Braucht politische Werbung Grenzen?

Abstimmungskampagne - persoenlich.com hat bei Werbern nachgefragt, was sie von dem Hakenkreuz-Sujet gegen die Durchsetzungsinitiative halten und wie weit politische Kommunikation gehen darf.

Seit die SBB das Plakat des Werbers Parvez Sheik Fareed auf ihren eBoards wegen verletzter Gefühle ihrer Kunden nicht mehr aufgeschaltet haben, hat sich eine Diskussion um den Stil politischer Werbung entfacht. persoenlich.com hat vier Zürcher Werber nach ihrer Meinung gefragt.

Dominik Imseng, Senior-Texter Matter, Gretener, Lesch Communications

Wie beurteilen Sie das Hakenkreuz-Sujet aus werberischer Perspektive?
Werbung ist dann gut, wenn sie auffällt und überzeugt – insofern ist das Hakenkreuz-Plakat gute Werbung. Es mag sein, dass der Nazi-Vergleich gewisse Leute so brüskiert, dass sie nun erst recht für die Initiative stimmen werden. Auf der anderen Seite macht das Plakat aber eindrücklich klar, worum es an diesem Wochenende geht: Wollen wir eine Schweiz, in der die gezielte Diskriminierung von Minderheiten gesetzlich verankert ist? Wollen wir eine Zwei-Klassen-Justiz? Ich bin Herrn Sheik Fareed sehr dankbar dafür, dass er die Stimmberechtigten mit dieser entscheidenden Frage konfrontiert.

Wie weit darf politische Kommunikation gehen?
Stellen Sie diese Frage der SVP. Herr Sheik Fareed hat sich aus eigener Initiative für eine gute Sache engagiert, auch finanziell. Das können nicht viele Werber von sich behaupten. Meinen Respekt hat er. 

Nach dem Rückzieher der SBB wird darüber diskutiert, dass auch SVP-Sujets immer wieder Gefühle verletzen. Muss politische Werbung reguliert werden?
Das wird sie schon - zu Recht. Für die Anzeige «Kosovaren schlitzen Schweizer auf» wurden der Generalsekretär der SVP Martin Baltisser und seine Stellvertreterin Silvia Bär letztes Jahr vom Regionalgericht Bern-Mittelland wegen Diskriminierung einer ethnischen Gruppe zu bedingten Geldstrafen von 17’400 respektive 23'400 Franken verurteilt. Parteipräsident Toni Brunner hatte das rassistische Sujet übrigens abgesegnet.



David Schärer, Geschäftsführer Rod Kommunikation

Wie beurteilen Sie das Hakenkreuz-Sujet?
Das Plakat trägt eine sehr komplexe Botschaft, für ein Plakat vielleicht zu komplex: Ein Schweizerkreuz transformiert sich zum Hakenkreuz. Dazu der Appell: «Nein zur Zwei-Klassen-Justiz». Jahreszahlen verweisen auf historische Ereignisse, die den Beginn totalitärer Regimes markieren. Das ist viel, zudem das Hakenkreuz als sehr starker Code die eigentliche Botschaft schnell übertönt. Dass das Sujet ein Plakat ist, dürfte die Medienaufmerksamkeit entschieden beschleunigt haben. Das Foto des Plakats im öffentlichen Raum macht die Kampagne zum Ereignis. Im Campaigning kann dies ein Vorteil sein, vorausgesetzt es gelingt, die öffentliche Diskussion auf die eigentliche Botschaft zu lenken.

Wie weit darf politischer Kommunikation gehen?
Eine Botschaft ist immer nur ein Blickwinkel auf die Wirklichkeit und folglich eine Seite der Wahrheit. Meinung konstituiert sich letztlich aus dem Diskurs von Botschaften – die Debatte ist wohl das älteste meinungsbildende Instrument in einer Demokratie. Solange nicht nachweislich gelogen wird, sollte Werbung grundsätzlich alles dürfen.

Muss politische Werbung reguliert werden?
So lange nicht mit belegbaren Unwahrheiten und Lügen geworben wird, bin ich gegen jede Regulierung.



Pius Walker, Creative Director und Gründer Walker

Wie beurteilen Sie das Hakenkreuz-Sujet?
Den ersten Schritt — nämlich auffallen — hat das Motiv offensichtlich genommen. Wir reden ja gerade drüber. Dahinter entdecke dann aber im zweiten Schritt nichts, was die Provokation rechtfertigen könnte. Die grafische Grundidee, aus einem Schweizerkreuz ein Hakenkreuz werden zu lassen, ist mir zudem nicht neu genug.

Wie weit darf politische Werbung gehen?
Politische Werbung darf so weit gehen wie sie möchte.

Muss politische Werbung reguliert werden?
Politische Werbung reguliert sich selber.



Reinhold Weber, Inhaber und Leiter der Reinhold Werbeagentur

Wie beurteilen Sie das Hakenkreuz-Sujet aus werberischer Perspektive?
Dazu genügt ein Wort: Kontraproduktiv.

Wie weit darf politische Werbung gehen?
Sehr weit, würde ich sagen. Aber wenn man schon provoziert, dann muss es auch gelingen. Dieses Hakenkreuz war offensichtlich ein Schuss in den Ofen.

Nach dem Rückzieher der SBB wird darüber diskutiert, dass auch SVP-Sujets immer wieder Gefühle verletzen. Muss politische Werbung reguliert werden?
Ich bin tendenziell gegen Regulierung, meistens reguliert sich politische Werbung durch die Debatte ja selbst. (lcv)

Bilder: zVg