28.08.2013

XING

"Wir erreichen derzeit in unserem Kernmarkt erst 10 Prozent"

Die Business-Social-Media-Plattform XING wächst und wächst. Stetig, wenn auch nicht rasend schnell. Mittlerweile sind über 13 Millionen Nutzer registriert, darunter rund 500'000 Schweizerinnen und Schweizer. Sorgen offenbart CEO Thomas Vollmoeller, seit gut einem Jahr im Amt, im Mailaustausch mit persoenlich.com keine. Lieber preist er die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten seines Netzwerkes an und legt das enorme Wachstumspotential dar. Dass dem Unternehmen mit Sitz in Hamburg schon bald der Stecker gezogen werden könnte, beunruhigt ihn nicht: "Das hören wir seit zehn Jahren".
XING: "Wir erreichen derzeit in unserem Kernmarkt erst 10 Prozent"

Herr Vollmoeller, ich bin nicht auf XING und habe es bislang nicht bereut. Dennoch: Was verpasse ich?
Womöglich die wichtigste Begegnung Ihrer beruflichen Zukunft. Arbeitnehmern als auch Freiberuflern bietet XING Lösungen, die den Berufsalltag erleichtern, die Arbeitssuche unterstützen, die Vernetzung innerhalb der eigenen Branche verbessern und vor allem auch die Karriere fördern. Arbeitgeber, die nicht auf XING sind, verpassen es, die besten Mitarbeiter für ihre Firma zu finden. Oder gute Geschäfte zu machen. Denn für sie ist XING eine Plattform, um sich als Unternehmen in einem professionellen Umfeld zu präsentieren und neue Talente oder Freiberufler zu rekrutieren. Unternehmen aller Grössen setzen auf XING. So nutzen KMUs unsere Dienste beispielsweise erfolgreich bei der Akquise von Neukunden und der Pflege des bestehenden Kundenstammes. Grössere Unternehmen pflegen über unsere Plattform ihre Alumni-Netzwerke.

Auf XING kann man sich in der Geschäftswelt präsentieren, sich potentiellen Arbeitgebern empfehlen. Was sind sonstige Anwendungsgebiete?
Wir sehen, dass der Trend genau entgegengesetzt ist: Inzwischen sind es die Arbeitgeber, die aktiv nach potentiellen Arbeitnehmern suchen. Heute herrscht in vielen Branchen Fachkräftemangel. Daher sind Unternehmen bemüht, sich als attraktiver Arbeitgeber auf den Unternehmensprofilen zu präsentieren. Berufstätige profitieren von XING auf vielfältige Weise. Praktisch alle nutzen unseren Dienst als elektronische Visitenkarte. Man präsentiert sich so der Geschäftswelt und bleibt mit wichtigen Geschäftskontakten verbunden.

Ausserdem dient XING zur beruflichen Vernetzung und Generierung neuer Businesskontakte. Eine gute Anlaufstelle sind die Gruppen: Viele Nutzer sind hier aktiv, manche moderieren gar selbst eine solche Community.

Die URL xing.ch gehört einem christlichen Portal. Ein Dorn in Ihrem Auge?
Nein, ich glaube kaum, dass es da zu einer Verwechslungsgefahr mit unserem Businessnetzwerk kommt. Ein Nutzer sieht sofort, dass er am falschen Ort gelandet ist. Zudem haben wir auf der Startseite dieser Website ein Banner platziert, das auf unsere Seite führt.

XING hat einige Millionen User, die Plattform wächst. Was bereitet Ihnen als CEO derzeit am meisten Sorgen?
Schauen wir uns mal die Fakten an: XING ist eine Firma, die kontinuierlich wächst. Wir haben weltweit 13 Millionen Mitglieder, davon über 6,5 Millionen im deutschsprachigen Raum. Allein im ersten Quartal dieses Jahres sind 205'000 neue Mitglieder hinzugekommen. Besonders in der Schweiz sind wir gefragt: Das Mitgliederwachstum lag hierzulande Ende Juni bei 16 Prozent. Über eine halbe Million Schweizerinnen und Schweizer sind bei uns Mitglied. Auch unsere Bilanz ist extrem solide. Wir haben 60 Millionen Euro Nettoliquidität und erzielen gute Einnahmen. Im zweiten Quartal 2013 konnten wir den Gesamtumsatz um 15 Prozent steigern, wobei insbesondere der Bereich "e-Recruiting" stark wächst. Unsere neuen Produkte, wie der XING Talentmanager, werden vom Markt sehr gut aufgenommen und die Verkaufszahlen übertreffen gar unsere internen Zielmarken. Grosse Chancen sehen wir in der Marktdurchdringung: Wir erreichen derzeit in unserem Kernmarkt erst 10 Prozent der Bevölkerung, da ist noch enormes Potenzial.

Sie haben die Bewertungsplattform kununu übernommen. Sie soll den Usern genauere Informationen über Arbeitgeber verschaffen. Wie funktioniert das System genau?
Wer kann besser über eine Firma Auskunft geben als deren Mitarbeiter? Bei kununu schreiben Arbeitnehmer – von den Kadermitgliedern bis zum Lehrling – und natürlich auch ehemalige Mitarbeiter oder Bewerber ihre persönlichen Erfahrungen mit einem Unternehmen nieder. Von 1-5, also von "mangelhaft" bis "sehr gut", können Kategorien wie Vorgesetztenverhalten oder Arbeitsatmosphäre beurteilt werden. Der Dienst versteht sich als neutrales Sprachrohr, auf welchem Lob, aber auch konstruktive Kritik geteilt werden kann. Durch diese authentischen Erfahrungsberichte sehen andere Jobinteressierte auf einen Blick, wie ein Unternehmen als Arbeitgeber so "tickt".

Ist der Dienst zuverlässig?
Jede einzelne Bewertung auf der Plattform ist eine authentische, offene Meinung eines Mitarbeiters – und somit eine wertvolle Ergänzung zu den offiziellen Informationen, die ein Unternehmen publiziert. Je mehr Bewertungen zu einem Arbeitgeber vorhanden sind, desto einfacher ist es, einen Gesamteindruck von diesem Unternehmen zu bekommen. kununu macht, was es bereits in der Vergangenheit immer gab: Schon früher erkundigte sich ein Stellensuchender bei ehemaligen oder aktuellen Mitarbeitern über die Qualitäten seiner möglichen neuen Firma. Mit kununu sammeln wir Meinungen, machen diese transparent und öffnen sie einem viel grösseren Interessentenkreis. Der Dienst bietet somit individuelle Einblicke hinter die Kulissen eines Unternehmens.

Wie hat sich die Übernahme der Aktienmehrheit durch Burda auf das Geschäft ausgewirkt?
Burda ist bereits seit Ende 2009 grösster Einzelaktionär von XING und war seitdem stets ein guter strategischer Investor. Wir freuen uns, dass das auch zukünftig der Fall ist. Wir haben den Eindruck, dass sich unsere Muttergesellschaft genauso wohl mit uns fühlt, wie das umgekehrt der Fall ist.

Viele benutzen XING als Adressbuch für Geschäftskontakte. Ist die einfache Migration der Daten auf Smartphones, Handys und Mailprogramme gewährleistet?
Wir haben letztes Jahr eine offene API veröffentlicht – eine Schnittstelle für Entwickler also, die es uns und Drittanbietern erlaubt, beispielsweise solche Lösungen zu entwickeln. So bieten wir mit dem "XING Outlook Connector" ein kostenloses Plug-In für Outlook an, mit dem sich die Geschäftskontakte in das Mailprogramm exportieren lassen. Weitere Lösungen von Drittanbietern sind ebenfalls bereits erhältlich und es werden immer neue entwickelt.

Werden auch Geschäfte direkt über XING abgewickelt?
Ja, es gibt zahlreiche Beispiele von KMU’s in der Schweiz, welche die Plattform für die Akquise von Kunden und Neugeschäft nutzen. So gibt es beispielsweise in Urdorf ein Digitaldruck-Unternehmen, das alle seine Kunden über XING gewinnt. Zudem geben wir selbst Mitgliedern die Möglichkeit,  Bezahlprozesse und Ticketing für Events abzuwickeln, die über die Plattform organisiert werden. Die XING-Gruppen nutzen das Ticketing-System intensiv für die zahlreichen Events, die sie durchführen. Es ermöglicht einen Anlass von der Ankündigung, über die Bewerbung bis hin zum Ticketverkauf komplett über das Netzwerk abzuwickeln.

Mit Facebook hat Xing eine mächtige Konkurrenz. Ich kenne zum Beispiel niemanden, der Google + intensiv nutzt. Wird es XING in zwei Jahren noch geben?
Bei XING geht es um Geschäftliches. Darin unterscheiden wir uns von den primär privat genutzten Netzwerken wie Facebook. Nicht jeder möchte seine Urlaubsfotos mit seinem Chef oder seinen Kunden teilen. Unserer Zielgruppe ist zudem Datenschutz und Privatsphäre sehr wichtig. Beides bieten wir, als Unternehmen mit Sitz in Deutschland unterliegen wir dem strengen deutschen Datenschutz.

Mag sein. Aber die Plattform könnte durch den grossen Konkurrenten geschluckt und stillgelegt werden.
Die Frage wie lange es XING noch gibt, hören wir seit der Gründung des Unternehmens vor 10 Jahren. Tatsache ist: Wir sind ein berufliches und kein privates Netzwerk. Im Moment wachsen wir jedes Jahr weiter und sind im deutschsprachigen Raum klarer Marktführer unter den Businessnetzwerken. Und das ist eine sehr gute Ausgangssituation.

Über die Funktion XING Beta Labs können User neue Funktionen ausprobieren. Was sind das aktuell für Funktionen?
Die XING Beta Labs sind in der Tat dazu gedacht, dass User neue Funktionen ausprobieren und uns dazu Feedback geben können. Aktuell kann man in den Beta Labs unter anderem eine Funktion zur Volltextsuche im Postfach testen, oder eine Funktion die es ermöglicht, Profileinträge anderer Mitglieder zu bestätigen. Die Beta Labs sind für uns ein ideales Instrument, um neue Funktionen von den Power-Usern testen zu lassen, bevor wir über eine definitive Einführung entscheiden. Das Feedback der Nutzer ist für uns ausserordentlich wertvoll: So sehen wir direkt ob etwas funktioniert oder können gegebenenfalls Anpassungen vornehmen.

Interview per Mail: Adrian Schräder

 


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