01.10.2018

WikiCon 2018

«Die Community wird nie gross genug sein»

Die WikiCon, das Treffen der deutschsprachigen Wikipedianer, findet erstmals in der Schweiz statt. Mitorganisator Lars Haefner spricht im Interview über die Ziele des Events und darüber, wie Wikipedia neue Autoren gewinnen und PR-Missbrauch verhindern will.
WikiCon 2018: «Die Community wird nie gross genug sein»
Schweizer Wikipedianer der ersten Stunde und Mitglied des Organisationskomitees der WikiCon 2018: Lars Haefner. (Bild: zVg.)
von Marius Wenger

Herr Haefner, vom 5. bis 7. Oktober trifft sich die deutschsprachige Wikipedia-Community in St. Gallen.  Was werden die dominierenden Themen der WikiCon 2018 sein?
Die Weiterentwicklung der Wikipedia ist ein Schwerpunkt an der diesjährigen WikiCon. Auch die Wikipedia muss sich Fragen stellen, wie sie künftigen Veränderungen gerecht werden möchte. Am Eröffnungsabend stellen wir zudem Wikidata in den Mittelpunkt. Diese freie Datenbank – eigentlich eine Wikipedia für Computer – wird immer wichtiger: Wikidata wird wohl die Weiterentwicklung von Wikipedia prägen. Darüber hinaus stehen diese Informationen auch anderen Projekten zur Verfügung.

Wie viele Personen werden erwartet?
Es haben sich über 300 Personen angemeldet. Damit ist die WikiCon 2018 nicht nur das grösste Wikipedia-Treffen, das es je in der Schweiz gab. Die neunte Durchführung wird auch die grösste WikiCon überhaupt werden, obwohl die Veranstaltung früher in Grossstädten wie Köln, Leipzig oder Dresden stattgefunden hat.

Ist die deutschsprachige Wikipedia-Community genügend gross?
Nein, die Community wird nie gross genug sein. Denn die Arbeit wird nie ausgehen. Die deutschsprachige Wikipedia hat vor ein paar Tagen den Meilenstein von 2’222’222 Artikeln erreicht. Die englischsprachige hat mehr als doppelt so viele Artikel – es gibt also noch viel zu tun. Und jeder Artikel, der mal geschrieben wurde, muss unterhalten werden. Da sich die Erde ständig weiterdreht, gibt es immer was zu aktualisieren oder ergänzen. Dabei kann jeder helfen: Auch ohne Anmeldung kann jeder einen kleinen Fehler korrigieren, ein paar Informationen aktualisieren oder einige Sätze ergänzen.

Wie will man neue Autoren und Autorinnen gewinnen?
Die Gewinnung von neuen Autorinnen und Autoren war für uns eine wichtige Motivation, die WikiCon in die Schweiz zu bringen. Unter den Teilnehmern sind viele neugierige Nicht-Wikipedianer, und am Samstag bieten wir auch Einstiegskurse für die Wikipedia an. Unser Ziel ist es, die Wikipedia den Menschen etwas näher zu bringen. Denn viele wissen nicht, wie diese Inhalte entstehen. Zudem finden übers ganze Jahr an verschiedenen Orten in der Schweiz immer wieder Veranstaltungen statt, bei denen Interessierte eine Einführung erhalten. Der Unterstützungsverein «Wikimedia CH» hat dabei eine wichtige Rolle.

Immer wieder hört man, dass der Grossteil der Autoren männlich ist. Wie will Wikipedia die Geschlechterdiversität der Autoren vergrössern?
Die Wikipedia steht allen offen, ist diesbezüglich aber wohl einfach ein Spiegelbild der Gesellschaft: Frauen reizt es oft weniger, sich mit Computern auseinanderzusetzen. So sind sie sowohl in der IT-Branche als auch in der Wikipedia unterrepräsentiert. «Wikimedia CH» organisierte deswegen wiederholt Einstiegskurse, die sich speziell an Frauen richten.

Immer wieder hört man auch, dass Wikipedia zunehmend missbraucht wird von Autoren, die ihre politische Weltsicht verbreiten wollen oder Wikipedia im Auftrag von Unternehmen oder Organisationen als «PR-Kanal» nutzen. Richtig, dass dieses Problem zunimmt?
Von einem zunehmenden Problem würde ich nicht sprechen. Zwar gibt es immer wieder Leute, die meinen, das System austricksen zu können. Aber die Community hat aufgerüstet, also zahlreiche Tools entwickelt, um PR-Missbrauch frühzeitig zu erkennen. Dies ist wohl mitunter ein Grund, weshalb in den letzten Jahren kaum mehr solche Fälle Schlagzeilen gemacht haben.

Wie geht Wikipedia konkret dagegen vor?
Es gibt zahlreiche automatische und manuelle Monitoringtools. Am Schluss funktioniert aber auch hier das Wiki-Prinzip recht verlässlich: Viele Editoren tragen zur Qualität der Artikel bei. Denn zwischenzeitlich können die Wikipedianer manipulatives Vorgehen recht gut lesen. Gerade das Löschen von kritischen Passagen und Komplettüberarbeitungen fallen sehr schnell auf.

Es kommt aber doch immer wieder vor, dass Artikel von Unternehmen und Organisationen Fehler enthalten. Wie kann gute Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und der Wikipedia aussehen?
Für mich, der selber in der PR-Branche tätig ist, ist es schon fast erschreckend, wie wenig die meisten PR-Experten über die Wikipedia wissen. Meist wird in der Wikipedia eine Art «Feind» gesehen, den es zu bekämpfen gilt, indem versucht wird, alles Negative zu löschen und eigene PR-Texte zu platzieren. Das Online-Lexikon ist aber kein «Owned Channel», den man mit eigenen Texten bespielen kann. Nur wenn man die Spielregeln kennt, sich durch konstruktive Beiträge etabliert und mit der Community zusammenwirkt, wird man als Unternehmen von den Wikipedianern akzeptiert. In der Regel kommen so auch Resultate zustande, die für beide Seiten zufriedenstellend sind und am Schluss vor allem auch den Lesern Mehrwert bieten.

Die Autoren schreiben oft unter Pseudonym. Wäre die Namensangabe aus Transparenzgründen nicht angebracht?
Die Wikipedia bietet ja totale Transparenz, wie ein Artikel zustande gekommen ist. Die Anonymität der Autoren steht hierzu eher im Wiederspruch. Interessanterweise sind dabei die unangemeldeten User, die mittels ihrer IP-Adresse gut identifizierbar sind, oft transparenter als die angemeldeten Autoren, die sich hinter einem kryptischen Kürzel verstecken.

Warum müssen die Autoren nicht ihren Klarnamen angeben?
Es gibt viele Autoren, deren User-Namen oder -Profile Rückschlüsse auf die Person erlauben. Daneben gibt es aber auch Themenbereiche, wo Nachteile drohen, wenn man als Autor erkennbar ist – zum Beispiel, wenn man politischen Extrempositionen Wiederstand bietet. Wikipedianer werden immer wieder bedroht, und in vielen Ländern droht Autoren auch politische Verfolgung. Nicht nur in Schurkenstaaten der Dritten Welt werden Personen verfolgt, wenn sie die Wahrheit veröffentlichen. Auch in Frankreich wurde ein Administrator schon vom Geheimdienst aufgesucht und genötigt, Informationen zu löschen, die angeblich der nationalen Sicherheit schadeten. Diese Aktion resultierte in ganz viel ungewollter Aufmerksamkeit.

Wikipedia ist wohl die wichtigste Informationsquelle überhaupt. In Zukunft werden neue «Suchmaschinen» wie Siri und Alexa wichtig. Was verändert sich dadurch für Wikipedia?
Die Informationen von Wikipedia und Wikidata fliessen in Suchresultate von Google ein und werden auch von Sprachsoftware genutzt. Erst vor wenigen Tagen erklärte Amazon, dass das Unternehmen der Wikimedia Foundation eine Million Dollar spendet, weil man für Alexa so sehr auf dieses freie Wissen angewiesen sei. Dies ist ein Beispiel, wie Wikipedia-Inhalte immer mehr auch kommerziell an Bedeutung erlangen.

Was begeistert Sie persönlich an der Wikipedia?
Die Vielfalt. Jeder der vielen Wikipedianer setzt bei seiner Arbeit andere Schwerpunkte – das geht von technischen Lösungen über Fotografie bis zu fremden Ländern, der Liebe und Gesellschaftsspielen. So komme ich laufend mit neuen Themen in Berührung. Ein Vortrag an der WikiCon, auf den ich besonders gespannt bin, widmet sich dem Katastrophenmanagement: Über die ganze Welt verteilte Freiwillige und das von ihnen angesammelte freie Wissen helfen immer wieder, wenn Katastrophenhelfer sich in Ländern mit schwacher Infrastruktur zurechtfinden müssen.


 

Die WikiCon findet vom 5. bis 7. Oktober 2018 in der Kantonsschule am Burggraben in St. Gallen statt. Interessierte können am Samstag, 6. Oktober im «Forum des Freien Wissens» mehr über die Wikipedia erfahren, Wikipedianerinnen und Wikipedianer kennenlernen und Wikipedia-Kurse für Einsteiger besuchen.

Lars Haefner ist Wikipedia-Autor seit 2004 und Mitglied des WikiCon-2018-Organisationskomitees, das aus Freiwilligen besteht. Er arbeitet seit 2017 bei der Krebsliga Schweiz. Zuvor war er lange bei der Credit Suisse in der Unternehmenskommunikation tätig.



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