22.11.2005

"Das Fernsehen wird eine neue Umsatzquelle für uns sein"

Was macht die Swisscom, wenn die Gratis-Telefonie grassiert und das Businessmodell wegbricht? Fernsehen ist eine Option: Broadcasting ist ein Auslaufmodell; künftig spielen sich Kunden ihren Film selbst ein. Es gibt eine Gebühr für alles. Access ist eine weitere Option: Es braucht immer eine physische Infrastruktur, und die kann nicht gratis sein. Chief Strategy Officer Christoph Brand sagt in "persönlich blau" wohin die Reise geht. "persoenlich.com" bringt einen Interview-Ausschnitt:
"Das Fernsehen wird eine neue Umsatzquelle für uns sein"

Stellt die grassierende Gratis-Kultur das Businessmodell von Telefongesellschaften in Frage?

Jein, es gibt gewisse Komponenten des Businessmodells, die sich momentan stark verändern. So verschiebt sich die Minuten-Tarifierung in der Sprachtelefonie zunehmend in Richtung Flat Rate. Gleichzeitig entstehen aber auch ganz neue Businessmodelle, mit denen die Telefongesellschaften bis jetzt nicht viel zu tun hatten: Das Fernsehen etwa wird eine neue Umsatzquelle für uns sein. Das Access-Geschäft wird sich nicht substanziell verändern. Irgendeine Form von Zugang in die digitale Welt braucht man schliesslich. Und der kann nicht gratis werden. Denn dahinter stehen Milliardeninvestitionen, eine physische Infrastruktur, die jeden Haushalt in der Schweiz erfasst.”

Wie es scheint, wird es in der Zukunft ziemlich dramatische Veränderungen geben. Da muss man womöglich die ganze Firma neu erfinden. Wie wird sich die Swisscom in den nächsten zehn Jahren verändern?

Die ganze Telekom-Industrie wird sich wieder einmal radikal verändern. Die erste grosse Veränderung war die Digitalisierung; jetzt braucht es neue Businessmodelle. Weite Bereiche der Firma werden aber nicht stark tangiert. Die Leistungen, die im Netzbereich produziert werden, braucht es in jedem Fall. Es braucht ein Festnetz und ein mobiles Netz.

Wie können Sie Anbieter, die ein Gratisangebot machen, unter Kontrolle halten?

Gewisse ökonomische Fundamentalregeln kann niemand umgehen. Irgendjemand muss die Infrastruktur bezahlen. Ob das mit Telefongebühren im Zeittakt geschieht oder mit einer Flat Rate, ist letztlich egal

Kann es sein, dass die Swisscom im Telefoniebereich von einem Festnetz- zum reinen Mobile-Unternehmen wird?

Nein, dies ist auszuschliessen. Die Swisscom ist ein Full-Service-Provider, der grundsätzlich alle Kundensegmente abdecken will.

Wird die drahtlose Computerkommunikation kommen?

Die ist schon da. Es gibt eine Aufrüstung von Bandbreiten in allen Bereichen. Dies ist schon voll in Gang. Die Infrastrukturen werden im Mobil- wie auch Festnetzbereich aufgerüstet.

Sie müssen doch ein paar Szenarien haben. Welche wären das denn?

Ein Szenario ist sicher, dass es noch radikaler von zeitbasierten Tarifen in Richtung Flat Rate geht: Man zahlt einen festen Betrag pro Monat und bekommt dafür viele Leistungen, unter anderem Telefonie. Ein anderes Szenario: Die Bandbreitenbedürfnisse steigen noch viel stärker, als wir denken -- und wir rechnen schon mit sehr viel. Ich frage mich nur, womit wir alle diese Bandbreiten füllen sollen -- HDTV ist schliesslich nur ein einzelner Dienst. Und schliesslich gibt es das Fernsehen der Zukunft. Der Wandel weg vom klassischen Broadcasting-Modell, wo man zu einer bestimmten Zeit vor dem Fernseher sitzen und einen bestimmten Kanal schauen muss. Dies ist ein Auslaufmodell.

Wir reden von Sprache, von Bild, vom Fernsehen. Wie steht es mit der Zeitungsindustrie? Da wird ja immer noch gedruckt und Papier herumtransportiert. Kann das wirklich so bleiben?

Das müssten Sie mir sagen. Bei uns ist das nicht im Fokus. Natürlich sollte man die Entwicklung mit dem E-Paper nicht unterschätzen. Aber das ist nicht unser Geschäft. Wir stellen allenfalls die Dienste zur Verfügung, damit die digitale Zeitung übermittelt werden kann. Der Kunde will immer noch eine NZZ; ihm ist es egal, wer die übermittelt.

Was gratis ist, muss durch Werbung finanziert werden. Schafft das die Werbeindustrie überhaupt?

So viel Werbung kann man gar nicht generieren, sonst müssten die Leute als wandelnde Litfasssäulen herumlaufen. Dabei haben die Menschen heute schon genug von der Werbung. Richtig ist aber, dass gewisse Bereiche werbefinanziert werden.

Wir haben vom Fernsehen gesprochen. Ihr Konkurrent Cablecom ist von einem amerikanischen Unternehmen übernommen worden. Was bedeutet das für Sie?

Erstens: Dies ist kein Schweizer Business, sondern ein globales. Wenn unser Konkurrent Liberty heisst, kann es ja nicht sein, dass wir nach Schweizer Regeln arbeiten müssen, die uns einen Nachteil einbrocken. Zweitens: Der Konkurrenzkampf wird noch schärfer. Scharf ist er jetzt schon, das sieht man an den niedrigen Preisen für Breitbandanschlüsse.


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