Herr Wälty, was wissen Sie über Ihre Kommentarschreiber?
Über die Schreiber wissen wir rein gar nichts. Kommentiert wird nach wie vor anonym und das wird auch so bleiben. Über die Kommentare erfahren wir zunehmend mehr. Wir haben beispielsweise seit letztem Herbst eine Software im Einsatz, die im Stande ist, die formale und inhaltliche Qualität eines Kommentars zu messen. So wissen wir nicht nur Bescheid, um welche Tages- oder Nachtzeit besonders intensiv kommentiert wird, sondern auch, wie Wochentage und Uhrzeiten die Qualität beeinflussen. Die Wochenenden sind dabei immer besonders kritisch. Nach 20 Uhr sinkt die allgemeine Qualität der Leserkommentare messbar ab. Das heisst also, Freischalter haben um diese Zeit besonders viel zu tun.
Online-Leserkommentare werden oft recht stiefmütterlich behandelt. Weshalb ist es für 20 Minuten so spannend, Daten über die Kommentare zu sammeln?
20 Minuten hat die Zahl der Kommentare seit der Einführung der neuen App ungefähr verdreifacht. Wir müssen uns überlegen, wie wir diese Mengen in Zukunft bewältigen wollen, inwiefern wir die Prüfung teilautomatisieren können. Das hat den immensen Vorteil, dass so eine Echtzeitunterhaltung unter den Kommentatoren stattfinden kann. Das bringt eine völlig neue Dimension in die Diskussion. Uns interessiert aber auch das Verhalten der Kommentatoren im Bezug auf einzelne Themen – eine Art Sentiment-Analyse. Deshalb möchten wir mehr über die Kommentare wissen. Zu diesem Zweck stehen wir mit dem ETH-Institut für Machine Learning and Adaptive Systems in Kontakt. Da ist eine Masterarbeit geplant.
Was motiviert die Leser überhaupt dazu, zu kommentieren und mitunter ausfällig und aggressiv zu werden?
Martin Walser wurde mal gefragt, wieso er überhaupt schreibe. Er antwortete, dass das Schreiben für ihn ein vor allem durch das negative Erleben der Umwelt geprägter Prozess sei. Ein Korrektiv gewissermassen. Ich glaube, das trifft es ziemlich genau. Hinzu kommt die Anonymität. Der virtuelle Raum schützt den Leser einerseits, andererseits beraubt sie ihn seiner Identität, er wird verwechselbar. Beides verleitet ihn dazu, radikalere Ansichten zu vertreten als im realen Leben. Das führt immer wieder zu Problemen.
Der CEO von Twitter hat ja unlängst zugegeben, dass die Plattform ein echtes Problem mit Trolls habe.
Das erstaunt mich überhaupt nicht, denn Twitter ist ja vollkommen unmoderiert. Und ich bin immer wieder fasziniert, wie sich Leute, von denen man denkt, die müssten es jetzt aber wirklich besser wissen, um Kopf und Kragen twittern. SocialMedia macht etwas mit dem Menschen, das er irgendwie nur beschränkt zu kontrollieren können scheint.
Roger Schawinski schrieb im Februar in einem Beitrag für persoenlich.com, rechte und ultrarechte Einträge würden immer überwiegen. Können Sie das bestätigen?
Bei einer oberflächlichen Betrachtung könnte man das so auffassen. In Tat und Wahrheit bewegt sich die Empörung des Kommentators thematisch entlang des Sorgenbarometers der Bevölkerung. Dass vor allem rechte Parteien diese Sorgen bewirtschaften, lässt den Eindruck entstehen, es handle sich bei den Kommentatoren um Rechtskonservative.
Glauben Sie, dass die in Leserforen vorherrschende Meinung eine grössere Öffentlichkeit oder gar ein Abstimmungsergebnis beeinflussen kann?
Ich kenne keine wissenschaftliche Studie, die das belegen würde. Tatsache ist jedoch: Leserforen werden von Parteien oder politischen Akteuren immer wieder missbraucht, um Stimmung für die eigene Sache zu machen. Nicht nur von der rechten Seite übrigens. Das ist zwar ärgerlich, lässt sich aber kaum kontrollieren. Ich bezweifle indessen stark, dass das was bringt. Bei der Ecopop-Abstimmung hat man das beobachten können. Die Kommentarforen wurden geradezu geflutet von Ecopop-Befürwortern. Das Resultat an der Urne kennt jeder.
Aber kann man sagen, dass Kommentarschreiber meist eine dezidiert linke oder rechte Meinung vertreten und dass sich eher selten tatsächliche Diskussionen aus den Einträgen ergeben?
Schauen Sie, das Weltgeschehen verlangt dem Beobachter ja allerhand an Abstraktionsvermögen ab heutzutage. Ein Beispiel: Da werden abertausende von Menschen im Namen ein und derselben Religion auf bestialische Weise abgeschlachtet. Das sind keine vertrauensbildenden Massnahmen im Namen dieser Religion. Und es ist eine intellektuelle Grossleistung, ein differenziertes Bild zu bewahren. Das kann man nicht von jedem verlangen. Simplifizierte, das heisst radikale Weltbilder, entladen sich gerne in den Kommentarspalten. Deshalb ist auch die Kontrolle der Foren so eminent wichtig.
Das SZ-Magazin hat sich auf Facebook immer wieder in Diskussionen von Kommentatoren eingeschalten. Wäre das nicht auch ein Modell zur Leserbindung?
Als Oasis-Fan ist mir die Publikumsbeschimpfung natürlich nicht ganz fremd (lacht). Und ich kann der Attitude durchaus was abgewinnen. Aber ob das zur Leserbindung taugt, würde ich im Falle von 20 Minuten stark bezweifeln.
Interview: Lucienne Vaudan, Bild: z.V.g.