Vor 50 Jahren startete die Télévision Suisse Romande TSR den Sendebetrieb. "Das Fernsehen hat die Westschweiz ebenso verändert wie der Autobahn-Bau", sagt der frühere Programmdirektor Raymond Vouillamoz. "Es entstand eine kantonsübergreifende Identität." Der Nationalstrassenbau liess die Westschweiz geografisch zusammenrücken, das Fernsehen lieferte die kulturelle Klammer. "Zuvor herrschte ein Kantönligeist. Das Fernsehen hat der Westschweiz ein gemeinsames Bewusstsein vermittelt", sagt Raymond Vouillamoz, der 1966 zur TSR stiess und von 1992-2003 die Programme verantwortete.
Die Nähe zum Publikum in der Romandie demonstriert das Westschweizer Fernsehen mit Regionalredaktionen in allen Romandie-Kantonen. "Die Korrespondenten haben die Aufgabe, die Aktualität in den Regionen so aufzubereiten, dass sie die gesamte Westschweiz interessiert", betont Vouillamoz.
Französische Konkurrenz
Der regionale Bezug ist nicht zuletzt auf die starke TV-Konkurrenz aus Frankreich zurückzuführen. Während sich das Deutschschweizer Fernsehen (SF DRS) sprachlich von den deutschen Nachbarn abgrenzt, muss das Westschweizer Fernsehen die Nähe zum Publikum durch die Inhalte herstellen. Das führt mitunter dazu, dass in der Tagesschau -- dem "19:30" -- etwa dem Schuljahresbeginn in den Romandie-Kantonen mehr Platz eingeräumt wird als den grossen Krisenherden der Welt. "Die TSR ist weltoffen, muss aber gleichzeitig ein Programm anbieten, das auf den französischen Kanälen nicht zu sehen ist."
Die Deutschschweiz sei durch den Dialekt und "das natürliche Bedürfnis, in dieser Sprache fernzusehen" geschützt, betont Vouillamoz. "In der Westschweiz hingegen sprechen wir exakt die gleiche Sprache wie in Frankreich". Lokale Akzente verblassen nicht zuletzt wegen des TV-Konsums immer mehr.
Schwieriger Brückenschlag
"Sitcoms wie 'Fascht e Familie' sind in der Westschweiz undenkbar, weil sie schlicht nicht funktionieren", sagt der frühere TSR-Programmdirektor. In der Deutschschweiz reiche der Dialektbezug bereits, um das Publikum zu binden. "Diese Basis haben wir in der Westschweiz nicht." Eine weitere Differenz ortet Vouillamoz in der Wahrnehmung der Identität: "In der Deutschschweiz geht man selbstverständlich davon aus, Schweizer zu sein." Die Romands nähmen dies anders wahr. "Sie müssen ihren Weg innerhalb der frankophonen Kultur finden."
Die kulturellen Unterschiede und die sprachregionale Verankerung machen den nationalen Brückenschlag zwischen TSR und SF DRS nicht leicht. "Wir haben versucht, gemeinsame Sendungen zu realisieren. Abgesehen von der Miss Schweiz-Wahl und der 1. August-Sendung funktioniert das nicht", stellt Raymond Vouillamoz fest.
Utopische Idee

