«Ich habe den Wettbewerb zurück in die Schweizer Aussenwerbung gebracht»

Clear Channel - Nach sechs Jahren an der Spitze von Clear Channel Schweiz gibt Jürg Rötheli seinen Posten als CEO Ende Monat ab. Im Interview spricht der 52-Jährige über den richtigen Zeitpunkt, seine Nachfolge und seine berufliche Zukunft.

von Michèle Widmer

Herr Rötheli, am Dienstagvormittag sind die Mitarbeiter über Ihren Rücktritt informiert worden. Wie sind die Reaktionen ausgefallen?
Die Anzahl der Reaktionen war überwältigend. Innert 15 Minuten hatte ich mehr als hundert neue Nachrichten erhalten. Ich habe alle meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gleichzeitig informiert. Am Sitz in Zürich konnte ich dies persönlich und im Rahmen eines «Town-Hall»-Meetings tun. Die Leute waren überrascht und logischerweise nicht so happy. Wir haben in den vergangenen Jahren gut als Team harmoniert.

Sie verlassen Clear Channel auf eigenen Wunsch. Wann und wie haben Sie Ihren Entscheid in der Chefetage kommuniziert?
Solche Entscheide fällt man nicht von heute auf morgen. Es war ein Prozess, der mehrere Wochen dauerte. Dazu gehörten eine sorgfältige Analyse der strategischen Geschäftssituation und einige Gespräche mit der Leitung des Konzerns. Es ist meinen Chefs anzurechnen, dass sie sich nicht gegen meinen Wunsch gestellt haben und offen waren, mit mir zusammen eine Lösung für Clear Channel in der Schweiz zu suchen.

Sie wollten selber entscheiden, wann Sie abtreten. Warum haben Sie genau diesen Zeitpunkt gewählt?
Als CEO habe ich mich immer gefragt, wann der richtige Moment kommen wird, um die Führung an neue, unverbrauchte Kräfte zu übergeben. Ich bin überzeugt, dass genau jetzt der richtige Zeitpunkt ist. Wir haben in den letzten Jahren beste Voraussetzungen für einen nachhaltigen Erfolg geschaffen. Clear Channel ist heute gut aufgestellt und steht gefestigt im Markt da. Deshalb ist der Zeitpunkt gut für einen Wechsel. Ich kann so mit einem sehr guten Gefühl meine Funktionen an neue Kräfte übergeben.

Sie sind in der Geschäftsleitung Clear Channel International und leiten die Tochtergesellschaften Ungarn, Belgien und Holland. Wer übernimmt diese Aufgaben?
Meine europäischen Funktionen werden bis auf weiteres von meinem Vorgesetzten in London übernommen. Für die Schweiz wurde vom Konzern eine interimistische Lösung getroffen. Stefan Lameire, Chief Revenue und Customer Officer von Clear Channel International und ehemaliger General Manager von Belgien, wird diese Funktion in der Schweiz bald übernehmen. Ich kenne ihn gut und habe bereits oft mit ihm zusammen gearbeitet. Er ist ein toller Typ und ist äusserst kompetent. Er ist eine gute Übergangslösung für Clear Channel in der Schweiz, dies auch im Sinne der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Und Ihr definitiver Nachfolger: Welche Namen sind intern im Gespräch?
Die Suche nach einem permanenten Nachfolger ist bereits eingeleitet. Der Konzern hat mit der getroffenen interimistischen Lösung keine Eile und kann sich ganz auf ein solides Auswahlverfahren konzentrieren. Namen kann ich hier natürlich keine nennen.

Sie standen sechs Jahre an der Spitze von Clear Channel Schweiz und haben den Markt kräftig aufgemischt – laut der Hauptkonkurrentin APG nicht nur positiv. Von exorbitanten offerierten Summen ist die Rede. Was sagen Sie rückblickend zu den Vorwürfen?
Ich glaube sagen zu dürfen, dass ich es zusammen mit meinem Team geschafft habe, den Wettbewerb wieder zurück in die Schweizer Aussenwerbung zu bringen. Als ich vor sechs Jahren begonnen habe, war der Out-of-Home Markt ein Quasi-Monopol. Heute haben wir wieder einen Markt mit Alternativen. Viele profitieren davon. Nicht nur Clear Channel selbst, sondern beispielsweise auch die Gemeinden und Städte, der Flughafen und andere. Die öffentliche Hand profitiert unter anderem von wesentlich höheren Einnahmen für ihre Plakat-Standorte. Und nicht zuletzt die Werbeauftraggeber, sie profitieren punkto Preis, Qualität und Innovation von der erstarkten Stellung von Clear Channel.

Ihre berufliche Zukunft sehen Sie in einer «Führungsfunktion mit internationalem Bezug». Mit welchen Unternehmen sind Sie zurzeit im Gespräch?
Schon als Konzernleitungsmitglied bei der Swisscom hatte ich immer wieder internationale Aufgaben. Bei Clear Channel, einem global tätigen Unternehmen, war dies noch ausgeprägter und mit wertvollen Erfahrungen verbunden. Grundsätzlich möchte ich wieder eine operative Führungsfunktion wahrnehmen. Der internationale Bezug wäre eigentlich logisch, da ich auf ein sehr breites Wissen meiner internationalen Tätigkeiten zurückgreifen kann.

Nun räumen Sie Ende März Ihren Arbeitsplatz. Was steht noch an in diesen Tagen?
Das ist eine Frage, welche sich heute fast schon von selbst beantwortet hat. Ich habe enorm viele Reaktionen von Mitarbeitern und Geschäftspartner erhalten. Alle wollen noch mit mir sprechen und mich sehen. Meine Priorität wird sicher bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern liegen. Ich möchte möglichst viele von ihnen persönlich sehen und mit ihnen sprechen.

Bild: Keystone