Herr Bollmann, geben Sie ".ch" eine Chance?
Ich werde mich hüten, ein Urteil über einen Mitbewerber abzugeben. Der Unterschied zu heute ist folgender: Der Erfolg von 20 Minuten ist vor allem der damaligen Arroganz der grossen Verlagshäuser wie Ringier, Tamedia und NZZ zuzuschreiben, die der Zeitung keine Überlebenschance gaben und mit deren baldigen Einstellung rechneten. Dies ist bekanntlich nicht passiert. Wäre Martin Kall bereits im Jahr 1999 bei der Gründung von "20 Minuten" an der Spitze der Tamedia gestanden, wäre -- wie in Deutschland -- "20 Minuten" wieder vom Markt verschwunden.
Was bedeutet dies für ".ch"?
Wir konnten uns bei "20 Minuten" still und heimlich hocharbeiten, ohne von unserer Konkurrenz richtig ernst genommen zu werden. Dies ist heute nicht mehr der Fall. Ich muss aber gestehen, dass mir die wenigen Ausgaben von ".ch", die ich überhaupt zu Gesicht bekommen habe, bis jetzt keine Schweissausbrüche bereitet haben.
Gibt es überhaupt noch einen Platz für weitere Gratiszeitungen? Neben ".ch", "News" schlägt sich auch Peter Wanner mit dem Gedanken an eine eigene Gratiszeitung herum.
Ja, ich bin der festen Überzeugung, dass in der deutschen Schweiz zwei Pendlerzeitungen Platz haben -- nämlich "20 Minuten" und "News"!
Ein bekannter Verleger sagte, gegen Rolf Bollmann könne man in der Schweiz keine Gratiszeitung machen ...
Wer ist dieser Verleger? Man kann sicher eine Gratiszeitung ohne mich machen, aber wenn ich auf der anderen Seite des Spielfeldes mit einer eigenen Mannschaft stehe, wird es für den Gegner nicht einfach. Den Geist, den ich früher bei "20 Minuten" spürte, erlebe ich jetzt bei der Lancierung von "News" wieder. Ich versuche nun ein schlagkräftiges Team zu formen, welches das neue Blatt nach vorne bringt. Und vergessen Sie nicht: Ich habe dreimal Heimvorteil -- in Bern, Basel und in Zürich!
Als Geschäftsführer des "Tages-Anzeigers" spüren Sie diesen Groove nicht ...
Beim Tages-Anzeiger ist die Situation ein bisschen komplexer. Hier handelt es sich um ein etabliertes Produkt mit all seinen bekannten Vorzügen und Problemen. Was ich vor allem realisiere: Der Tagi hat einen gewaltigen politischen Einfluss. In sechs Jahren "20 Minuten" habe ich vielleicht zwei Leserbriefe bekommen, beim "Tages-Anzeiger" sind es circa zehntausend im Jahr.
Vor einem Jahr hat der "Tages-Anzeiger" die Regionalsplits eingeführt. Haben sich diese bewährt?
Der Medienmarkt Zürich ist noch nicht bereinigt. Dies im Gegensatz zu Bern, Basel, der Inner- und Ostschweiz. Der "Tages-Anzeiger" hat in seinem Kerngebiet mit rund 36 Prozent eine viel zu tiefe Abdeckung, während vergleichbare Titel in ihren Regionen eine Reichweite von über 50 Prozent haben. Punkt ist: Der Tages-Anzeiger wird nicht als typische Regionalzeitung wahrgenommen, da ein Drittel seiner Leser ausserhalb des Kantons Zürichs leben. Mit den Regionalausgaben wollen wir im Kanton Zürich an Reichweite zulegen.
Was man bei den Leserzahlen nicht merkt...
Dies ist ein sehr langer Prozess. Die Landzeitungen wie der Zürcher Ober- und Unterländer, wie auch die Zürichsee-Zeitung sind bei der Bevölkerung gut etabliert. Auf dem lokalen Werbemarkt entwickeln sich die Umsätze sehr positiv. Das Spiel beginnt erst richtig, wenn die Konjunktur einbricht.
...also die Zerstörung der Landzeitungen.
Wir wollen niemanden zerstören. Der "Tages-Anzeiger" muss Marktanteile dazugewinnen, im Leser- wie im Werbemarkt. Oder sollen wir zuschauen, wie wir wegen sinkender Reichweite immer mehr aus dem Werbemarkt fallen? Ihr Journalisten seit die Ersten, die aufheulen, wenn wir, wegen rückläufigen Umsätzen, Kostensenkungsmassnahmen einleiten und als Folge davon Redaktoren entlassen müssen.
(Interview: Matthias Ackeret)

