«Den ESC darf man medial nicht unterschätzen»

ESC - Am Wochenende startet in Basel das Programm rund um den Eurovision Song Contest. Nadine Sommerhalder, Chefredaktorin des Newsportals Watson, ist passionierte ESC-Kennerin und wird als Reporterin aus Basel berichten. Sie verrät, worauf Watson als nationaler Medienpartner den Fokus legt und wie sie persönliche Begeisterung und journalistische Rolle trennt.

von Christian Beck

Nadine Sommerhalder, am Wochenende startet in Basel das Programm rund um den Eurovision Song Contest (ESC). Wie aufgeregt sind Sie?
Die Aufregung steigt: Auf einer Skala von eins bis zehn würde ich sagen, bei einer sieben jetzt.

Sie sind Kennerin und Fan des ESC. Dafür lassen Sie sogar das SwissMediaForum von nächster Woche sausen. Woher kommt diese Begeisterung?
Als Kind habe ich den ESC schon immer verfolgt mit meiner Familie. So richtig gepackt hat es mich 2017, als ich nach Kiew zum ESC gereist bin. Dort war ich bei Radio 24 angestellt und lieferte für die Radio-Gruppe eine ganze Woche lang Inhalte. Wenn man eine Woche lang in dieser ESC-Bubble ist und all diese Lieder in Endlosschleife hört, dann sind das am Schluss wie Hymnen. Man wird total euphorisch. Das Zusammensein von all diesen Nationen, all diesen Fans, die sich gegenseitig gefeiert haben, hat mich fasziniert.

«Gerade weil man sich intensiv für etwas interessiert, kann man auch bessere Geschichten herausholen»

Aber haben Sie in dem Moment noch Journalistin sein können? Oder sind Sie dann eben auch Fan geworden?
Das kann ich gut trennen. Aber ich glaube, jede Journalistin und jeder Journalist hat Themen, bei denen sie oder er leidenschaftlich ist. Ich glaube, gerade weil man sich intensiv für etwas interessiert, kann man auch bessere Geschichten herausholen. Wichtig ist, dass man sich seiner Rolle als Journalistin bewusst ist, den kritischen Blick bewahrt.

Sie haben Kiew erwähnt, Sie waren ja schon mehrmals im Ausland beim ESC. Wie haben sich die verschiedenen Austragungen unterschieden?
Die Austragungen haben sich extrem unterschieden. Ich war in Kiew, Turin, Liverpool und Malmö. Kiew war extrem geprägt von hohen Sicherheitsvorkehrungen. Das war drei Jahre nach den Maidan-Protesten.

War das für Sie beängstigend?
Ich habe dort in einem Hotel übernachtet, das vorher eigentlich als Lazarett gedient hatte, gerade beim Maidanplatz. Das war eine spezielle Atmosphäre, weil man in jeder Seitenstrasse einen Polizisten sah, der Patrouille hielt. Turin war für mich bisher der schwächste Event. Die Italiener haben sich gar nicht ins Zeug gelegt, der Event war in der Stadt nicht spürbar. Liverpool hingegen war eine ganz andere Kiste. Was die Engländer können, ist eine gute Party organisieren. Man kam nicht um den ESC herum. Umso spannender finde ich es, wie es in Basel sein wird.

Was heisst es für Sie persönlich, dass der ESC in der Schweiz stattfindet?
Aus persönlicher Sicht ist es ein Traum, der wahr wird. Es hat mich tatsächlich emotional gemacht letztes Jahr, als Nemo gewann. Ich hätte nicht gedacht, dass das jemals stattfinden würde. Als Zürcherin hätte ich den ESC lieber in Zürich gesehen, aber das Thema ist gegessen (lacht). Ich freue mich extrem.

Und als Journalistin?
Als Journalistin finde ich es spannend zu sehen, wie gross das Interesse der Schweizer Bevölkerung am ESC in der Schweiz ist. Lassen sich die Leute mehr von der ESC-Begeisterung mitreissen – und wann steigt die Fieberkurve? Diese Fragen finde ich aus redaktioneller Sicht interessant. Und natürlich hoffe ich, dass sich die Schweizerinnen und Schweizer vom Fieber anstecken lassen.

«Was am meisten interessiert hat bisher, ist die Moderationsfrage»

Als Online-Medium hat man ja mit den Klickzahlen unmittelbare Feedbacks. Können Sie daraus ableiten, wie gross das ESC-Fieber in der Schweiz schon ist?
Es ist sehr unterschiedlich. Was am meisten interessiert hat bisher, ist die Moderationsfrage. Die News, dass Michelle Hunziker moderieren wird, ist durch die Decke gegangen. Bei Grossevents – zum Beispiel im Fussball – lässt sich gut beobachten, dass Interesse und Begeisterung erst mit Eventstart steigen. Beim ESC ist das nicht anders.

Wird man Sie jetzt nächste Woche überhaupt auf der Watson-Redaktion antreffen, oder sind Sie nur noch in Basel?
Wir sind nationaler Medienpartner des ESC und werden umfassend berichten. Natürlich bilden wir das aktuelle Geschehen ab, wir blicken aber auch hinter die Kulissen und liefern viele Side-Storys. Und wir werden mit einer eigenen Aktivierung vor Ort sein: Unter dem Motto «People of ESC» werden wir die ganze Vielfalt der Veranstaltung einfangen – und auch darüber berichten. Unser Team in Basel besteht aus drei Personen, inklusive mir.

Aber Sie werden auch berichten? Oder werden Sie nur feiern?
(Lacht.) Nein, ich werde berichten und auch in die Stimmung abtauchen.

Sie haben also nicht eine Woche Ferien genommen, um privat nach Basel zu reisen, sondern Sie liefern auch für die Watson-Redaktion …
Es war ein inneres Seilziehen mit mir selbst. Aber dann hätte ich ein schlechtes Gewissen gegenüber der Redaktion gehabt. Jetzt, da der ESC in die Schweiz kommt, kann ich mich nicht aus der Verantwortung ziehen. Darum werde ich selbstverständlich als Reporterin arbeiten und Inhalte von vor Ort liefern.

«Ich bin mir meiner professionellen Rolle sehr bewusst»

Beeinflusst Ihre persönliche ESC-Begeisterung auch die redaktionelle Ausrichtung der Berichterstattung?
Das wäre extrem unprofessionell. Was ich mache, ist Inputs liefern. Ich bin mir meiner professionellen Rolle sehr bewusst und frage mich: Was will der gemeine User? Meine persönliche Begeisterung hilft uns zum Teil, coole Side-Stories zu erkennen. Aber natürlich muss ich durch die redaktionelle Brille prüfen, ob das auch wirklich relevant ist.

Viele Medien berichten über den ESC immer primär als Unterhaltungsevent. Sehen Sie auch andere journalistisch relevante Aspekte?
Was ich in der Redaktion tatsächlich gesagt habe: Den ESC darf man medial nicht unterschätzen. Seit 36 Jahren war der grösste Musikanlass nicht mehr in der Schweiz. Und jetzt passiert das. Das ist relevant auf einer gesellschaftlichen Ebene. Und gerade mit den aktuellen politischen Spannungen ist es umso relevanter. Man sieht es jetzt, dass die Teilnahme von Israel wieder zur Sprache kommt. Man hat Gruppierungen, die sich dagegen aussprechen und solche, die sich dafür aussprechen. Und ich glaube, das wird sich noch intensivieren.

Gibt es einen anderen Aspekt, den Sie kritisch sehen?
Was oft im Vorfeld kritisiert wurde, sind die Kosten. Aber wenn Sie etwas in dieser Grössenordnung machen wollen, dann kostet das halt etwas. Darum sehe ich das entspannt.

Sie kennen vermutlich schon die Songs aller 37 Länder. Haben Sie schon einen persönlichen Favoriten?
Ich kenne tatsächlich schon fast alle 37 Songs auswendig. Mein persönlicher Favorit ist Frankreich mit Louane und ihrer Ballade «Maman». Sie singt über ihre verstorbene Mutter und ihre eigene Rolle als Mutter – dieser emotionale Spagat berührt mich zutiefst. Die Art, wie sie die Melodie trägt und diese zerbrechlichen Momente in ihrer Stimme hat … es ist wie eine musikalische Umarmung. Mein zweiter Favorit ist natürlich Schweden. Ich war beim schwedischen Vorentscheid in Stockholm und habe darum KAJ mit dem Lied «Bara bada bastu» schon siegen sehen. Es reisst einen einfach mit. Alle, die sagen, es sei ein Blödel-Song – ja, aber es wird jeder und jede mittanzen.

Was macht für Sie den Reiz des Schweizer Beitrags aus, Zoë Më mit «Voyage»?
Den Reiz des Schweizer Beitrags sehe ich in der Sanftheit, die er hat. In dieser lauten Runde, die wir dieses Jahr haben, wird das eine schöne Auszeit sein, wenn wir Zoë Më auf der Bühne sehen.

Wer wird gewinnen?
Mit Frankreich und Schweden habe ich meine ganz persönlichen Favoriten ja schon verraten. Aber wie gut diese beiden Acts beim breiten Publikum und bei den Jurys ankommen, bleibt spannend. Bei den Wettbüros gehören die beiden Länder neben Österreich auch zu den Top-Favoriten.