16.05.2022

Olga Feldmeier

«Ich habe ein paar überraschende Mails bekommen»

Vor fünf Jahren gründete die Ukrainerin Olga Feldmeier die Krypto-Firma Smart Valor in der Schweiz. Die Unternehmerin spricht im Interview über ihre Wurzeln, ihr Engagement für ihre Heimat im Krieg und das Hilfsprojekt TechForPeace.
Olga Feldmeier: «Ich habe ein paar überraschende Mails bekommen»
«Ich habe mich noch nie so sehr als Ukrainerin gefühlt wie heute», sagt die 44-jährige Olga Feldmeier.
von Matthias Ackeret

Frau Feldmeier*, Sie sind in der Schweiz zur Symbolfigur für den ukrainischen Widerstand geworden. Wie fühlt man sich, wenn man von der «Krypto-Queen» plötzlich zur Widerstandskämpferin wird?
In meiner Arbeit und meinem täglichen Engagement hat sich wirklich einiges geändert. Natürlich liegt mein Fokus nach wie vor auf dem Unternehmen, aber die Abende und die Wochenenden sind jetzt der Hilfe für die Ukraine gewidmet. Passiert etwas derart Schlimmes und sind dabei so viele Menschen betroffen, auch meine Familie, erscheint alles andere klein und unbedeutend.

Ihr Vater ist Ukrainer und Ihre Mutter Russin.
Ja, mein Vater stammt aus der Ukraine, aber ich habe kaum Kontakt zu ihm, meine Mutter ist Russin. Ich bin in der Westukraine aufgewachsen, aber wir haben zu Hause Russisch gesprochen. Später, als die Ukraine unabhängig wurde und alle russischen Schulen in die Ukraine integriert wurden, habe ich die ukrainische Sprache gelernt. Irgendwie fühlte ich mich immer wie zwischen zwei Stühlen: Russisch ist meine Muttersprache, aber die Ukraine ist mein Land. Doch ich habe mich noch nie so sehr als Ukrainerin gefühlt wie heute. Das ist, glaube ich, nicht nur bei mir der Fall, sondern bei vielen, die sich früher immer wie zwischen zwei Welten fühlten. Selbst die russischen Ukrainer, die in der Ukraine leben, aber Russisch sprechen und sich als Russen fühlen, haben ihre Meinung seit dem Krieg geändert.

Haben Sie noch Verwandte in der Ukraine?
Ja, ich habe Verwandte und auch viele Freunde in der Ukraine. Meine Cousine, die Töchter meines Vaters, meine Tante und meine Grossmutter sind noch dort. Hierzulande denken viele, man könne einfach in den Westen fliehen. Doch das ist nicht so leicht. Viele ältere Menschen sind nicht mehr mobil, und in der Ukraine gibt es nicht so ein gutes Gesundheitssystem wie in der Schweiz. Die Eltern werden in der Regel von ihren Kindern betreut und gepflegt. Das heisst: Wenn die Grosseltern nicht mobil sind, wie meine Grossmutter, die 91 Jahre alt ist, dann können auch die Kinder oder Enkelkinder nicht weg. In unserem Fall bedeutet dies: Meine Tante und deren Vater gehen nicht weg. Meine Cousine ist nun zwar geflüchtet, aber ihr zwanzigjähriger Sohn ist geblieben.

«Wie kann ich glücklich sein, wenn ich nicht weiss, ob meine Verwandten und Bekannten morgen noch leben?»

Wo ist er jetzt? Im Militär?
Noch nicht, es gibt noch keine Massenmobilisierung. Er ist noch jung und befindet sich derzeit in der Westukraine. Aber es kann jederzeit passieren.

Sie leben in Zug, quasi im Paradies, und Ihre Verwandten und Freunde sind im Kriegsgebiet.
Das ist tatsächlich surreal. Wie kann ich glücklich sein, wenn ich nicht weiss, ob meine Verwandten und Bekannten morgen noch leben? So viele Menschen sind bisher schon umgebracht worden. Hunderte Kinder. Und 2,7 Millionen Kinder sind auf der Flucht. Das ist unglaublich traurig.

Haben Sie auch Menschen aus der Ukraine bei sich zu Hause aufgenommen?
Ich habe meine Cousine bei mir aufgenommen und unterstütze sie. Ich wollte ihr Geld geben, aber sie ist zu stolz und will es nicht einfach so nehmen. Wichtig ist zu verstehen, was für Menschen kommen. Es sind Frauen und Kinder, die Hilfe benötigen. Sie wollen arbeiten und keine Sozialhilfe. Sicherlich gibt es auch andere, aber die gibt es in jedem Land.

Sie selber sind im Kryptogeschäft tätig. Ausgerechnet mit Kryptowährungen können die Sanktionen umgangen werden.
Das ist theoretisch möglich, aber praktisch sehr schwierig. Es gibt beispielsweise einen Taxifahrer, der seine Altersvorsorge von 2000 Dollar vor der Inflation schützen will. Dann sind die 2000 Dollar nicht mehr in Rubel angelegt, sondern in Bitcoin, Ethereum oder Stable Coin, also in digitalen Dollars, damit sie nicht an Wert verlieren. Dies ist möglich, als Schutz vor der Inflation. Das ist auch der Sinn und Zweck von Bitcoin und anderen Kryptowährungen. Bei den Sanktionen geht es jedoch um ganz andere Beträge, um Millionen und Milliarden. Das Geld muss aus dem Banken- ins Kryptosystem und dann wieder ins Bankensystem transferiert werden. Stellen wir uns vor, Russland muss einen Lieferanten in Brasilien bezahlen. Dafür müsste das Geld von Rubel in eine Kryptowährung transferiert werden, und dazu braucht es eine Börse. Doch welche macht das? Wir nicht, wir unterliegen denselben Compliance-Richtlinien wie die Banken, so wie jede legale Börse in der Europäischen Union auch. Es gibt zwar illegale Börsen, die sind aber nicht gross genug und haben keine Bankverbindungen, sind also nur Krypto-zu-Krypto-Börsen. Das nützt gar nichts.

Sind die Sanktionen gegen Russland gerecht?
Natürlich sind sie nicht für alle gerecht. Ein Freund von mir hat in Russland ein Unternehmen aufgebaut, das aufgrund der Sanktionen nicht mehr funktioniert. Er hat Putin nie unterstützt. Was hat er also mit dem Krieg und den Sanktionen zu tun? Nichts. Er kann nicht einmal sein Geld wegbringen oder ausreisen. Das ist schon brutal. Trotzdem stehe ich hinter den Sanktionen.

«Sie werden mich nicht einschüchtern»

Sie sind momentan sehr aktiv und sind sogar an einer grossen Ukraine-Demonstration in Zürich aufgetreten. Haben Sie selber Angst?
Angst nicht wirklich. Mir war schon bewusst, dass das langfristig Konsequenzen haben kann. Und tatsächlich habe ich nach einem TV-Auftritt, wo ich von einem möglichen Putin-Attentat gesprochen habe, ein paar überraschende E-Mails gekommen.

Aus Russland?
Ich weiss nicht von wem. Aber in den Mails wird angedeutet, dass das, was ich mache, nicht gut sei. Trotzdem werden sie mich nicht einschüchtern. Auch wenn ich das Gefühl habe, dass ich mich hier in der Schweiz an einem sicheren Ort befinde, kann jetzt quasi jeder ins Land kommen und auch einen ukrainischen Pass fälschen. Je nachdem, wie es weitergeht, kann es schon sein, dass Putins Sicherheitsleute irgendwann auch die Opposition im Westen angreifen. Womöglich wird diese Zeit kommen. Aber soll ich deswegen schweigen? Mit Sicherheit nicht.

Können Sie sich Ihrem eigentlichen Business heute noch widmen?
Ja, klar, ich bin mit 100 Prozent dabei. Ich bin Vorstandsvorsitzende und eine der drei Mitgründer von Smart Valor. Wir haben etwas Grossartiges auf die Beine gestellt: Unser Unternehmen war und ist immer noch die erste und die einzige Kryptobörse mit Verwahrung, Trading und Brokerage. Smart Valor ist auch das erste Schweizer Kryptounternehmen, das den Börsengang gewagt hat. Dadurch sind wir die erste Digital Asset Exchange in Europe geworden, die auf Nasdaq gelistet ist. Das hat sehr viel Vorbereitung, Arbeit und Kraft gekostet. Aber als es dann so weit war, war es ein grossartiger Moment. Leider konnte ich mich wegen des Kriegsausbruchs nicht lange über diesen Erfolg freuen. Ich versuche, meine Tage so zu gestalten, dass meine Firma nicht unter meinem Engagement für die Ukraine leidet, und nehme mir vor allem an den Abenden und Wochenenden Zeit für die Ukraine. Ich bin gerade dabei, mit ein paar Leuten aus unterschiedlichen Branchen ein Hilfsprojekt auf die Beine zu stellen. Es heisst TechForPeace.io.

Wie sieht TechForPeace.io aus?
Wir haben uns gefragt, wie wir unsere Technologie nutzen können, um den Menschen in der Ukraine zu helfen. Eine wichtige Unterstützung ist das Spenden. Der Vorteil der Kryptowährungen ist, dass sie ausserhalb des Finanzsystems funktionieren. Und die Ukrainerinnen und Ukrainer sind damit besonders vertraut. Es gibt sogar Bancomaten für diese Währungen. Wer Geld in einer Kryptowährung hat, kann dieses dort in ukrainisches Geld «wechseln». Das heisst auch: Man kann den Menschen direkt Geld auf ihre Wallet schicken. Ein gutes Beispiel ist auch die Finanzierung der Opposition und der unabhängigen Medien in Russland, sie können nun eben kein Geld mehr abheben. Sie sind jetzt alle «Verbrecher», weil sie die Wahrheit sagen. Die Wahrheit ist in Russland verboten und mit 15 Jahren Gefängnisstrafe verbunden. Diesen Russen können wir Geld direkt in einer Kryptowährung schicken. Das zeigt, wie wichtig ein alternatives Finanzsystem sein kann.



*Olga Feldmeier (44) ist in einfachsten Verhältnissen in der damaligen Sowjetrepublik Ukraine mit ihrer alleinerziehenden Mutter, die als Pianistin arbeitete, aufgewachsen. Mithilfe eines Stipendiums studierte Olga Feldmeier Wirtschaft in München. 2010 zog sie in die Schweiz und arbeitete für die UBS. Später wechselte sie ins Silicon Valley, kam aber wenig später für die eigene Firmengründung in die Schweiz zurück. Nach gerade einmal fünf Jahren ging ihre Firma Smart Valor im Februar dieses Jahres an die Börse. Es handelt sich dabei um die erste integrierte Handelsplattform für Krypto-Assets in der Schweiz. Der Börsengang fand bei der schwedischen Nasdaq First North statt. Bekannt wurde der Start-up in der Schweiz durch die TV-Sendung «Die Höhle der Löwen».

Das ausführliche Interview mit Olga Feldmeier lesen Sie in der April-Ausgabe von «persönlich». Abo-Informationen finden Sie hier.



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