Marco Grüter und Adrian Fluri wollen uns die Pendlerzeit versüssen: Mit ihrer App Brotseiten bieten sie kostenlos literarische Texte fürs Smartphone oder Tablet an. Der Dienst zählt mittlerweile bereits über 10'000 User. Jetzt steht die Expansion über die Landesgrenzen an.
Herr Grüter, Herr Fluri, seit einem guten halben Jahr stellen Sie mit Ihrer App Brotseiten Pendlern und Reisenden Short Stories zur Verfügung (persoenlich.com berichtete). Eine schöne Idee – aber auch ein Bedürfnis?
Marco Grüter (MG): Mehr als nur das. Wir erhalten immer mehr Rückmeldungen von Pendlern, welche sich schon lange eine Alternative zu Junk-News wünschen. Und genau hier kommt Brotseiten ins Spiel: Wir bieten die besten Geschichten für unterwegs. Packend genug, um alles herum auszublenden und kurz genug, um diese auf dem Weg zur Arbeit zu geniessen.
Adrian Fluri (AF): Jede Geschichte gibt es auch als Hörbuch. So können z.B. auch Autofahrer diese unterwegs hören.
Wie treffen Sie die Auswahl für die Geschichten, die auf der App landen?
MG: Die Geschichten müssen perfekt für unterwegs sein. Das heisst sie müssen die Leser respektive Zuhörer schnell packen und bis zum Schluss nicht mehr loslassen.
AF: Daraus lässt sich ableiten: Einen spannender Plot, schnörkellos in maximal 20 Minuten erzählt, hat gute Chancen bei Brotseiten publiziert zu werden.
Sie entschädigen die Autoren mit 150 bis 200 Franken. Gibt es Verlage oder Autoren, die sich quer stellen?
AF: Wir konnten inzwischen zahlreiche renommierte Verlage und Autoren für Brotseiten begeistern. Einzelne Verlage brauchen etwas mehr Zeit, um sich im digitalen Geschäft zurecht zu finden.
Welchen Stellenwert hat Schweizer Literatur in Ihrem Angebot?
MG: Schweizer Autoren verdienen eine noch breitere Wahrnehmung. Wir bieten ihnen ein ideales Schaufenster über die Landesgrenzen hinweg. Nebst Bestseller-Autoren wie Peter Stamm, Patrick Frey oder Pedro Lenz erhalten auch ausgewählte Schweizer Newcomer ihre Chance bei Brotseiten.
Ist auch die Veröffentlichung von Gedichten geplant?
AF: Nein, bewusst nicht. Jedoch bieten wir Poetry Slam Texte an, was ziemlich rockt.
Ihre App setzt die Texte sehr schön in Szene. Sie hat dafür bereits einen Red Dot Design Award eingeheimst. Wer ist für die Gestaltung verantwortlich, wer entwirft die Illustrationen zu den Geschichten?
MG: Seit Beginn arbeiten wir eng mit der Agentur FelderVogel zusammen. Mirjam Beyeler entwirft die abwechslungsreichen und phantasievollen Illustrationen zu den Geschichten.
Der "Tages-Anzeiger" schrieb kürzlich, das ganze Unterfangen werde erst profitabel, wenn die Grenzen der Schweiz überwunden sind. Wie weit sind Sie auf diesem Weg?
MG: Wir sind mit den bisherigen Userzahlen zufrieden. Die Expansion in Richtung Deutschland ist auf gutem Weg. Wir sind pro Monat mindestens einmal in Berlin und führen Gespräche mit diversen Partnern.
AF: Als Türöffner für den deutschen Markt konnten wir vor wenigen Wochen eine renommierte deutsche Persönlichkeit gewinnen. Auf dieser vielversprechenden Basis werden wir Schritt um Schritt im deutschen Markt Fuss zu fassen.
Derzeit profitieren Sie noch von der Anschubfinanzierung durch die Albert Koechlin Stiftung, Pro Helvetia, das Migros Kulturprozent und mehrere Stiftungen. War es eigentlich schwierig diese für Ihr Projekt zu begeistern?
AF: Als Quereinsteiger mussten wir zunächst lange und viel Überzeugungsarbeit leisten. Brotseiten als Publikations- und Promotionsplattform für Autoren und Verlage stiess jedoch auf offene Ohren.
Ihre letzte literarische Entdeckung?
MG: Jens Steiner als Short Story Autor. Wir freuen uns, in Kürze eine Geschichte von ihm exklusiv präsentieren zu dürfen.
Fragen: Adrian Schräder/Bild: zVg