«Wir legen viel Wert auf Diversität»

Ginetta - Gründer und Inhaber Simon Raess legt die operative Geschäftsführung der Digitalagentur in die Hände von Ilona Baier. Er selbst will sich vermehrt um strategische Aufgaben kümmern. Ein Gespräch über Motivation, Menschen und Managementaufgaben.

von Christian Beck

Herr Raess, wie kann man nach über zehn Jahren sein eigenes Kind aus den Armen geben?
Simon Raess: Ginetta wird immer irgendwie mein Kind bleiben. Vielleicht ist es auch wie mit echten Kindern: Irgendwann muss man sie als Eltern von der Leine lassen. Ginetta hat einen klaren Fokus und eine äusserst starke Kultur, welche die Mitarbeitenden konsequent ins Zentrum stellt. Damit sind wir optimal auf die neue Situation vorbereitet. Ich bin sicher, dass sich Ginetta mit Ilona als Geschäftsführerin positiv weiterentwickelt und in Zukunft noch erfolgreicher wird. Zudem werde ich auch weiterhin im Unternehmen tätig sein und das Team auf seinem Weg tatkräftig unterstützen und fördern.

Frau Baier, Ihnen wird die operative Leitung übergeben (persoenlich.com berichtete). Angst, Respekt oder Stolz – welches Gefühl verspüren Sie?
Ilona Baier: Ich freue mich sehr darauf, den Weg von Ginetta mitzugestalten und dem Team operativ den Rücken freizuhalten. Ganz klar ist auch Respekt vor der Aufgabe dabei: Es ist eine grosse Verantwortung, das Unternehmen, welches Simon in den letzten zehn Jahren aufgebaut hat, erfolgreich weiterzuführen.

«Die Ausrichtung auf den Menschen ist quasi in der DNA verankert»

Was reizt Sie an dieser Aufgabe?
Baier: Ganz klar meine innere Motivation, bei all meinem Tun stets den Menschen ins Zentrum zu stellen. Ich bin überzeugt, dass dies der erfolgreichste Ansatz in der Unternehmensführung ist. Bei Ginetta ist die Ausrichtung auf den Menschen quasi in der DNA verankert.

Das erwähnte auch schon Ihr Chef. Was heisst das konkret?
Baier: Wir helfen unseren Kunden jeden Tag aufs Neue, den Benutzer ins Zentrum zu stellen und die Technologie noch einfacher nutzbar zu machen. Unser Leitsatz «We Simplify» wird tatsächlich so gelebt, und wir hinterfragen bei jedem Projekt aufs Neue: «Ist die Lösung wirklich schon die bestmögliche?». So schaffen wir echten Wert für Kunden und Anwender. Das motiviert mich.

Herr Raess, dass Sie das Zepter an Ilona Baier übergeben, ist kein Schnellschuss. Seit wann ist klar, dass sie die Richtige für dafür ist?
Raess: Ilona ist eine äusserst engagierte Mitarbeiterin und übernahm von Anfang an die Strategie- und Designverantwortung in grossen Projekten. Gleichzeitig hat sie mehrere Lehraufträge an Schweizer Universitäten und Hochschulen im digitalen Produktdesign wahrgenommen. Ich schätze die Zusammenarbeit mit Ilona sehr, weil wir uns perfekt ergänzen. Konkret habe ich im Sommer 2017 schon erste Gespräche mit ihr über diesen Wechsel geführt. Seit Januar 2018, also vor genau einem Jahr, haben wir begonnen, gemeinsam auf diese Veränderung hinzuarbeiten. Wir haben die Zusammenarbeit verstärkt, und Ilona übernahm schrittweise immer mehr Verantwortung und Managementaufgaben.

«Mit dem Wachstum wurde auch die Doppelrolle anspruchsvoller»

Sie wollen sich nun vermehrt um strategische Aufgaben kümmern. Hatten Sie nie Zeit dafür?
Raess: Nebst meinem Engagement in Kundenprojekten habe ich viel Zeit in die Weiterentwicklung der Firma investiert: Vom Umbau der neuen Büroräumlichkeiten über die Eröffnung eines neuen Standortes in Bern bis hin zur Stärkung und Weiterentwicklung der Firmenkultur konnte ich viel zum Erfolg von Ginetta beitragen. Mit dem Wachstum wurde aber auch die Doppelrolle zwischen strategischer und operativer Führung anspruchsvoller. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, diese Verantwortung aufzuteilen.

Was konkret kam zu kurz? Was möchten Sie nun in Angriff nehmen?
Raess: Beispielsweise möchte ich Frank Salathé dabei unterstützen, unseren Standort in Bern aufzubauen. Aber auch administrative Themen wie das Vereinfachen und Automatisieren interner Prozesse stehen schon lange auf der Liste. Und noch ganz viel mehr – es wird mir bestimmt nicht langweilig (lacht)… Aber zu viel verraten will ich heute noch nicht.

Soll Ginetta nun noch weiter wachsen?
Raess: Selbstverständlich wollen wir auch in Zukunft weiter wachsen. Das Team in Zürich haben wir in den letzten Jahren bereits deutlich verstärkt und sind jetzt ideal aufgestellt. In diesem Jahr fokussieren wir uns wie gesagt vor allem darauf, den Standort Bern aufzubauen und zu etablieren. Wachstum bedeutet aber nicht nur, einfach die Anzahl der Mitarbeitenden zu erhöhen. Wir wollen uns auch inhaltlich und qualitativ weiterentwickeln. So werden wir dieses Jahr unser Angebot in der digitalen Produktentwicklung kontinuierlich ausbauen und die Qualität unserer Arbeit perfektionieren.

Frau Baier, was, wenn Ihnen Ihr Chef dauernd in Ihre Arbeit reinredet? Wie grenzen Sie sich ab?
Baier: Ginetta ist selbstorganisiert – also «self managed» –, und Simon lebt diese Kultur wirklich konsequent vor. Er ist gut und geübt darin, Verantwortung abzugeben und seinen Mitarbeitenden viel Handlungsspielraum zu geben. Ich mache mir da für die Zukunft keine Sorgen. Und: Ich schätze die Zusammenarbeit mit ihm sehr. Wir sind ein eingespieltes Team und kennen die Stärken und Schwächen voneinander.

«Der Wind bei Ginetta weht auch in Zukunft in die gleiche Richtung»

Wird nun unter weiblicher Führung in der Agentur ein frischer Wind wehen?
Baier: Der Wind bei Ginetta weht auch in Zukunft in die gleiche Richtung, und diese heisst: People First. Das habe ich seit vielen Jahren verinnerlicht. Neben der Ausrichtung auf den Benutzer und Kunden steht es vor allem auch für den Fokus auf die Mitarbeitenden. Wir geben uns grösste Mühe, einen Ort zu schaffen, an dem sich die Menschen wohlfühlen und motiviert sind, Höchstleistungen zu vollbringen.

Dazu gehört eine Liste von Benefits für die Mitarbeitenden, wie beispielsweise zusätzliche Elternzeit. Und sonst?
Baier: Wir legen viel Wert auf Diversität, weil wir überzeugt sind, dass sie das Resultat unserer Arbeit steigert. In unserer Firma sind über zehn verschiedene Nationen vertreten. Und – wahrscheinlich überraschend für ein Technologieunternehmen – auch einen Frauenanteil von über 50 Prozent. Mit diesem Rezept hatten wir Erfolg – keinen Grund für eine Richtungsänderung also.

Sie wollen gar nichts verändern?
Baier: Die Geschäfte von Ginetta liefen in der Vergangenheit sehr erfolgreich, besonders im 2018. Daher stehen im Moment keine grundlegende Veränderungen an. Wie sonst auch hinterfragen wir uns, unsere Arbeit und Prozesse ständig, um Verbesserungspotenziale auszuloten. Derzeit arbeite ich mit dem Team an der Umsetzung der Strategie fürs 2019.

Als neue CEO werden Sie vermehrt von der Praktikerin zur Theoretikerin. Werden Sie die Arbeit an der Front nicht vermissen?
Baier: Bisher habe ich leidenschaftlich gerne Kundenprojekte umgesetzt und für den Endanwender digitale Erlebnisse entworfen, die einfach anzuwenden sind und Spass machen. Ich werde auch in Zukunft in Projekten involviert sein und das Team unter anderem bei Pitches oder Workshops unterstützen. Zudem gibt es sogenannte interne «Review Sessions», die Designer und Entwickler beanspruchen können, um UX-Herausforderungen mit mir zu besprechen und gemeinsam die bestmögliche Lösung für unsere Kunden und die Benutzer zu finden.

Herr Raess, sind die neuen Visitenkarten schon gedruckt? Welche Funktion steht da?
Raess: Alles bleibt beim Alten: Ich habe mich bis anhin stets als «Founder» – und nicht als «CEO» – bezeichnet, und das wird auch weiterhin so bleiben.