08.05.2022

ZO Medien

«Das neue Haus steht für Aufbruchstimmung»

Stefan Nägeli, Ex-Programmleiter von Tele Top, ist seit einem halben Jahr stv. Chefredaktor bei den Zürcher Oberland Medien. Ein Gespräch über seinen Wechsel in den Printjournalismus, neue Ressortstrukturen – und die Sendung «Lunchtalk», die er weiterhin moderiert.
ZO Medien: «Das neue Haus steht für Aufbruchstimmung»
«Mir fällt es eindeutig schwerer, einen Artikel zu verfassen als ein Fernsehinterview zu führen», sagt Stefan Nägeli, stellvertretender Chefredaktor und Ressortleiter «Themen/Projekte» bei den ZO Medien. (Bild: Marcel Hofer/ZO)
von Tim Frei

Herr Nägeli, Sie waren zwölf Jahre lang Programmleiter und das Gesicht von Tele Top. Konnten Sie sich in dieser Zeit jemals vorstellen, den Sender zu verlassen?
Ich habe es sehr geschätzt, dass ich auf die Konzessionierung von Tele Top hin als erster Programmleiter des Senders beginnen durfte. Es war wie ein Heimkommen für mich, bin ich doch bei Radio Eulach in den Journalismus eingestiegen, das später mit anderen Sendern zu Tele Top wurde. Bereits damals arbeitete ich mit Gründer und Geschäftsleiter Günter Heuberger zusammen. Um die Konzession erfüllen zu können, mussten wir einen Studioneubau und den Umzug von Frauenfeld nach Winterthur vornehmen. Für mich als gebürtiger Winterthurer war es grossartig, zusammen mit Günter quasi auf der grünen Wiese einen TV-Sender «aus dem Boden zu stampfen». Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich war in den zwölf Jahren so auf meine Arbeit konzentriert, dass ich keine Zeit hatte, daran zu denken, Tele Top zu verlassen.

Was hat Sie schliesslich zum Wechsel bewogen?
Da ich seit vier Jahren im Tösstal wohne, habe ich einen Bezug zur Region der Zürcher Oberland (ZO) Medien. Zudem haben mich die Zukunftspläne der ZO Medien überzeugt: Neue Ressortstrukturen und das multimediale Storytelling – also nicht nur in Zeitungsartikeln und Zeichenzahl zu denken, sondern Storys von Grund auf als Gesamtgeschichten zu konzipieren, und sie verschiedenartig aufzubereiten. Und dank unserer Video-/Social-Media-Abteilung auf Video zu setzen, was mir logischerweise näher liegt als die Zeitungsherstellung. Aufgrund meiner Erfahrung bin ich die Person in der Redaktionsleitung, die bei Videothemen den Lead hat. Dass meine Expertise von den VJs gefragt ist, freut mich sehr.

Weshalb war es für Sie der richtige Zeitpunkt?
Weil ich an einem Punkt angekommen war, an dem ich mich gefragt habe: Wenn ich jetzt nicht wechsle, wann dann? Es war aber nie ein Entscheid gegen Tele Top, sondern für den Zürcher Oberländer.

«Neu wollen wir nach Tempo priorisieren»

Neue Ressortstrukturen: Was heisst das genau?
Bisher waren die Ressorts nach Regionen aufgeteilt. Neu wollen wir nach Tempo priorisieren. Will heissen: Ein Ressort reagiert auf tagesaktuelle News, ein zweites, das mir unterstellt ist, operiert längerfristig – und setzt aufwendigere, hintergründigere Geschichten um. Von dieser Philosophie erhoffen wir uns, verstärkt Themen zu setzen. Wir sind aber erst am Anfang, zudem werden wir von Aktualität noch oft überholt.

Inwiefern?
Die Newslage beeinflusst unsere Arbeit weiterhin – bei hochaktuellen Themen wie lokalen Wahlen und Abstimmungen arbeitet auch das Thementeam mit. Wir werden unsere Strategie in einem solchen Fall nicht stur umsetzen und ein Hintergrundstück zu einem anderen Thema veröffentlichen. Denn schliesslich ist die Aktualität bei einem Tagesmedium ein zentraler Treiber.

Wie hat die Redaktion die neue Philosophie aufgenommen?
So wie es wohl auf jeder Redaktion der Fall ist, wenn es zu Umstellungen kommt. Es gab den einen oder anderen Abgang in dieser Zeit. Nicht alle haben die neue Strategie verstanden und mitgetragen. Das hat jedoch nichts an der Philosophie der Geschäfts- und Redaktionsleitung geändert, dass wir diesen neuen Weg beschreiten möchten. Die Neuzugänge kennen die alte Welt gar nicht mehr, was ein Vorteil sein könnte.

Um solche Veränderungen zu moderieren, ist ein dickes Fell und Überzeugungskraft nötig. Hat Ihnen die langjährige Tätigkeit als Programmleiter geholfen?
Ich glaube, dass ich nicht nur von meiner Erfahrung im Job profitieren kann, auch das Alter respektive die Lebenserfahrung dürfte eine Rolle spielen, indem ich gelassener geworden bin. Ich lasse mich beispielsweise nicht mehr zu überdeutlichen Voten hinreissen und überlege zuerst, ob meine Ansicht überhaupt korrekt ist.

Das Tösstal hat Sie demnach wirklich gelassener gemacht, wie man im Tösstaler lesen konnte?
Ich will nach wie vor etwas bewegen, aber ich bin in der Tat geduldiger geworden. Das Tösstal tut mir gut, es hat mich geerdet. Wenn ich aus dem Fenster meines Hauses ins Grüne hinausblicke, sehe ich oft Rehe – diese Naturnähe finde ich grossartig.  

«Es kommt bereits jetzt vor, dass wir Video-only-Beiträge machen»

Die Redaktion arbeitet aktuell in Räumlichkeiten in Hinwil, weil der Hauptstandort in Wetzikon neu gebaut wird. Wird es dort einen Newsroom geben?
Den haben wir ein Stück weit bereits in diesem Provisorium. Es gibt keine fixen Arbeitsplätze mehr, die Mitarbeitenden können auch von zuhause arbeiten. Der Veränderungsprozess auf der Redaktion hängt nicht zwingend mit dem neuen Haus zusammen ­und wird vorher abgeschlossen. Aber der Neubau gibt uns eine tolle Perspektive – geplant ist, dass wir Ende 2023 ins ZO-Haus einziehen können.

Der Neubau dürfte aber für den Veränderungsprozess eine wesentliche Rolle spielen …
Absolut. Der Zürcher Oberländer ist zwar eine Traditionsmarke, aber das bedeutet nicht, dass er alt daherkommen muss. Das neue Haus steht sinnbildlich für die Aufbruchstimmung der ZO Medien, insofern ist dieser Move ein wichtiges Zeichen für die Mitarbeitenden. Für die Leserinnen und Leser wird sich aber nicht alles verändern. Die Zeitung wird so bleiben, wie sie es gewohnt sind.

Sie sollen mit Ihrem Know-how die Digitalisierung weiter vorantreiben. Welche Schwerpunkte möchten Sie setzen?
Wir möchten das Multimediale und die Online-First-Strategie weiter ausbauen. Video wird dabei eine wichtige Rolle spielen. Es kommt bereits jetzt vor, dass wir Beiträge machen, die Video-only sind – und die abgesehen von Titel und Lead ohne Text auskommen.

Der Grossteil der Beiträge steht hinter einer Paywall. Weshalb?
Wir möchten der Gratis-Internet-Mentalität gegensteuern. Wir sind uns bewusst, dass dies eine grosse Herausforderung ist.  In diesem Bereich hat bisher kein Medienhaus das Patentrezept gefunden – uns geht es da genau wie den anderen Verlagen.

«Ich habe keinen Ghostwriter»

Sie waren 37 Jahre lang in den elektronischen Medien tätig. Per November 2021 haben Sie in den Print-/Onlinejournalismus gewechselt. Brauchten Sie Mut für diesen Entscheid?
Nein es war mir bewusst, dass dieser Wechsel neue Herausforderungen mit sich bringt. Genau auf diese habe ich mich jedoch gefreut. Zu Beginn musste ich die verschiedenen Tools kennenlernen, die ich aus meiner Zeit bei Tele Top nicht kannte. Ich habe viel Neues lernen können in den vergangenen Monaten und freue mich auf weitere Herausforderungen.

Verbunden mit Ihrem neuen Job ist, dass Sie nun auch Artikel schreiben. Wie erleben Sie das?
Mir fällt es eindeutig schwerer, einen Artikel zu verfassen als ein Fernsehinterview zu führen. Weil ich dies selten gemacht habe, obwohl ich auch mal für eine Zeitung gearbeitet habe. Insofern ist das eine Umstellung für mich.

Es gibt aber keine Person, die Sie coacht?
Nein, ich habe keinen Ghostwriter (lacht). Das Schreiben ist eine andere Art Arbeit. Ich habe jedoch auch im TV-Bereich für Beiträge Texte verfasst.

Was war die grösste Umstellung?
Dass ich die Texte im TV mehrheitlich in Mundart geschrieben habe. Das funktioniert für einen Zeitungsartikel selbstredend nicht.

«Die Vorfreude ist inzwischen grösser als früher, als ich täglich Sendungen gemacht habe»

Gab es Momente, in denen Sie den Wechsel bereut haben?
Nein, die gab es nie! Es war in der Anfangszeit mehr so, dass es für mich persönlich nicht so schnell vorwärtsging, wie ich mir das erhofft hatte, und ich musste meine Kolleginnen und Kollegen oft fragen, wie man dieses oder jenes macht. Ich hoffe, dass ich ihnen damit nicht auf die Nerven gegangen bin (lacht). 

Ganz lassen können Sie TV aber nicht. Sie moderieren weiterhin die monatlichen «Lunchtalks» – ein gemeinsames Format Ihres vorherigen und Ihres aktuellen Arbeitgebers.
Die Idee zum «Lunchtalk wurde bei einem Mittagessen von Dani Siegel, dem CEO der ZO Medien, geboren – wir kennen uns aus der gemeinsamen Zeit bei Radio Z. Anfänglich wurde die Sendung über Mittag im alten Gebäude des Zürcher Oberländers aufgezeichnet, in einem Pausenraum vor Publikum. Damals hatte niemand darüber nachgedacht, dass ich einst bei ZO Medien arbeiten würde. Der «Lunchtalk» wurde fortgesetzt, bis der Hauptsitz für den Neubau abgebrochen wurde – gleichzeitig war auch die Coronapandemie ausgebrochen. So konnten wir den Talk nicht mehr vor Publikum durchführen, deshalb haben wir die Sendungen fast zwei Jahre im Top-Studio aufgezeichnet.  

Was gab den Ausschlag, die Sendung mit Ihnen als Moderator fortzuführen?
Als ich mich zum Wechsel entschieden hatte, suchte ich mit beiden Parteien das Gespräch, was dies für die Zukunft des «Lunchtalks» bedeuten würde: Ob wir ihn erstens weiterführen möchten, zweitens weiterhin zusammen mit den ZO Medien und drittens, ob auch mit mir als Moderator. Alle Beteiligten hatten Lust darauf. Auch wenn ich die Zeit vor der Kamera nicht vermisse, muss ich ehrlich zugeben, dass ich mich auf das eine Mal im Monat sehr freue. Weil das für mich einzigartiger geworden ist, ist die Vorfreude inzwischen grösser als früher, als ich täglich Sendungen gemacht habe. Seit März 2022 wird die Sendung in der Kulturbar «Garage» in Wetzikon wieder mit Publikum aufgezeichnet.


*Stefan Nägeli arbeitet seit November 2021 als stellvertretender Chefredaktor und Ressortleiter «Themen/Projekte» für die Zürcher Oberland Medien. Zuvor war er über 12 Jahre lang Programmleiter des TV-Senders Tele Top. Seine Karriere als Journalist lancierte er 1984 beim damaligen Radio Eulach in Winterthur, bevor er von 1989 bis 1995 als Moderator und Redaktor von Radio Z wirkte. Nach zwei Jahren als VJ bei TeleZüri begann er seine Produzentenlaufbahn bei «NightMoor» beim Schweizer Fernsehen. Anschliessend sammelte er weitere Erfahrungen bei CashTV, Sat.1, Blick-Sport und Konsum.tv. Danach leitete er die Eishockey-Redaktion der Sport-Unit von «Ringier TV». Nach dessen Übernahme durch Teleclub arbeitete er als Produzent im Sportbereich des Pay-TV-Senders.



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