19.09.2018

Digitalswitzerland

«Es braucht einen nachhaltigen Wandel»

Berset, Cassis und Schneider-Ammann: Gleich drei Bundesräte beehren den Digitaltag 2018 vom 25. Oktober. Geschäftsführerin Birgit Pestalozzi sagt, was der Mega-Event kostet. Sie ist zuversichtlich, dass bald auch die NZZ an Bord steigen wird.
Digitalswitzerland: «Es braucht einen nachhaltigen Wandel»
Der Digitaltag macht die Digitalisierung mit konkreten Showcases greifbar, wie hier schon 2017 im Zürcher Hauptbahnhof. Über die Neuerungen bei der zweiten Auflage gibt Geschäftsführerin Birgit Pestalozzi (kleines Bild) Auskunft. (Bilder: Keystone/zVg.)
von Edith Hollenstein

Frau Pestalozzi, warum braucht die Schweiz Nachhilfe bei der Digitalisierung?
Die Schweiz braucht keine Nachhilfe. Das Wissen und die Kompetenzen sind vorhanden. Sie braucht aber einen lebhaften nationalen Dialog zwischen Behörden Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Politik und Medien.

Worum geht es dabei?
Die digitale Transformation, oder auch vierte industrielle Revolution genannt, unterliegt anderen Gesetzmässigkeiten als die drei Revolutionen davor – also Dampf im 18. Jahrhundert, Elektrizität im 19. Jahrhundert und Informationstechnologie im 20. Jahrhundert. Sie passiert viel schneller. Die Dampflokomotive benötigte 70 Jahre, um sich global durchzusetzen. Während Snapchat in nur drei Jahren 50 Millionen User erreicht.

«Wenn wir erst reagieren, wenn wir Dringlichkeit verspüren, sind wir zu spät»

Das sind ja keine Neuigkeiten. Was erwarten Sie denn von der Schweiz?
Momentan verspürt die Schweiz vielleicht noch keine Dringlichkeit. Uns geht es ja nach wie vor sehr gut. Wenn wir jedoch erst reagieren, wenn wir Dringlichkeit verspüren, sind wir zu spät. Es ist zum Beispiel erwiesen, dass 65 Prozent der heutigen Kinder einen Beruf ausüben werden, den es noch gar nicht gibt.

E-Voting, elektronische Patienten-Dossiers, Suisse-ID: Vieles ist ja bereits lanciert.
Projekte zu lancieren ist wichtig, reicht aber noch nicht für einen nachhaltigen Wandel. Sie sollen auch von der Bevölkerung mitgetragen werden oder zumindest verstanden werden. Am Digitaltag geht es darum, Gespräche zu führen. Von Mensch zu Mensch. Entsprechend unserem Motto des Tages, «digital gemeinsam erleben».

Werden auch die Schattenseite der Digitalisierung thematisiert (Hackerangriffe, Betrug, Verwendung persönlicher Daten, gesundheitliche Gefahren)?
Ein wichtiger Aspekt. Und auch der Grund, weshalb wir neu in diesem Jahr eine eigene Themenwelten eröffnet haben, die sich «Meine Daten» nennt. Hier gibt es spezifische Programmpunkte. Zum Beispiel richtet sich der Digitaltag in Yverdons-les-Bains voll auf das Thema Cyber Security aus. Ebenso werden wir auf der Hauptbühne in Zürich einen Live-Hackergriff demonstrieren und das Thema Fake News erklären. Informativ wird es für die Besucher auch im neu konzipierten «Daten Café» im Zürcher HB. Den ganzen Tag stehen Experten zur Verfügung zur Beantwortung kritischer Fragen zu «Meine Daten». Und dies in einer Atmosphäre die zum Verweilen einlädt, inklusive einer Tasse Kaffee. Ebenso werden wiederum moderierte Stammtischgespräche mit kontradiktorischen Charakter und Fragen aus dem Publikum stattfinden. 

Bei der zweiten Austragung sind Sie verantwortliche Gesamtleiterin und nicht mehr Verena Vonarburg wie im letzten Jahr. Wie kam es zu diesem Wechsel?
Verena Vonarburg hatte 2017 nicht nur die Idee für diesen Tag, sondern übernahm auch gleich selber die Gesamtleitung. Nur Dank einer klaren Idee im Kopf und einer professionellen Führungscrew war es möglich, innert ein paar Monaten einen Digitaltag dieser Dimension auf die Beine zu stellen, der europaweit einzigartig ist. Dabei war von Anfang klar, dass sich Verena Vonarburg nach dem Aufbau und der ersten Auflage wieder voll ihrer eigentlichen Aufgabe als Head of Public Affairs von Ringier widmen würde. Sie steht uns weiterhin als Mitglied des Steuerungsausschusses Digitaltag 2018 mit wertvollem Rat zur Seite.

Setzen Sie auch dieses Jahr wieder auf simple Kartonwände als Stände an den Bahnhöfen?
Ja, die Partner präsentieren ihre Inhalte vor Ort an Ständen, wiederum mit Kartonwänden. Ganz grundsätzlich ist der Tag entlang von Themenwelten strukturiert. 2017 waren es deren fünf, dieses Jahr sind es sieben. Wiederholende Elemente findet man am Digitaltag besonders rund um den Zürcher HB: Die Hauptbühne ist wiederum Schauplatz für den durchmoderierten Livestream, inklusive Zuschaltungen aus Genf, Lugano, Chur, St. Gallen, Basel, Sion, Yverdons-les-Bains, Vaduz.

«Wir führen Gespräche mit weiteren Verlegern»

Von den Verlagen sind wiederum die Admeira-Partner Ringier und SRG prominent dabei, nicht aber Tamedia, NZZ oder AZ. Warum ist es nicht gelungen, sie an Bord zu holen?
Wir bemühen uns immer wieder, weitere Verleger für den Digitaltag zu gewinnen. Felix Graf, CEO von der NZZ, wurde am 11. September, im Rahmen der Vereinsversammlung Digitalswitzerland, in den Steuerungsauschuss gewählt. Wir sind optimistisch, dass wir mit der NZZ intensiver zusammenarbeiten werden. Darüber hinaus führen wir Gespräche mit weiteren Verlegern.

Bislang sind 72 Partner mit dabei: Wie haben Sie es organisiert, dass die Kommunikation funktioniert und ein gemeinsamer Nenner gefunden wird?
Das ist eine berechtigte Frage: Die Koordination eines Gemeinschaftswerks mit so vielen Partnern ist eine Mammutaufgabe und sehe ich als eine der obersten Prioritäten im Projekt, wir setzen dafür auch entsprechend viele, unserer limitierten, Ressourcen ein. Besonders wichtig sind, nebst einem gut strukturierten Plan, gleichzeitig auch die Flexibilität für konstruktive Ideenfindung. Zum Glück beherrscht Diana Engetschwiler als Verantwortliche für Partner Relations diesen Spagat bestens. Der Digitaltag ist eine Ko-Kreation, ein Gemeinschaftswerk aller Beteiligten. An erster Stelle stehen nicht die Individualinteressen der Partner. Schliesslich ist es im Interesse aller, den Erwartungen der Bevölkerung gerecht zu werden und das gewonnene Vertrauen ernst zu nehmen. Somit unterscheidet sich die Dynamik stark von einem Sponsoring. Dies ist allen Beteiligten von Beginn weg bewusst und legt schon bei der Wahl der Partner das ideale Fundament für den gemeinsamen Nenner. Nur hochmotivierte Partner melden sich an, da sie wissen, dass der Digitaltag ein hohes Engagement abverlangt. Und damit der Digitaltag schweizweit stattfindet, bin ich sehr froh um die grosse Unterstützung von unserer Geschäftsstelle in Lausanne.

Wie viel kostet dieser Digitaltag?
Die Kosten bewegen sich in einem tiefen siebenstelligen Bereich.

Wer bezahlt – Digitalswitzerland oder die 72 Partner?
Partner und Digitalswitzerland gemeinsam erbringen das notwendige Budget. Ebenso wäre der Digitaltag ohne die Grosszügigkeiten der Dienstleister nicht möglich. Hinzu kommen natürlich die indirekten Kosten von Seiten der Partner, wie zum Beispiel Personalkosten. Man könnte in gewisser Hinsicht sogar behaupten, dass der Digitaltag indirekt auch Arbeitsplätze schafft.

Wie ist das Verhältnis privatwirtschaftlich finanziert vs. Gelder aus der öffentlichen Hand? Können Sie dazu eine Grössenordnung nennen?
90 Prozent werden privatwirtschaftlich finanziert, 10 Prozent stammen von Behörden-Seite, genauer durch Innosuisse und vereinzelte Kantone als Standortpartner.

«Der Digitaltag hatte offenbar einen Nerv getroffen»

Wie haben Sie eigentlich im letzten Jahr den Digitaltag verbracht?
Ich habe ihn vom Sudan aus mitverfolgt. Fast zeitgleich mit der Aufhebung des 20-jährigen Wirtschaftsembargos auf dem Sudan. Auf einen Schlag eröffnete sich 25 Millionen Jugendlichen zum ersten Mal in ihrem Leben die Möglichkeit auf Onlinebezahlung und damit auf Onlineshopping. Nur dank der Digitalisierung und der daraus entstandenen Möglichkeit des ortsunabhängigen Arbeitens konnte ich ehrenamtlich vor Ort im Sudan meine Hilfe anbieten, und trotzdem aus der Ferne meinem Beruf nachgehen und ein Einkommen haben. Mich hat dabei überrascht, wie sehr der Digitaltag offenbar einen Nerv getroffen hatte. Als ich im Januar 2018 in die Schweiz zurückgekehrte, haben die Menschen immernoch davon gesprochen, à la «Das war doch dieser grosse Tag im November». Dass ein Event, der einen solch nachhaltigen, breit abgestützten Eindruck hinterlässt, ist sehr aussergewöhnlich in unserer schnelllebigen Zeit.

Und was wird Sie dieses Jahr am meisten beschäftigen?
Sicherstellen, dass tatsächlich ein Dialog stattfindet, zwischen Skeptiker und Optimisten oder auch innerhalb und zwischen allen Regionen und Landessprachen. Zudem möchten wir selber umsetzen, wofür wir einstehen: Das heisst, wir bemühen uns, die eigenen Prozesse im Projektmanagement des Digitaltags zu digitalisieren.

 

 

 



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Kommentare

  • Peter Zwissig, 25.09.2018 11:37 Uhr
    Natürlich kann es nicht schaden, sich auf die Zukunft vorzubereiten. Aber Aussagen wie «Es ist zum Beispiel erwiesen, dass 65 Prozent der heutigen Kinder einen Beruf ausüben werden, den es noch gar nicht gibt» sind schlicht Humbug. Wer sollte das bewiesen haben und auf welcher Grundlage?

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