Herr Schawinski, Hand aufs Herz: haben Sie dem UVEK wirklich zugetraut, dass einem etablierten Sender die Konzession entzogen wird?
Ich habe die Ausschreibung immer ernst genommen. Und ich spürte von Anfang an den Willen, das Ganze nicht zur Farce werden zu lassen.
Rekurse mit aufschiebender Wirkung sind bereits angekündigt. Wann rechnen Sie damit im Raum Zürich-Glarus senden zu können?
Wir sind hoffnungsvoll, dass das Bakom in dieser Sache sinnvolle Lösungen findet, welche die Bedürfnisse aller Beteiligten abdecken.
Denken Sie es wird nun die Taktik von Ringier sein, die Sache so lange wie möglich herauszuzögern, bis die Technik (DAB) alternative Möglichkeiten für den Sender bietet?
DAB ist ein für mich sehr fragwürdiges Versprechen für eine sehr ferne Zukunft. Nein, das ist keine ernsthafte Alternative.
Sie haben nun keine Konzession mehr für den Raum Zürich, die ist an RMC Züri gegangen. Wenn Sie nicht ab März 2009 im grossen Gebiet senden können, bleibt Radio 1 dann stumm?
Wir haben eine Konzession. Das steht fest. Ich sehe kein Szenario, bei dem uns diese Konzession wieder genommen werden könnte.
Was sagen Sie dazu, dass Giuseppe Scaglione nun als einziger Veranstalter zwei UKW-Frequenzen in Zürich hat. Ist er der heimliche Gewinner?
Das ist wirklich überraschend. Hätte sich Ringier vernünftig verhalten, und sich auch für die kleinere Konzession beworben, wie wir es getan haben, könnte Radio Energy mit Sicherheit problemlos weiter senden, und zwar in einem ähnlich grossen Gebiet wie heute. Ich hätte als Unternehmer nie ein solches Risiko genommen, nur auf eine Konzession zu setzen, bei dem sich eine grössere Zahl von Bewerbern gemeldet hat. Vor allem für Radio Energy, das in Bezug auf die in der Ausschreibung geforderten Leistungen im Bereich des Informationsangebot viel zu schmalbrüstig unterwegs ist, war dies eine völlig abenteuerliche Strategie. Ich kann mir nicht erklären, weshalb bei Ringier niemand auf dieses evidente Risiko hingewiesen hat. Da steckt eine gehörige Portion Selbstverschulden mit drin.
Sie haben im Aargau und in der Südostschweiz gegenüber den Verlegerradios den Kürzeren gezogen. Ihre Gesuche wurden qualitativ schlechter bewertet. Ihr Kommentar?
Ich werde die Entscheide zusammen mit meinen Partnern analysieren. Prima vista bin ich über die Begründungen entsetzt.
Dieses Mal haben Sie vom Vergabe-System profitiert: Ist es jetzt darum auch ein gutes System?
Leider braucht es wegen der beschränkten Verfügbarkeit von UKW-Frequenzen überhaupt ein System. Man könnte die knappen Frequenzen auch meistbietend verkaufen, wie dies in anderen Ländern geschieht. Das wäre für mich noch weniger optimal. Aber die Beurteilung des Bakom aufgrund von Versprechungen empfinde ich als fragwürdig. Diese wurden nicht auf ihren Wahrheitsgehalt abgeklopft, auch dort nicht, wo dies möglich war, etwa mittels einer Analyse der aktuellen Programme und der heute gängigen Praktiken. Allein das Papier zählte, und Papier ist ja recht geduldig.
Können Sie das genauer erläutern?
Gesuchsteller konnten Behauptungen in den Raum stellen, die diametral von ihrem bisherigen Verhalten abwichen. Es sind zum Teil reine Lippenbekenntnisse, ohne jeglichen Realitätsbezug. Dass diese etwa im Bereich von Ausbildung und Qualitätskontrolle so stark gewichtet wurden, hat mich überrascht. Hier bestehen in der heutigen Radiolandschaft die grössten Mängel. Nun aber wurden vollmundig gewaltige Pläne vorgelegt, um so zu punkten. Wenn ich angekündigt hätte, jedes Jahr drei Mitarbeiter an die Columbia School of Journalismus nach New York zu schicken, hätte ich wohl die Konzessionen im Aargau und in Graubünden erhalten. Hingegen wurde nicht berücksichtigt, dass ich mehr als hundert der erfolgreichsten und besten Mitarbeiter in den elektronischen Medien der Schweiz praktisch ausgebildet habe. Um jemanden auszubilden, braucht es eben nicht nur Theorie, sondern die tägliche Praxis und das tägliche Vorbild. Deshalb empfinde ich die starke Gewichtung dieses blossen Ankündigungsarguments durch das Bakom als nicht nachvollziehbar. So konnte die Frage der Meinungsvielfalt in mehreren Regionen ausgehebelt werden, die sowohl relevant als auch empirisch überprüfbar ist. In diesem Punkt empfinde ich die Entscheide als äusserst angreifbar.
Energy Zürich oder Tele Tell wird vom Staat die Existenzgrundlage entzogen. Finden Sie es in Ordnung, wenn staatliche Behörden eine erfolgreiche Firma schliessen?
Wenn man dies verhindern will, muss man Konzessionen auf ewig erteilen.
Glauben Sie, dass sich nun mehr Widerstand gegen die gängige Praxis regt, weil zum ersten Mal auch grosse Medienhäuser (Tamedia, Ringier) betroffen sind?
Das RTVG steht. Ich habe es lautstark bekämpft. Die grossen Medienhäuser hingegen haben sich nie gross engagiert, etwa für eine nationale Fernsehkonkurrenz für das SRG-Monopol. Das empfinde ich als ihr gravierendstes Versagen. Deshalb hat die Schweiz eine Medienlandschaft, die den privaten Sektor krass benachteiligt, sowohl bei Radio als auch bei Fernsehen.
(Interview: Stefan Wyss)

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