Herr Fröhlich, Sie haben jahrelang für und mit Jürg Marquard gearbeitet. Wie war Ihr letzter Kontakt?
Mein letzter Kontakt war über Jürgs jüngsten Bruder Andy, der mir erzählte, dass Jürg mich mal sehen wolle. So planten wir einen Trip nach Mallorca, wo Jürg mittlerweile lebte. Leider kam uns sein Tod zuvor.
Aber haben Sie ihn nach Ihrem Abgang nochmals gesehen?
Ja. Getroffen habe ich ihn immer wieder an öffentlichen Anlässen und Konzerten. Es war immer er, der mich entdeckte und mich zu sich rief. Es war stets ein freundschaftliches Wiedersehen. Einmal baten mich die Scorpions, ob es möglich sei, Jürg einmal zu treffen. Anfangs der 1970er-Jahre durfte Marquard mit den Scorps auf Japan-Tournee. Damit begann eine langjährige Freundschaft. Wir schrieben auch oft über die Hardrocker aus Hannover, die Welt-Karriere machten, vor allem mit dem Friedenssong «Wind of Change» nach dem Fall der Berliner Mauer. Das Treffen mit der Band in Marquards Villa «Bellavista» in Herrliberg haben die Skorpione bis heute nicht vergessen.
«Ich bekam den Job unter Dutzenden von Bewerbern»
Wie sind Sie überhaupt Redaktor beim «Pop» geworden?
«Der poppigste Job der Welt» wurde 1969 im «Pop» ausgeschrieben. Ich war gerade im Militär, sass als Funker-Pionier im VW-Bus und las das Inserat im «Pop». Ich bewarb mich gleich auf Militärpapier und sandte das handschriftliche Schreiben per Feldpost an Jürg Marquard. Am Wochenende fand ich in meinem Briefkasten bereits Marquards Antwort. Ich solle mich schnellstmöglich vorstellen. Ich bekam den Job unter Dutzenden von Bewerbern.
Was zeichnete Jürg Marquard als Verleger aus?
Als Verleger war Marquard ein Genie. Und einer, der sparen konnte. Die Bild-Honorare für Fotografen bewegten sich ab 20 Franken bis höchstens 80 Franken. Mein Anfangsgehalt war 900 Franken mit einer Steigerung von 100 Franken pro Monat bis zu 1500 Franken. Nur: Ich war neben einer Sekretärin und einem Anzeigenmann der einzige Angestellte. Ein Mädchen für alles sozusagen: Fotos und Bios ablegen, Drucktermine überwachen, Artikel von freien Mitarbeitern wie dem legendären Bernie Sigg redigieren, mit Art Director Urs Furrer (UFU) die Layouts besprechen. Das Gute daran: Ich lernte alles von der Pike auf und kannte jedes Bild in unserem Archiv, was mir später extrem half.
War Sparen eines seiner Erfolgsrezepte?
Ja, das mit dem Sparen ging immer weiter. Wir druckten am Schluss in Wien, liessen die Lithos in Italien anfertigen, arbeiteten weiterhin hauptsächlich mit freien Schreibern und Korrespondenten. Das Netz war plötzlich riesig und weltweit. Marquards Sparwut bekamen vor allem auch die deutschen Nielsen-Gebietsvertreter zu spüren, die für die Anzeigen sorgten. Als wir Ende der 1970er-Jahre diesbezüglich mal ein Superjahr hatten, strich ihnen Marquard die Prozente zusammen. «Die verdienen sonst zu viel. Das will ich nicht.» Ausser Gemurre passierte nichts. Die wollten weiter vom fetten Kuchen profitieren. Als Chefredaktor war ich oft mit diesen tollen Leuten unterwegs bei Kunden. Ich spürte als Schweizer viel Sympathie; solche Begegnungen würde ich nie missen wollen. Mit ein Grund für die Anzeigen-Explosion: Ich hatte 1980 das «Girl Special» eingeführt, einen mehrseitigen Teil für Mädchenbelange. Plötzlich hatten wir auch die Anzeigen von Kosmetik bis Damenbinden. Unser Frauenarzt war ein echter Gynäkologe, kein fiktiver Dr. Sommer wie bei der Konkurrenz.
Wenn Sie zurückschauen, wie war der Arbeitsstil beim «Pop»?
Wenn man etwas über die Arbeitsweise von «Pop» sagen muss, gibt es vor allem eines: Wir praktizierten das klassische System «Learning by Doing». Gestandene Journalisten und Fotografen wollten nicht zu einem Jugendheftli wechseln. Also mussten wir uns die Leute aus dem Publikum suchen, die – wie damals ich – einfach Pop-Journalist werden wollten. Ein Studium wäre kein Vorteil gewesen. Die Freude an Musik, Mode und Trends hat über allem gestanden. Wenn man die Trends checkte, konnte nichts schiefgehen. Immer am Ball bleiben, hiess die Devise. Und wenn wir – wie übrigens auch die «Bravo» – Nena fünfmal hintereinander aufs Titelbild hievten: Was angesagt ist, verkauft blendend.
«So viel Lob war wirklich selten bei ihm»
Was war Ihr aussergewöhnlichstes Erlebnis bei Jürg Marquard?
Meine speziellste Begegnung war 1972, als Paul McCartney mit seiner Band Wings zwei Jahre nach dem Beatles-Ende im Kongresshaus Zürich auftrat. Mein Fotograf H.P. Schmid (Nikon-Schmid) und ich schlichen uns kurz nach dem Mittagessen in die Wings-Garderobe. Dort kifften Wings-Gitarrist Denny Laine (einst Gründer der Moody Blues) und Pauls US-Drummer Denny Seiwell, die uns freundlich hereinbaten und sich mit Freude interviewen liessen. Als eine Stunde vor Konzertbeginn auch Paul und Gattin Linda die Garderobe betraten, sah man ihm am Gesicht an, dass es ihn massiv störte. Der grosse McCartney freilich liess sich nichts anmerken und sagte: «Okay, zehn Minuten könnt ihr mit mir reden und Fotos machen, dann müsst ihr wieder raus.» Als ich Marquard anderntags die Bilder von Paul und mir vorlegte, zeigte er mir seine grosse Freude über unseren Coup mit einem Freudentänzchen. «Wow, super habt ihr das gemacht.» So viel Lob war wirklich selten bei ihm.
Was bleibt von Jürg Marquard?
Vor allem sein Job als Hitparaden-Moderator bei Radio Beromünster. Es war das erste Product-Placement der Schweizer Radiogeschichte. «Pop» war schuld, dass es die Hitparade überhaupt gab. Marquards Musik-Heftli hatte in einer Petition die wöchentliche Hitparade gefordert. Ausser der Sendung «Sali mitenand» von Albert Werner gab es im Schweizer Radio keine Popmusik. Nicht mal die Beatles wurden gespielt. Der damalige Sender-Chef Cédric Dumont stimmte der wöchentlichen Hitparade schliesslich zu. Und Jürg Marquard wurde als Nachfolger von Christoph Schwegler zum Moderator bestimmt. Sein Honorar? Marquard wurde mit dem Titel «Mr. Pop» honoriert. Ein klassisches Product-Placement. Das ist damals nur niemandem aufgefallen.
Und privat?
Von Marquard bleibt auch sein schriller Lebensstil im Gedächtnis der Leute hängen. Er zeigte gerne, was er hatte, ob neue Freundinnen und Frauen, ob Luxusautos, Traumvillen oder vor allem neue Akquisitionen wie die deutsche Ausgabe der legendären US-Frauenpostille «Cosmopolitan». Auch als Herausgeber des deutschen «Penthouse» machte der Sonnyboy und Frauenschwarm eine exzellente Figur. Doch sein Tod zeigt einmal mehr: Sic transit gloria mundi, so vergeht die Herrlichkeit der Welt.