28.02.2011

"Weltwoche"

Beklagt Gesprächsverweigerung

Daniel Glaus: "Wir hätten gerne mit SF diskutiert!"

"Einseitig und einfältig" sei die Berichterstattung des Schweizer Fernsehens. Dies das Fazit eines "Weltwoche"-Artikels vom Donnerstag über eine Studie des Medienforschungsinstituts Media Tenor. Laut "Weltwoche" wollte sich SF nicht zu den Ergebnissen der Untersuchung äussern. Eine Anfrage von "persoenlich.com" zeigte aber, dass SF sehr wohl eine Stellungnahme lieferte, diese jedoch von der "Weltwoche" nicht veröffentlicht wurde. Aus welchem Grund druckt die "Weltwoche" die Meinung von SF nicht ab? Und warum vertraut man auf Daten eines nicht unumstrittenen privaten Medienforschungsinstituts? "persoenlich.com" hat bei Daniel Glaus, dem Verfasser des Artikels nachgefragt.

Herr Glaus, Djego Yanez sagte gegenüber "persoenlich.com": "SRF äusserte sich zum Sachverhalt ungleich ausführlicher, als es die "Weltwoche" abbildet". Warum haben Sie die SF-Stellungnahme nicht abgedruckt?

Die Weltwoche hat über die wissenschaftlich nachgewiesene Schlagseite des Schweizer Fernsehens berichtet. Was dem Fernsehzuschauer intuitiv auffällt, ist damit von einem unabhängigen Institut erwiesen: In vier gewichtigen Nachrichtensendungen des SF zeigt sich eine politische Einseitigkeit, eine Wirtschaftsfeindlichkeit und dass gewisse Kantone kaum vorkommen. Wir haben das SF frühzeitig zur Stellungnahme eingeladen und deren wesentlichen Kritikpunkte abgedruckt. Sie haben die Untersuchung als Ganze in Frage gestellt, aber wollten die inhaltlichen Befunde nicht kommentieren. Wir haben diese Kritik des SF sogar zweifach genannt: Im Artikel und in der Rubrik "Intern".

Warum hat die "Weltwoche" SF nur die Ergebnisse unterbreitet, nicht aber Angaben zum Auftrag oder zur Methode?

Dass ihnen diese nicht bekannt seien sollen, teilte uns SF erst mit der Stellungnahme mit (für die wir übrigens noch die Deadline verlängert haben). Aber dem SF ist die Methodik von Media Tenor ohnehin bekannt, das ist eine Ausrede, um nicht auf die wesentlichen Punkte einzugehen. Die Diskussionsverweigerung scheint typisch: Mehrfache Anfragen der Weltwoche um Interviews mit SF-Direktor Rudolf Matter und SRG-Direktor Roger de Weck wurden in den vergangenen Monaten gar nicht oder abschlägig beantwortet.

Was kritisieren Sie hauptsächlich am Verhalten von SF?

Ich finde es schade, dass es zunächst heisst, die Ergebnisse der Studie würden nicht kommentiert, dies dann aber auf Umwegen doch geschieht. Die entscheidende Frage ist doch: Wie fällt die Analyse von vier gewichtigen SF-Sendungen aus, wenn sie kontinuierlich und inklusive der Kommentierungen erfasst werden? Das hätten wir gerne mit dem SF diskutiert! Die angeblich zu kurz abgedruckte Stellungnahme, die scheinbar unbekannte Methodik oder Zweifel an der Wissenschaftlichkeit der Untersuchung lenken von dieser Frage ab.

Die Wikipedia-Einträge unter "Media Tenor" lassen gewisse Zweifel an der Seriosität aufkommen. Warum schätzt die "Weltwoche" Media Tenor trotzdem als vertrauenswürdiges Forschungsunternehmen ein?

Zweifeln muss man in erster Linie an der Seriosität von Journalisten, die einen Artikel zu 95 Prozent auf Wikipedia abstützen und die betroffenen Akteure nicht einmal mit den Vorwürfen konfrontieren. Wikipedia ist die unseriöse Quelle in dieser müssigen Diskussion! Korrekt ist, dass Roland Schatz in Deutschland in laufenden juristischen Prozessen ist. Zu entscheiden haben die Gerichte. Wir zweifeln grundsätzlich alles an, das ist die Politik der "Weltwoche". Es gibt aber in diesem Fall keinen Grund, weshalb wir nicht über die Resultate der Analyse von Media Tenor berichten sollten. Denn die kontinuierliche Erfassung von Medienberichterstattungen weltweit durch das Institut ist breit anerkannt: Die Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH arbeitet mit den Daten, die BBC, das WEF, sie werden für den "Global Peace Index" des "Institute for Economics & Peace", den "Annual Dialogue Report on Religion and Values" der Universitäten Yale und Cambridge oder von Harvard-Forschern verwendet. Mir ist nicht bekannt, dass andere Forschungsarbeiten über die SF-Berichterstattung eine ähnliche Verwendung finden. Aber Forschung ist frei! Die Methodik ist öffentlich und jeder Wissenschafter kann versuchen, die Studienresultate zu verifizieren oder zu falsifizieren. Gerne berichten wir dann auch darüber!

Wo liegen die Stärken der zitierten Untersuchung?

Es gibt bisher nichts Vergleichbares, weil Media Tenor sozusagen ständig mit-sieht und auch die Kommentierungen erfasst. Die bisherigen Studien über die SF-Berichterstattung sind ebenfalls interessant, weil sie alle Programme erfassen. Im Befund der Dominanz von SVP und SP decken sich die Untersuchungen ja auch. Die bisher bekannten Studien haben aber die Schwäche, dass sie nur einzelne Stichprobenwochen betrachten. Die Vollzeit-Erfassung von vier Nachrichtenprogrammen des SF ist deshalb eine bis anhin wenig beachtete Ergänzung. Da wird klar ein Mehrwert an Informationen geschaffen - denn wir sprechen hier ja immerhin von der Leistung des staatlich konzessionierten Senders!

Wie kam die "Weltwoche" zur Studie?

Auf hochkarätig besetzten Konferenzen von Media Tenor werden deren Messungen breit diskutiert, etwa von Vertretern öffentlich-rechtlicher TV-Stationen aus dem Land. Diese stellen sich im Gegensatz zum SF der Diskussion. Auf einer solchen Veranstaltung habe ich Roland Schatz kennen gelernt. Wir haben das Institut dann angefragt, ob wir die Resultate der SF-Analyse publizieren dürfen. Es handelt sich bei den Daten ja nicht um Auftragsstudien, sondern kontinuierliche, tägliche Analysen des TV-Programms. Das Material ist also ohnehin vorhanden - normalerweise müssten Unis, Verwaltungen oder Unternehmen für die Bereitstellung aber natürlich bezahlen. Das ist das legitime Geschäftsmodell dieses privaten Instituts. Wir haben die Daten kostenlos erhalten. Ich habe Herrn Schatz als Dank zum Mittagessen inklusive Kaffee auf Spesen eingeladen, die Rechnung kam auf 70 Franken und 10 Rappen zu stehen.

Auf mediatenor.ch kann die Studie heruntergeladen werden.

Interview: Edith Hollenstein


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