22.08.2021

Filmschaffende im Ausland

«In L.A. ist die Haltung erst mal optimistisch»

Vom offenherzigen Kalifornien in die düstere Schweizer Provinz: Er lebt seit über 20 Jahren in Los Angeles als Regisseur von Actionfilmen, jetzt führt Claudio Fäh aus Altdorf bei der vierten Staffel der SRF-Serie «Wilder» Regie, die auf dem Urnerboden gedreht wurde.
Filmschaffende im Ausland: «In L.A. ist die Haltung erst mal optimistisch»
Der Schweizer Regisseur, Produzent und Drehbuchautor Claudio Fäh, hier am Schnittplatz in Zürich, führte Regie in der vierten Staffel der Schweizer Serienproduktion «Wilder». (Bild: Keystone/Alexandra Wey)

«Do you work in the industry?» (Arbeitest du in der Branche?) In Los Angeles, wo Claudio Fäh, Regisseur der vierten Staffel der SRF-Krimiserie «Wilder», lebt und arbeitet, ist dies bei mancher Party die obligate Einstiegsfrage. L.A. lebt und atmet Film. Dies sei auch der Grund, weshalb er als 24-Jähriger – «aus purer Naivität und Leichtgläubigkeit» – aus Altdorf in die USA ausgewandert sei, erzählte er Keystone-SDA.

Hollywood war für den Urner, der bereits als Teenager Filme mit ambitionierten Kamerafahrten inszeniert hat, schon immer das Ziel. Die Begeisterung für das kommerzielle actionreiche Genrekino, das ihn schon als Bub fasziniert hat, teilt der Regisseur von grossen Kisten wie «Northmen – A Viking Saga» noch heute. «Die Filme, die mich als junger Filmemacher interessiert haben, wurden in der Schweiz nicht gedreht», sagt Fäh rückblickend. «Ich hatte zudem den Eindruck, dass heranwachsende Regisseure in der Szene eher abgewiesen als eingeladen wurden.»

In den USA hat er das Gegenteil erlebt. «Hier verstehen dich alle, wenn du sagst, du kommst aus einem kleinen Dorf in der Schweiz und möchtest es hier versuchen. Die Haltung ist erstmal optimistisch, man ist gespannt auf neue Sichtweisen und Talente.» Klar sei auch die Konkurrenz immens, aber das riesige Angebot und die Stimulation in der Szene seien sehr befruchtend. In L.A. lebt Fäh mit seiner Schweizer Frau und zwei Töchtern in Culver City, einst «Heart of Screenland» genannt, wo in den 30er- und 40er-Jahren Filme wie «Vom Winde verweht» gedreht wurden – eine «verschlafene Mittelstandstadt, die jetzt immer mehr von Grossfirmen wie Amazon, AppleTV oder HBO bevölkert wird».

Leichen im Keller

Zurzeit pendelt Fäh zwischen seinen zwei Heimaten: Anfang Jahr fanden die Dreharbeiten zur vierten Staffel von «Wilder» statt, bei der er Regie geführt hat (persoenlich.com berichtete). Der Feinschnitt wurde in diesen Tagen abgeschlossen. Gedreht wurde im Glarnerland und auf dem Urnerboden. «Der persönliche Bezug zu diesem Schauplatz ist ein Glücksfall. Ich habe viel Zeit dort oben mit meinem Cousin verbracht. Ein Wahnsinnsort, der bei jeder Wetterlage sehr filmisch aussieht», so Fäh.

Er setzte immer alle Karten auf das Projekt, an dem er gerade arbeite. «Ich verliere mich komplett darin und behandle es so, als wäre es mein letztes.» Die schweizerische Bescheidenheit schimmert trotz über 20 Jahre L.A. noch durch, wenn er anfügt: «Ich möchte beweisen, dass es die richtige Entscheidung war, mich anzustellen.»

Als Nächstes stehen der Actionfilm «Acolyte» vom Drehbuchautor der Erfolgsreihe «John Wick», ein «Haifisch-Thriller mit speziellem Twist» und die Serie «Modus Vivendi» über «Big Pharma» an. Und jetzt also ein Abstecher in die düstere Schweizer Provinz. Ein Kulturschock? Nicht wirklich, er sei ja geholt worden, um eine andere Herangehensweise zu wagen, «nicht um einen Schweizer Film zu imitieren».

Zudem finde er die Themen, die behandelt würden – Verlust, Familie, Schuld – sehr universell. «Von der Atmosphäre und der Ausgangslage erinnert mich ‹Wilder› an ‹Twin Peaks› oder ‹Fargo›: ein idyllisch scheinendes Dorf, eine Gemeinschaft, wo sich alle kennen, und jede Menge Leichen im Keller.» Das Bewahren von Geheimnissen, das Aufrechterhalten einer Fassade, das sei für ihn etwas sehr Schweizerisches. «Wir sind private Menschen, emotional reserviert, während dir in Kalifornien viele ihre Lebensgeschichte auf dem Tablett servieren.»

Grosses Aufatmen in L.A.

Während der Dreharbeiten sind ihm ganz grundsätzliche Unterschiede aufgefallen. Etwa, dass es hier weniger Spezialistinnen, Spezialisten gebe, dafür mehr Allrounderinnen und Allrounder, gerade im Action- und Special-Effects-Bereich. «Um ein Auto schleudern zu lassen, dauert es deshalb etwas länger, aber man schaut ja ‹Wilder› auch nicht, weil die Serie mit Actionszenen à la Michael Bay mithalten kann», lacht Fäh.

Geschätzt hat er es, einmal auf Mundart Regie zu führen. «Die Nuancen, der kulturelle Kontext, der bei jedem Wort mitkommt, das erlaubt eine unglaublich präzise Zeichnung und Arbeitsweise.» Es war zudem seine erste Arbeit an einer Serie. Während sechs Stunden eine Geschichte aufzubauen, sei wahnsinnig «gratifying», befriedigend, auch für die Schauspielerinnen und Schauspieler, wie er sagt, von denen er durchs Band schwärmt. Nebst dem Ermittlungsduo, gespielt von Sarah Spale und Marcus Signer, gibt es auch Neuzugänge, etwa Sebastian Rudolph («Dark») oder Sabine Timoteo und Nicolas Rosat aus Bern.

Das Sounddesign von «Wilder» wird Fäh von den USA via Zoom betreuen, für die Mischung kehrt er dann wieder nach Zürich zurück. Im durch und durch demokratischen L.A. würden die Menschen aufatmen, nachdem man sich während der vier Jahre Trump, «diesem Joggel», an den Kopf gefasst habe. Aber die politische Stimmung sei polarisiert und die Armut und Obdachlosigkeit, die in Kalifornien um sich greife, ein ungelöstes Problem. «In manchen Bereichen herrschen hier Entwicklungslandstrukturen.» Es sei ein Klischee, aber wenn er sich in der Schweiz umschaue und die unzufriedenen Gesichter sehe, denke er manchmal schon, frei nach Mani Matter: «Warum syt dir so truurig?». (sda/cbe)



Dieser Text von Sarah Sartorius wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt Stiftung realisiert.

 



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