«Wir als Gesellschaft sind ziemlich überfordert»

Social Media - Ein Verbot von sozialen Medien allein löst das Problem laut Franz Fischlin nicht – es braucht auch die Fähigkeit, mit Medien umzugehen. Vor der Verleihung des Jugendmedienpreises YouMedia Award am Freitag in Bern spricht der Initiant über Reizüberflutung durch Social Media, KI-generierte Inhalte – und was Journalismus und Influencerinnen voneinander lernen können.

von Christian Beck

Franz Fischlin, was beschäftigt junge Menschen heute eigentlich wirklich, wenn man mit ihnen – statt über sie – spricht?
Wir Ältere tun oft so, als ob wir alles besser wüssten. Ich ertappe mich manchmal selber dabei, wenn ich mit Jungen über Medien rede. Fragen zu stellen, ist zielführender. Da erfährt man mehr. Zum Beispiel, dass junge Menschen sich nerven, wenn sie als «doomscrollende» und «brainrottende» Generation hingestellt werden. Sie sind durchaus an relevanten Informationen interessiert, einfach nicht gross an klassischen News von klassischen Medien. Sie wollen über Themen mehr wissen, die direkt mit ihrem Leben zu tun haben. So vermittelt, wie es ihnen entspricht. Dort, wo sie Medien konsumieren – im digitalen Raum.

In einem persoenlich.com-Interview von 2024 sagten Sie, die Menge an Medien führe bei allen Generationen zu einer gewissen Überforderung. Hat sich das bei den Jugendlichen, mit denen Sie seither zu tun hatten, verschärft oder eher gelegt?
Eher verschärft. Denn die Menge an Inhalten – insbesondere auf Social Media – ist noch gewachsen. Bezüglich Auswahl könnte man sagen, wir leben in einem Schlaraffenland, dafür ist die Qual der Wahl grösser denn je. Und was auch nochmals schwieriger geworden ist, ist die Suche nach glaubwürdigen Quellen. Die Frage, wem man vertrauen kann, das beschäftigt übrigens auch die jungen Menschen sehr.

«Die meisten Jugendlichen kommen kaum mehr in Berührung mit traditionellen Medien»

Im selben Gespräch sprachen Sie von einer Flut künstlich hergestellter Inhalte auf Social Media. Ist es seither einfacher oder schwieriger geworden, Jugendlichen den Unterschied zu klassischem Journalismus zu vermitteln?
Schwieriger. Die meisten Jugendlichen kommen kaum mehr in Berührung mit traditionellen Medien. Die künstliche Intelligenz ist aber auch eine Chance. Heute ist sie auf Social Media noch präsenter als vor zwei Jahren. Uns begegnen inzwischen Abermillionen Videos, Fotos und Texte, die komplett KI-generiert sind. Da können, ja müssen journalistische, menschlich hergestellte Inhalte ein Korrektiv bilden. Journalistische Arbeit ist in Zeiten wie diesen noch wichtiger geworden. Man muss versuchen, den jungen Menschen diesen Wert zu vermitteln.

Eine repräsentative Umfrage von Watson zeigt: 87 Prozent der Schweizer Bevölkerung würden Jugendlichen den Zugang zu sozialen Medien am liebsten verbieten (persoenlich.com berichtete). Was sagt das über den Zustand der Debatte aus?
Dass das Thema alle massiv beschäftigt. Aber auch, dass wir als Gesellschaft ziemlich überfordert sind. Der Konsum von Social Media birgt Suchtpotenzial, das ist unbestritten. Deshalb können Alterslimiten durchaus Sinn machen. Aber Verbote allein lösen das Problem nicht. Der Umgang mit Medien muss auch möglichst früh geübt werden. Internationale Studien zeigen, dass Gesellschaften, in denen Medienkompetenz schon länger vermittelt wird, resilienter sind. Auch gegenüber Fake News oder KI-Manipulationen.

YouMedia setzt auf Medienkompetenz statt Verbote. Ist das nicht naiv, wenn selbst die Mehrheit der Bevölkerung findet, Aufklärung allein reiche nicht mehr?
Es geht nicht um ein Entweder-Oder. Nochmals: Alterslimiten können diskutiert werden. Doch solche Verbote werden problemlos umgangen, wie man zum Beispiel in Australien sieht. Dort schminken sich Mädchen einfach so, dass sie älter aussehen, um die Gesichtserkennung zu überlisten und einen Account eröffnen zu können, obwohl sie dies nicht dürften. Selbst Fotos von faltenreichen Hundegesichtern werden dafür eingesetzt. Junge Menschen müssen irgendwann lernen, kritisch mit Medien umzugehen. Sie nur möglichst lange davor zu bewahren, reicht nicht.

70 Prozent der Verbots-Gegnerinnen und -Gegner sagen in der Umfrage: Ein Verbot liesse sich ohnehin umgehen. Trifft das nicht auch auf Medienkompetenz-Projekte wie den YouMedia Award zu – erreichen sie überhaupt jene Jugendlichen, die man erreichen müsste, oder vor allem die ohnehin schon Interessierten?
Beim YouMedia Award stimmt der Mix. Wir haben Einreichungen von Jugendlichen mit unterschiedlichem Vorwissen und verschiedensten Interessen. Es ist auf jeden Fall wunderbar zu sehen, wie sich in vielen der wirklich tollen Podcasts, Vlogs, Blogs, Video- und Textproduktionen oder auch Social-Media-Kanälen die jungen Medienmacherinnen und Medienmacher selber mit der Faszination, aber auch der Schattenseite auseinandersetzen, welche die neuen Medien haben.

«Offenbar füllen wir mit dem Award eine Lücke»

Am YouMedia Award haben sich dieses Jahr über 250 Jugendliche beteiligt – fast doppelt so viele wie bei der Premiere. Womit erklären Sie sich diesen Sprung?
Offenbar füllen wir mit dem Award eine Lücke. Mit unserem konstruktiven und wertschätzenden Zugang zum Thema Medienkompetenz. Einem Preis und einer Bühne für junge Menschen im Alter von 13 bis 20 Jahren. Das motiviert sie zu zeigen, was sie draufhaben, und bietet Lehrpersonen die Möglichkeit, auf kreative und ganz praktische Art und Weise über den Stellenwert und das Funktionieren der Medien im Unterricht zu diskutieren. Und ich kann Ihnen sagen, was da zusammenkommt, ist einfach nur inspirierend.

Ganze Klassen und Schulen haben dieses Jahr eigens für den Award produziert. Verändert das den Charakter des Preises – weg vom freiwilligen Jugendprojekt, hin zur Schulübung?
Nein, das glaube ich nicht. Im Gegenteil. Es macht mich stolz, dass Klassen und Schulen speziell für den Award Projekte einreichen. Mein Ziel war es von Anfang an, dass sich YouMedia ein bisschen wie «Schweizer Jugend forscht» im Medienbereich entwickelt. Und neben den Schulen gibt es ja auch noch viele andere junge Menschen, die von sich aus mitmachen. Alleine oder in Gruppen. Engagiert und kreativ.

Emma alias Wemmse – sie ist in der YouMedia-Award-Jury und tritt bei der Preisverleihung als Talk-Gast auf – wurde jüngst als «beste Online-Künstlerin» mit einem Swiss Comedy Award ausgezeichnet. Zeigt das, dass Influencerinnen längst als Künstlerinnen gelten – oder verwischt das die Grenze zwischen Unterhaltung und journalistischen Werten?
Die Grenzen verschwimmen, ja. Aber die Unterscheidung, was journalistisches Handwerk ist und was nicht, bleibt. Emma ist keine Journalistin, sie ist Content Creatorin. Und wir haben sie zum Talk eingeladen, da sie als angehende Primarschullehrerin einen speziellen Spagat macht – zum einen als Vorbild auf Social Media, zum anderen als Autoritätsperson. Was der Journalismus von ihr lernen kann, ist, wie man junge Menschen erreicht.

Mit der Guido Fluri-Stiftung steigt ein Unternehmer als Hauptfinanzierer der Preisverleihung ein, der gleichzeitig eine politische Internet-Initiative vorantreibt. Wie unabhängig bleibt YouMedia da inhaltlich?
Wir bleiben zu 100 Prozent unabhängig. Guido Fluri findet den Award eine tolle Sache, deshalb unterstützt er ihn mit seiner Stiftung. Wir sind uns einig darin, dass es verschiedene Ansätze braucht bei den neuen Medien: junge Menschen, die in ihrem Umgang begleitet und gestärkt werden, und Plattformen, die Verantwortung für ihre Inhalte übernehmen. All das ist demokratierelevant, und wir sind Guido Fluri dankbar, dass er mit seiner Unterstützung des Awards ein Zeichen setzt.

Sie wünschten sich, dass die Stimme der Jugendlichen in der Mediendebatte stärker gehört wird. Ist das eingetreten – oder redet man, wie es die aktuelle Verbotsdebatte nahelegt, immer noch vor allem über die Jugendlichen statt mit ihnen?
Den Wunsch habe ich immer noch. Denn die Stimme der Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist zwar etwas lauter geworden, aber wir schulden ihnen, dass wir ihnen noch mehr Gehör verschaffen. Es lohnt sich. Ich erlebe es bei meiner Arbeit mit YouMedia tagtäglich.