29.05.2022

Keystone-SDA

«Auch wir Faktenchecker sind nicht fehlerfrei»

Das Faktencheck-Team von Keystone-SDA sucht nach Fake News auf Facebook und entlarvt sie. Seit Kurzem schult die Nachrichtenagentur Medienschaffende, damit sie selbst Falschinformationen erkennen. Im Interview erzählt die Faktenprüferin Catherine Gilbert, wie verdächtige Posts aussehen und wo die Verifikation an ihre Grenzen stösst.
Keystone-SDA: «Auch wir Faktenchecker sind nicht fehlerfrei»
«Wenn wir nichts finden, heisst das noch lange nicht, dass nichts digital vorhanden ist», sagt Catherine Gilbert, Faktencheckerin bei Keystone-SDA. (Bild: zVg)
von Maya Janik

Frau Gilbert, wie viele Falschmeldungen haben Sie heute schon gefunden?
Ich habe heute das Monitoring noch nicht gemacht. Wenn ich gezielt nach neuem Content suche, dann natürlich etliche. Allerdings ist das immer unterschiedlich und hängt davon ab, wie stark ein politisches oder gesellschaftliches Thema gerade diskutiert wird. Algorithmen erkennen Dialekt sehr schlecht, entsprechend muss vor allem in den sozialen Medien auch proaktiv gesucht werden.

2020 hat Keystone-SDA mit Facebook vereinbart, Falschbehauptungen auf der sozialen Plattform zu verifizieren. Was genau ist Ihre Aufgabe?
Mein Fokus liegt bei den Fakes, die in der Deutschschweiz kursieren und von Bürgerinnen und Bürger abgesetzt werden. Wir verifizieren nur überprüfbare Behauptungen, keine Meinungen.

Wann kommt Ihnen ein Beitrag verdächtig vor?
Ein schrilles Layout und Schreibfehler lassen aufhorchen. Ebenso eine unlogische Argumentation oder eine verdächtige oder gänzlich unbekannte Quelle, die als Beweis herangezogen wird. Bei Fotos und Videos geben auch Reaktionen der beteiligten Personen Hinweise. Aber auch eine fehlende mediale Aufmerksamkeit bei Aussergewöhnlichem sollte misstrauisch machen. Falschbehauptungen entstehen jedoch auch bei Fehlinterpretationen von Studien oder Statistiken.

Nicht alle Fakes sind auf den ersten Blick als solche erkennbar. Wie sieht ein gut getarnter Fake aus?
Gute Fakes sind manchmal auch breit angelegt und enthalten alles, um glaubwürdig zu erscheinen. Neben einer dafür gebauten Webseite sind dann auch entsprechend passende Social-Media-Accounts auf diversen Plattformen, inklusive Kontaktangaben zu finden. Die Anfragen werden zwar beantwortet, nur sind die gemachten Angaben meist genauso gefaket wie der Rest. 

«Eine fehlende mediale Aufmerksamkeit bei Aussergewöhnlichem sollte misstrauisch machen»

Lässt sich immer sagen, ob eine Behauptung wahr oder falsch ist?
Es ist tatsächlich so, dass die Techniken immer besser werden, um Bild- und Videocontent zu manipulieren. Fakes, die auf künstlicher Intelligenz basieren, sind zunehmend schwieriger zu entlarven. Es kommt also immer wieder vor, dass wir nicht bestimmt sagen können: Das ist Fake.

Wann ist das der Fall?
Wenn eine hypothetische Formulierung gewählt wird, können wir keine klare Behauptung extrahieren. Bei anderen vermuten wir zwar, dass etwas nicht stimmt, aber unsere Recherche liefert keine Ergebnisse. Somit können wir ebenfalls keine finale Schlussfolgerung ziehen. Unsere Recherchetechniken sind gut und werden immer besser, aber sie haben auch ihre Grenzen.

Wo stossen Sie sonst an Ihre Grenzen?
Gerade bei historischen Recherchen sind die Grenzen schnell erreicht. Auch fehlendes Hintergrundwissen und fehlende Sprachkenntnisse erschweren, eine Behauptung richtig einzuordnen. Vorabrecherchen sind also notwendig. Auch technisch sind uns Grenzen gesetzt. Wenn wir nichts finden, heisst das noch lange nicht, dass gar nichts digital vorhanden ist. Es bedeutet lediglich, dass die Suchmaschinen nichts gefunden haben. Aber wir lernen ständig dazu und werden kreativ, um neue Wege und Lösungen zu finden.

Passieren Ihnen auch Fehler?
Klar. Auch wir Faktenchecker sind nicht fehlerfrei. Unter jedem Faktencheck ist deshalb eine E-Mail-Adresse angegeben, damit Leserinnen und Leser uns allfällige Fehler melden können. Wir tun aber alles, damit uns möglichst keine Fehler passieren. Jede einzelne Meldung, die Keystone-SDA rausschickt, durchläuft eine strenge Überprüfung nach klar vorgegebenen Regeln, bevor sie in Umlauf gebracht wird. Ähnlich ist es beim Faktencheck.

Das heisst?
Wir publizieren keinen Faktencheck, ohne dass dieser von einer anderen Faktencheckerin oder einem anderen Faktenchecker geprüft und die verwendeten Quellen eingesehen wurden. Auf gemeldete Auffälligkeiten reagieren wir schnell.

Mit welchen Techniken überprüfen Sie Informationen?
Für die digitale Verifikation verwenden wir diverse Browser, Suchmaschinen aber auch ausgefallenere Open-Source-Intelligence-Tools (OSINT). Je nach Thema fragen wir diverse Institutionen, Organisationen oder Behörden an oder kontaktieren fachspezifische Expertinnen und Experten. Wir sind darauf bedacht, glaubwürdige Quellen zu verwenden, welche entsprechend ausgewiesen sind. Je nach Inhalt kommen andere Techniken und Vorgehensweisen zum Einsatz.

Was machen Sie mit den Inhalten, die Sie als Falschmeldungen entlarvt haben?
Wir publizieren ausgewählte Faktenchecks auf unserer Homepage. Die Mehrheit wird aber unter dem Namen der Deutschen Presse-Agentur veröffentlicht und entsprechend mit dem Facebook-Post verlinkt. Dadurch soll die Reichweite der Falschbehauptung reduziert werden. Der User erhält mit der Verlinkung die Möglichkeit, einerseits den Faktencheck, aber auch die Falschbehauptung zu betrachten.

Bewirkt das etwas? Gelingt es Ihnen, User davon zu überzeugen, dass sie getäuscht wurden?
Einige Facebook-User haben sich für die Recherche bedankt. Mehrheitlich bekommen wir aber eher angriffige Rückmeldungen von Seiten der Facebook-User – sofern wir überhaupt ein Feedback bekommen. Wir versuchen uns auch mit jenen, die Falschbehauptungen verbreiten, offen auszutauschen.

«Faktencheck ist Teamwork»

Zu welchen Themen grassieren im Internet besonders viele Fake News?
Das hängt stark davon ab, was die Gesellschaft gerade bewegt. In den letzten Jahren war Covid das primäre Thema. Aktuell haben wir es vermehrt mit dem Krieg in der Ukraine zu tun.

Die Zahl der Fake News zum Krieg in der Ukraine ist unüberschaubar. Was können Leserinnen und Leser trotzdem tun, damit sie nicht auf sie hereinfallen?
Aufmerksamkeit und logisches Denken beim Betrachten der Behauptung offenbaren bereits einige Fakes. So muss beispielsweise die Begründung einer Behauptung, die Aktion und die Reaktion bei Bildcontent logisch erscheinen. Eines der bewährtesten Erkennungsmerkmale für Glaubwürdigkeit sind die Quellenangaben. Sowohl bei Texten als auch bei Bildern bieten diese die Möglichkeit zur Einordnung. Hilfreich ist auch, andere Medienberichte heranzuziehen und zu prüfen, ob sie das Thema ebenfalls aufgenommen haben und wie sie darüber berichten.

Kürzlich hat Keystone-SDA das Faktencheck-Schulungsprogramm #Faktencheck22 lanciert. Wie ist es dazu gekommen?
Unsere deutschen Kolleginnen und Kollegen der DPA haben das Schulungsprogramm im letzten Jahr durchgeführt. Es wurde von der Google News Initiative gefördert, war aber lediglich auf den deutschen Markt ausgerichtet. In diesem Jahr ist das Programm auf den DACH-Raum, also auch auf die Schweiz und Österreich ausgeweitet worden. Die im April für Schweizer Medien von Keystone-SDA durchgeführte erste Schulung war sehr erfolgreich. Deshalb werden wir auch Schulungen im September erneut anbieten.

Was lernen Journalistinnen und Journalisten bei Ihnen?
Wir schulen Journalisten und Mediendokumentalisten in der digitalen Verifikation. Anhand von Praxisbeispielen machen wir sie auf häufige Fehlerquellen aufmerksam und zeigen ihnen Recherchetechniken, Tipps und Tricks. Wir zeigen auch, wie man in Internetarchiven sucht, erklären die Verifikation von Profilen in den sozialen Medien, die Foto-Rückwärts-Suche, führen aber auch in die Thematik der Geolocation ein. Das Ziel der Schulung ist, dass die Teilnehmenden in der Lage sind, in ihrem Alltag selbst Fakten zu prüfen.

Jede neue Information gründlich zu recherchieren, wäre der Idealfall. Im Tagesjournalismus hat kaum ein Journalist Zeit dafür. Wie können Redaktionen trotzdem vermeiden, dass sie unwissentlich Falschinformationen weiterverbreiten?
Aufmerksam sein und alles kritisch hinterfragen – das ist die Grundvoraussetzung. Wenn es schnell gehen muss, sollte man zumindest prüfen, welche Medien sonst darüber berichtet haben. Unabhängige Nachrichtenagenturen gehören zu den verlässlichsten Quellen. Sehr wichtig ist auch, dass Kolleginnen und Kollegen auf der Redaktion sich untereinander austauschen – Faktencheck ist Teamwork. Vier – und mehr – Augen sehen mehr. Zudem bringt jede einzelne Person ein anderes Hintergrundwissen, ein anderes technisches Know-how ein und andere Sprachkompetenzen. Diese Schwarmintelligenz ist sehr hilfreich und muss unbedingt genutzt werden.



Catherine Gilbert ist seit Oktober 2020 Verification Officer bei der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Davor hat sie als Informationsspezialistin bei Economiesuisse gearbeitet.



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