Christian Kies, sind Werber eher sportliche Fahrer, entspannte Cruiser oder vielleicht sogar notorische Falschparker?
Ich glaube, ein wenig von allem.
Die Jung von Matt Group hat den Etat für Mini wieder zurückgewonnen (persoenlich.com berichtete). Was war aus Ihrer Sicht ausschlaggebend für den Zuschlag im internationalen Pitch?
Unsere internationale Aufstellung. Die besten Leute von London und Zürich kombiniert mit spezifischem Know-how aus Deutschland und Österreich: Das ist nicht nur fachlich ein interessanter Mix, auch kulturell entstand da viel Power.
Bei der Ankündigung Ihres Stellenantritts im September sah man Sie mit einem Pferd, nun in einem Oldtimer-Mini. Ist das Ihre Art der Pitchvorbereitung: Erst hoch zu Ross den Überblick gewinnen, die Zügel in der Hand halten und dann im Mini sportlich und wendig ans Ziel?
Klingt gut. Die Realität hat aber noch ein paar Wendungen mehr …
Jung von Matt hat bereits zwischen 2015 und 2021 mit Mini zusammengearbeitet. Inwiefern war diese frühere Agenturerfahrung ein Vorteil im aktuellen Pitch-Prozess?
Erfahrung mit der Marke ist sicher von Vorteil. Dennoch beginnt jeder Pitch wieder bei null. Überzeugen muss man mit den Ideen für die Zukunft, nicht mit den Gedanken der Vergangenheit.
Sie persönlich kamen von Mercedes zu Jung von Matt. Hat Ihre Erfahrung mit einer Automarke beim Mini-Pitch geholfen? Oder mussten Sie Auto-Denkmuster erst ablegen?
Auch hier: Erfahrungen mit einer Automarke sind in einem Auto-Pitch natürlich immer von Vorteil. Generell orientiere ich mich nicht an speziellen Autodenkmustern, sondern lasse mich in der Kreation und im Denken aus vielen verschiedenen Bereichen beeinflussen. Ich bin nicht der klassische Autowerber – but I know the rules.
«Wir formen Teams mit den besten Leuten, und diese arbeiten gemeinsam an den Aufgaben»
Der Etat wird von den Büros in Zürich und London geleitet. Wie gestaltet sich diese internationale Zusammenarbeit konkret?
Aufregend: Wir telefonieren viel und besuchen uns so oft wie möglich. Im Ernst: Internationale Zusammenarbeit unterscheidet sich nicht gross von lokaler Zusammenarbeit – wir formen Teams mit den besten Leuten, und diese arbeiten gemeinsam an den Aufgaben. Dass zum Teil 776 Kilometer dazwischen liegen, ändert in Zeiten von Homeoffice wenig. Aber natürlich freuen wir uns schon sehr auf den nächsten gemeinsamen physischen Afternoon-Tea …
Will sich der Zürcher Standort eigentlich internationaler ausrichten?
Die internationale Auseinandersetzung mit Werbung tut uns in verschiedenen Bereichen sehr gut und hilft dabei, unser kreatives Produkt stetig zu verbessern. Diese Qualitätssteigerung soll dann genauso den nationalen Kund:innen zugutekommen.
Und weshalb wurde das nötig? Ist die Schweiz zu klein?
In der Schweiz steckt sehr viel kreatives Potenzial, und wir sind sehr froh, diesem Potenzial und den daraus entstehenden Arbeiten eine grosse Bühne zu geben.
Die Jung von Matt Group will den Schweizer Werbemarkt konkurrenzfähiger machen. Welche Schritte unternehmen Sie dafür?
Die Potenziale hier heben. Neue Talente gewinnen und ausbilden. Mit neuen Produktionspartner:innen und Methoden den Qualitätsanspruch erhöhen. Die Sichtbarkeit von guten Arbeiten steigern, national und international.
«Wir haben unsere Expertise im Bereich Craft durchaus hervorgehoben»
Sie haben schon im Sommer in einem persoenlich.com-Interview das Ziel formuliert, «die Schweizer Kreativbranche auf ein neues Level zu heben». Ist der Mini-Etatgewinn ein Meilenstein auf diesem Weg?
Es ist ein guter Anfang für einen langen Weg.
Im Interview sprachen Sie auch davon, dass Sie besonders im Bereich «Craft» viel Potenzial sehen. Wie stark floss dieser Ansatz in die Pitch-Präsentation für Mini ein?
Wir haben unsere Expertise im Bereich Craft durchaus hervorgehoben, um die qualitative Tiefe unserer Vorschläge zu unterstreichen. Der eigentliche Craft-Part kommt aber im späteren Kreationsprozess erst richtig zur Geltung.
Was dürfen wir von den ersten internationalen Kampagnen erwarten? Gibt es bereits konkrete Planungen, die Sie verraten können?
Ich vermute, in diesem Kalenderjahr werden wir die ersten Arbeiten sehen können. Genaueres kann und darf ich noch nicht sagen.
Wenn Sie zwischen einem Fortbewegungsmittel wählen dürften: Pferd oder Mini?
Wenn ich so sicher reiten könnte, wie ich Auto fahre, würde ich das Pferd wählen. Aber das ist eher eine romantisierte Vorstellung, denn ehrlich gesagt habe ich ein klein wenig Angst vor Pferden.
Christian Kies ist seit September letzten Jahres Chief Creative Officer bei Jung von Matt Schweiz und ist für die kreative Gesamtleitung der Gruppe verantwortlich. Kies war zuletzt Executive Creative Director für den globalen Mercedes-Benz-Etat bei der Agentur Antoni in Berlin. Für seine Arbeiten wurde der 43-Jährige international ausgezeichnet. Zuvor war er acht Jahre für Jung von Matt in Berlin tätig und betreute dort Etats von Netflix, DHL, Mercedes-Benz und Nikon.