihrer Meinung stünden, könne vielmehr ihren sozialen Status erhöhen, weil ihr ähnlich denkender «Freundeskreis» die Beiträge mit einem Like belohne oder teile. Laut Stahel gibt zudem zwei Arten von Kommentatoren: Die, die eine Diskussion starten und besonders engagiert sind, und die, die mitmachen, «weil tausend andere vor ihnen auch schon kommentiert haben».

Zudem könnten Online-Hasser davon ausgehen, dass ihr aggressives Verhalten kaum je geahndet werde. Ein aggressiver Kommentator halte es für sehr unwahrscheinlich, dass - aus der ganzen Flut an Beleidigungen - ausgerechnet er verklagt werde. Dieses Verhalten lege offen, dass die Interaktionsnormen im Internet noch nicht institutionalisiert seien, schlussfolgert Stahel. «Die meisten würden sich in der nicht-digitalen Welt anders verhalten.» (sg/sda)



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