Renato Beck, das bisherige Layout hielt 15 Jahre. Was gab den Ausschlag für den Relaunch?
Es gab durchaus Stimmen intern, die fanden, wir hätten noch 15 Jahre anhängen können. Doch ein bisschen hatten wir den immer gleichen Einseiter satt. Der Relaunch zwang uns zu einer Überprüfung: Was braucht es noch? Was soll anders werden? Ein Layout ist ja nicht einfach eine Gestaltung. Ein Layout bildet organisatorische Zustände und ganz viele Gewohnheiten ab. Diese wollten wir aufbrechen. Nicht nur für die Leser:innen, sondern auch fürs Team, das die Zeitung macht und verkauft.
Optisch fällt das markante Logo mit den drei Buchstaben auf. Das war intern umstritten. Wie haben Sie diesen Streit gelöst?
Indem wir ihn ausgetragen haben. Wir haben beim Logo verschiedene Richtungen verfolgt. Es gab Entwürfe, die sehr nahe am bestehenden waren, aber auch wirklich wilde. In einer Variante wurde das O im WOZ zum Bullauge umfunktioniert wie bei einem Ozeandampfer. Das fand ich super, andere drohten mit sofortiger Kündigung. Wir haben das dann nicht weiterverfolgt. So wurde diskutiert und argumentiert und am Schluss ein überzeugendes Logo geboren.
Der Relaunch-Prozess dauerte fast zwei Jahre. Auch wegen der gelebten Basisdemokratie?
Ich empfinde es nicht als lange Zeitspanne. Das neue Layout war ja erst der zweite Schritt. Der erste Schritt war, dass wir im Kollektiv intensiv diskutiert haben, wo wir publizistisch stehen und was wir verändern wollen. Dann haben wir ein Layout entwickelt, dass die Anforderungen erfüllt, die sich daraus ergaben. Das alles brauchte seine Zeit. Und dann haben wir ja auch noch Woche für Woche eine Zeitung herausgebracht.
«Die grossen Entscheidungen gingen alle durchs Kollektiv»
Ist das Ergebnis ein einziger grosser Kompromiss, wenn so viele mitentscheiden?
So funktioniert die WOZ nicht. Der Prozess war am Anfang breit, aber dann haben wir zu allen Themen, die wichtig waren – von der Blattdramaturgie bis zur Kommunikation – kleine Arbeitsgruppen gebildet, die relativ selbstständig arbeiteten. Klar, die grossen Entscheidungen gingen alle durchs Kollektiv, aber da war durchs Band sehr viel Vertrauen und Wagemut zu spüren. Dazu kommt, dass es immer wieder mahnende Stimmen gab, wie etwa unser externer Gestalter Christof Nüssli, der schlechte Laune bekam, wenn eine Neuentwicklung zu nah ans Alte rückte.
Welchen Mehrwert bringt der Relaunch den WOZ-Leserinnen und -Lesern bei der Lektüre?
Mehr Abwechslung, viel Frische, bessere Bildschnitte, eine starke Dramaturgie über die ganze Zeitung hinweg, die Lust aufs Lesen weckt.
Die WOZ erscheint künftig mit einem neuen Ressort «Gesellschaft». Bedeutet das eine redaktionelle Akzentverschiebung?
Ja, das ist schon die Idee davon. Gesellschaftsthemen kamen natürlich auch in der alten WOZ vor Aber wir wollten ihnen mehr Platz geben und damit auch mehr Bedeutung verschaffen. Weil grosse politische Verschiebungen entlang gesellschaftlicher Fragen verlaufen, etwa zu Geschlechtsidentitäten. Aber unser Gesellschaftsteil wird auch lustvoll werden, abgründig, kurios, unterhaltsam und damit die WOZ insgesamt reizvoller machen.
«Das gibt uns mehr Flexibilität im Bund»
Im Politikteil wurde die Trennung zwischen Inland und International aufgehoben. Was merkt das Publikum davon?
Das Publikum wird einen Politikteil vor sich haben, der stimmiger und spannender ist. Weil viele Themen, die für uns wichtig sind, Bezüge zur Schweiz aber auch zu anderen Räumen haben. Das können wir jetzt einfacher zusammenbringen. In der aktuellen Ausgabe gibt es eine Recherche zum früheren Nationalrat Lüscher, der auf der Lohnliste der israelischen Regierung stand. Diese Geschichte hat genauso eine internationale wie eine Schweizer Dimension. Ausserdem gibt es uns mehr Flexibilität im Bund: Das Thema der Woche kann wie auch die neue Rubrik Vorort überall auf der Welt spielen.
Die WOZ wird weiterhin stark als gedruckte Zeitung genutzt. Wurde der Relaunch entsprechend vom Papier her gedacht?
Unseren Digitalauftritt haben wir im Sommer 2022 erneuert. Beim jetzigen Relaunch ging es stark um die gedruckte Zeitung, aber auch generell um die Aussenwirkung der WOZ. Es wird in den kommenden Wochen jedoch noch eine neue App fürs Handy und Tablet erscheinen.
Ganz ohne digitales Angebot kommt auch die WOZ nicht aus. Es gibt eine Website, eine App und einen TikTok-Kanal. Warum eigentlich keinen eigenen Podcast?
Selbstverständlich existiert eine AG, die einen eigenen WOZ-Podcast ausbrütet. Aber es ist auch so, dass wir nicht mehrere grosse Entwicklungsprojekte parallel verfolgen können. Unsere Ressourcen sind knapp bemessen und sollen vor allem in die Publizistik fliessen. Was es aber gibt, ist eine sehr elegante Vorlesefunktion – jetzt schon auf der Webseite, bald auch in der App.
«Die Werbekampagne zum Relaunch kommt erst noch»
Die WOZ bewirbt die neu gestaltete Zeitung mit dem Spruch: «Leider immer noch links.» Warum «leider» und wen spricht die WOZ damit an?
Das ist vor allem ein Gruss an unsere Abonnent:innen, der eine beliebte und extrem originelle Kritik an der WOZ aufnimmt. Die Werbekampagne zum Relaunch kommt erst noch.
Verbindet die WOZ mit dem Relaunch auch kommerzielle Erwartungen, also mehr verkaufte Abos und mehr Werbeeinnahmen?
In den letzten Jahren konnten wir kontinuierlich Abonnent:innen dazugewinnen und die Werbeeinnahmen halten. Das ist angesichts der Tristesse in der Schweizer Medienlandschaft schon mal ein beachtlicher Erfolg. Aber natürlich wünsche ich mir, dass noch viel mehr Leute die WOZ lesen und abonnieren. Wir sind ja nicht einfach links, sondern machen vor allem einen leidenschaftlichen, intelligenten Journalismus mit dem Ziel, den Wahnsinn der Welt begreiflich zu machen.
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24.04.2026 07:41 Uhr
23.04.2026 08:57 Uhr

