02.09.2019

Buch über Hundertjährige

«Die meisten blickten mit Humor und Gelassenheit zurück»

Wie gelingt das Leben? Mit dieser Frage im Gepäck haben der frühere «Spiegel»-Chefredaktor Klaus Brinkbäumer und die «Spiegel»-Redaktorin Samiha Shafy Hundertjährige weltweit besucht. Im Interview sagen sie, was sie auf den Reisen gelernt haben und was ihr persönliches ikigai ist.
Buch über Hundertjährige: «Die meisten blickten mit Humor und Gelassenheit zurück»
Besuchten rund 50 Hundertjährige auf der ganzen Welt: Die «Spiegel»-Journalistin Samiha Shafy und der ehemalige «Spiegel»-Chefredaktor Klaus Brinkbäumer. (Bild: Tobias Everke)
von Michèle Widmer

Haben Sie heute bereits eine Handvoll Nüsse gegessen?
Samiha Shafy: Ich habe heute schon ein köstliches Praliné von Sprüngli mit Haselnüssen gegessen, das hilft bestimmt auch dabei, hundert Jahre alt zu werden. Nein, im Ernst: Dass es das Leben um durchschnittlich drei Jahre verlängern kann, wenn man täglich ein paar Nüsse isst, war eine der vielen überraschenden Erkenntnisse unserer Recherchen.

Es ist einer von vielen Tipps, welche Sie auf Ihrer Weltreise zu den Hundertjährigen erhalten haben. Welche weiteren setzen Sie für sich um?
Klaus Brinkbäumer: Ich folge der japanischen Lehre, dass jeder Mensch ein sogenanntes ikigai brauche: einen Grund zu leben, etwas, das wir unbedingt tun wollen, das uns morgens aufstehen lässt. Für mich sind das meine Familie, mein Schreiben, mein Segeln. Wir haben gelernt, dass alte Männer oft bereuen, zu viel gearbeitet und zu wenig auf Freunde und Kinder geachtet zu haben – ich versuche, es besser zu machen. Ansonsten habe ich viele kleine Dinge verändert: weniger Fleisch, weniger Alkohol, dafür nun Yoga und eine Handvoll Nüsse – solche Sachen eben.


Sie haben auf der Reise rund 50 Hundertjährige getroffen. Was ist Ihr Eindruck: Wollen Sie selbst überhaupt so alt werden?
Brinkbäumer: Ja, wenn ich denn dem Leben zwei Bedingungen stellen darf: Ich möchte als Hundertjähriger geistig klar und ausserdem kein Pflegefall sein.

Shafy: Ich möchte am Ende meines Lebens, wann auch immer das sein wird, vor allem noch so wach, heiter und gelassen sein wie die Mehrheit der Hundertjährigen, die wir kennenlernen durften. Die gute Nachricht lautet: Dafür kann man zum Glück einiges tun.

Sucht man auf Amazon nach dem Stichworten «Glücklich altern» erscheinen über 100 Ergebnisse. Warum ist gerade Ihr Buch lesenswert?
Brinkbäumer: Die Geschichten hundertjähriger Chinesen oder einer 111-jährigen Dame im Dschungel Thailands machen es, hoffentlich, zu einer Erzählung und einer Zeitreise. Und die Erkenntnisse der Wissenschaftler sowie die Antworten der Hundertjährigen auf die Fragen, was sie bereuen und worauf sie stolz sind, bringen die Leserinnen und Lesern hoffentlich auf weise Gedanken für das eigene Leben.

Wie ist überhaupt die Idee für dieses Buch entstanden?
Shafy: Vor rund zehn Jahren trafen Klaus und ich unabhängig voneinander zum ersten Mal Menschen, die um die hundert Jahre alt waren. Klaus interviewte in New York die einstige Hochspringerin Gretel Bergmann, die als Jüdin 1936 von den Nazis daran gehindert worden war, bei den Olympischen Spielen zu starten. Ungefähr zur gleichen Zeit besuchte ich für eine Geschichte im «Spiegel» die drei Geschwister Kahn, die ebenfalls in New York lebten und alle über hundert Jahre alt waren. Und dann sassen Klaus und ich eines Abends in der Carnegie Hall und hörten ein Werk von Elliott Carter, einem berühmten Komponisten des 20. Jahrhunderts, und auf einmal betrat dieser Elliott Carter die Bühne, ein kleines bisschen tapsig, und liess sich bejubeln – für sein neues Werk und auch für die Leistung, es mit 100 Jahren komponiert zu haben. Wir waren fasziniert und neugierig: Wie schafft man es, 100 Jahre alt zu werden und dabei so schwungvoll und schöpferisch zu bleiben?

«Das kluge, lustige, gesunde, ungebremste, glückliche, sehr lange Leben». Warum dieser umständliche Buchtitel?
Shafy: Das Leben ist umständlich, der Buchtitel ist doch ganz einfach: Das ist das Ziel.

«Sie fragen sich, natürlich, was möglich gewesen wäre, wenn ...»

Wie sind Sie bei der Arbeit an diesem Buch vorgegangen. Wie haben Sie sich die Arbeit aufgeteilt?
Brinkbäumer: Wir haben einige Interviews im Urlaub geführt – wenn wir also sowieso an fernen Orten waren, haben wir dort nach Hundertjährigen geforscht. Die meisten Reisen waren natürlich gezielt. In der Regel haben wir gemeinsam recherchiert, hin und wieder aber auch solo: Samiha war allein in Kalifornien unterwegs, ich auf Okinawa und in Peking. Unsere Kollegin Lisa McMinn hat uns mit Recherchen und Interviews vor allem in Deutschland geholfen, und in manchen Ländern waren wir auf die Hilfe von dort lebenden Journalistinnen und Journalisten angewiesen, die für uns den ersten Kontakt zu Hundertjährigen geknüpft haben.

Sie schreiben von den «Weisheit der Hundertjährigen». Sind Hundertjährige wirklich weiser als zum Beispiel 70-Jährige?
Shafy: Das ist eine weitere überraschende Erkenntnis: Die Persönlichkeit verändert sich bis ins hohe und sehr hohe Alter. Die meisten Hundertjährigen, die wir trafen, waren offen und freundlich, sie blickten oft mit Humor und einer gewissen Gelassenheit zurück und waren gerne bereit, uns zu erzählen, was sie in all den Jahren über das Leben gelernt hatten – und das war naturgemäss eine ganze Menge. Aber: Das heisst nicht, dass all diese Menschen mit 70 oder 40 Jahren auch schon so liebenswürdig und lebensklug gewesen wären. Ein amerikanischer Altersforscher berichtete uns, dass er einmal nach einem Interview mit einem 104-Jährigen ganz hingerissen aus dessen Zimmer kam, an der Tür dem rund 80-jährigen Sohn des Interviewten begegnete und sagte: «Ihr Vater ist ja der wunderbarste Mensch, den ich je getroffen habe.» Und der Sohn schnitt eine Grimasse und antwortete: «You should have seen the son of a bitch when he was my age.»

Was können wir konkret von den Hundertjährigen lernen?
Brinkbäumer: 1000 Dinge. Fangen wir doch mit fünf davon an: Kampfgeist, Optimismus, Treue zu Partnern und Freunden, Reflexionsfähigkeit, Humor. 

«Eine Woche vor der Geburt unseres Sohnes war das Manuskript zu unserem Buch fertig»

Welche der Geschichten ging Ihnen besonders ans Herz?
Shafy: In Los Angeles traf ich Max Webb, einen hundertjährigen Juden aus Polen, dessen Eltern und Geschwister von den Nazis ermordet wurden. Er selbst hatte Auschwitz und einen Todesmarsch überlebt, war nach dem Krieg in die USA ausgewandert und hatte dort aus dem Nichts ein Firmenimperium aufgebaut – obwohl er kein Geld und kaum Schulbildung hatte. Wie befragt man einen Menschen mit einer solchen Lebensgeschichte? Ich war nervös vor diesem Interview, aber Max Webb machte es mir leicht. Er war unglaublich zugewandt und offen.

Worauf sind die Hundertjährigen stolz, was bedauern sie am meisten?
Brinkbäumer: Stolz sind sie auf die Kinder, die Enkel, auf das eigene, lange, nun durch die Zahl 100 gerundete Leben. Es gibt auch den Stolz, integer geblieben zu sein, nach dem Krieg wieder aufgestanden zu sein, in Europa vor allem. Sie alle bedauern die grossen Fehlentscheidungen, die es aber in jedem Leben gibt. Sie fragen sich, natürlich, was möglich gewesen wäre, wenn ... ja, wenn sie sich damals, vor 80 Jahren, für B statt für A entschieden hätten. Und es gibt einen geradezu spektakulären Geschlechterunterschied: Die Frauen der Generation 1920 bedauern, dass sie zu wenig für die eigene Bildung und Ausbildung gekämpft hätten; die Männer, das Thema hatten wir gerade schon, sagen, sie hätten zu viel gearbeitet, Kinder und Freunde seien ihnen deshalb entglitten.

Sie haben sich in den letzten Jahren stark mit der Vergänglichkeit des Lebens auseinander gesetzt, gleichzeitig sind Sie im Februar Eltern geworden. Was hat das bei Ihnen ausgelöst?
Shafy: Ja, eine Woche vor der Geburt unseres Sohnes war das Manuskript zu unserem Buch fertig. Und nun schaue ich Alexej an, der noch ganz am Anfang steht, und hoffe und wünsche ihm natürlich, dass er ein möglichst gutes und friedliches Jahrhundert auf dieser Erde erleben darf, trotz Klimawandel und geopolitischer Unruhen. Und dass es ihm gelingen möge, das Beste aus seinem Leben zu machen.
Brinkbäumer: Ich wünsche mir, lange für unseren Sohn da zu sein, also auf ihn und auf Samiha und auf mich selbst aufzupassen; und natürlich hoffe ich, dass unser Sohn auch in hoffentlich 100 Jahren noch auf einem lebenswerten Planeten Erde leben wird. 

Im Buch ist von «Trauer, über die Kälte der Lügen scheinbar Vertrauter» und von «Intrigen von Menschen, die gestern noch Freunde waren» die Rede. Beziehen sich diese Zeilen auf Ihre Absetzung beim «Spiegel», Herr Brinkbäumer?
Brinkbäumer: Oha, da haben Sie aber mit journalistischem Scharfsinn aus 446 Seiten die richtigen vier Zeilen herausgefischt. (lacht.) Lassen wir es bitte dabei, dass ich erfahren habe, dass das Leben Überraschungen birgt und manchmal ganz und gar anders kommt als geplant. Und damit sollte umgehen lernen, wer sehr alt werden will – das sagen nun wieder die Hundertjährigen.

Sie beide wohnen zurzeit in den USA. Werden Sie dort bleiben? Und was kommt als nächstes?
Shafy: Wir haben beide schon früher an der amerikanischen Ostküste gelebt und geniessen es, nun gemeinsam mit unserem Sohn, der gebürtiger New Yorker ist, dort zu sein. Bis zum Ende des Jahres werden wir auf jeden Fall in den USA bleiben, vielleicht auch etwas länger. 

Zum Schluss: In Japan waren Sie dem ikigai auf der Spur, dieser einen Leidenschaft, für die es sich zu Leben lohnt. Herr Brinkbäumer schreibt und segelt, was heisst ikigai für Sie, Frau Shafy?
Shafy: Mein ikigai sind meine Familie und meine engen Freunde, das Schreiben und Reisen und ausserdem Ballett – mein Hobby und meine Leidenschaft, bei der ich alles um mich herum vergessen kann.



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