Klaus Kriesel - nach einem starken Abwärtstrend hat sich Tele seit dem Relaunch von 1996 zu einem erfolgreichen Medienmagazin entwickelt und ist heute mit 712'000 Lesern die drittgrösste abonnierte Zeitschrift der Deutschschweiz. Allerdings ist die Auflage im vergangenen Jahr um knapp 4000 auf 233'739 Exemplare gesunken. Dies kann doch aber nicht allein der Grund dafür sein, dass Tele komplett überarbeitet wird?
Das ist richtig. Tele ist in seinem Marktsegment mit grossem Abstand Marktführer in der Schweiz. Und als Leader fühlen wir uns verpflichtet, auch in Zukunft das beste Produkt am Markt anzubieten. Natürlich haben wir seit unserem letzten grossen Relaunch vor sechs Jahren Tele immer wieder schrittweise verbessert und weiterentwickelt. Vergleicht man das Blatt von damals mit dem von heute, dann sind das zwei grundverschiedene Konzepte, die nur noch wenig gemeinsam haben. Jetzt wollen wir aber wieder einen grossen Schritt nach vorne machen und mit dem Relaunch klar unsere Marktführerschaft signalisieren.
Mit welchen Problemen hat Tele konkret zu kämpfen?
Es geht uns so wie allen Schweizer TV-Zeitschriften und den entsprechenden Titeln in unseren Nachbarstaaten: Die Märkte sind gesättigt und alle etablierten Magazine verzeichnen Auflageverluste. Dafür gibt es viele Gründe, ich nenne nur einen: Die grosse Verbreitung von kostenlosen TV-Informationen in den Tageszeitungen und den beigelegten Supplements. Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten denken viele, sie könnten sparen, wenn sie ihre Fernsehzeitschrift abbestellen. Was Tele angeht, ist das natürlich ein Trugschluss. Erstens weil unsere Programminformationen ein viel höheres Qualitätslevel haben als zum Beispiel die in den Tageszeitungen, und zweitens weil Tele als Medienmagazin viel mehr bietet als nur das TV-Programm.
Wie weit sind die Arbeiten am Neukonzept gediehen?
Nachdem uns der Publizistische Ausschuss im März das Okay für eine Nullnummer gegeben hat, hatten wir drei verschiedene Agenturen beauftragt, uns Vorschläge für ein neues Layout zu präsentieren. Wir haben uns dann für den Entwurf der MediaGroup Berlin entschieden und auf dieser Grundlage ein neues Heft entwickelt. Unsere Nummer 31 wurde zweimal produziert - einmal im alten Konzept und einmal parallel im Neukonzept. 200 Leser, die als repräsentativer Schnitt der Abonnenten ausgesucht wurden, werden nun die neue Version testen. Wir sind gespannt auf die Ergebnisse.
Was passiert, wenn das neue Tele nicht ankommt?
Ich habe ein gutes Gefühl und auch das ganze Tele-Team steht voll hinter dem Neukonzept. Mit Kritik und Anregungen unserer Testleser werden wir uns selbstverständlich intensiv auseinandersetzen. Wir haben das gleiche Verfahren übrigens beim Relaunch 1996 angewendet. Damals nahmen gegen 90 Prozent der Befragten das Neukonzept mit Begeisterung auf. Die angekreideten Schwachpunkte haben wir damals korrigiert und sind auf die Leserwünsche eingegangen. Dies führte dazu, dass die Auflage nach der Einführung des Neukonzepts nicht zurückging - obwohl normalerweise krasse Veränderungen erst einmal einen Auflagenrückgang auslösen. Leser von TV-Zeitschriften lieben das Vertraute. Wenn man etwas Neues macht, dann muss es absolut überzeugend sein.
Und wenn nun massive Vorbehalte und Kritik kommen - bleibt es beim Erscheinungstermin Oktober?
Seriös kann ich das natürlich nicht versprechen, das hängt wesentlich vom Umfang der Änderungen ab. Gegebenenfalls werden wir das Heft auch später lancieren, denn wir wollen sicher sein, dass wir mit einem perfekten Tele in den Markt gehen...
Welche Idee steckt hinter dem neuen Tele?
Wir wollen drei journalistische Grundwerte stärker herausstellen: den Informationswert, den Unterhaltungswert und als drittes Element das, was ich den Regionalwert nenne. Gemeint ist: Was hat eine Tele-Geschichte mit dem Leben der Menschen in der Deutschschweiz zu tun? Bei allem, was wir im Heft haben, muss dieser Mix stimmen: Es nützt überhaupt nichts, eine Geschichte zu machen, die zwar sehr viel Information enthält, die beiden anderen Aspekte aber übergeht. Deshalb werden wir diese drei Gütekriterien unserer Arbeit in Zukunft viel stärker diskutieren und berücksichtigen.
An der Sommer-Halbjahres-Konfernz haben Sie gesagt, dass das neue Tele einen neuen europäischen Standard im Bereich Fernseh-Kino-Multimedia-Zeitschriften setzen will. Welches werden die Schwerpunkte des neuen Tele sein?
Wir haben sowohl inhaltlich wie auch visuell vieles auf den Kopf gestellt und neue Elemente hineingebracht. Das neue Heft werden Sie als Tele nicht wieder erkennen. Wir möchten die Inhalte so präsentieren, dass der Leser durch sie "hindurchsurfen" kann: Er kann sich zwischen den einzelnen Aspekten einer Geschichte bewegen und sich so schnell einen Überblick verschaffen. Diese Idee haben wir im neuen Layout konsequent verwirklicht, so konsequent, wie man es heute in keinem anderen Magazin findet. Darüber hinaus haben wir eine ganze Menge inhaltlicher Neuerungen und Elemente vorgesehen. Lassen Sie sich überraschen.
Zum Beispiel...?
Wir werden künftig intensiver über DVDs berichten, weil dies ein boomender Markt in der Schweiz ist. Ich verrate aber auch kein Geheimnis, wenn ich sage, dass wir an unseren bewährten Themenschwerpunkten - den drei Standbeinen "Fernsehen, Kino, Multimedia" - festhalten. Wir wollen jedoch den Inhalt noch umfangreicher machen und aus mehreren Blickwinkeln darstellen. Mehr möchte ich zu diesem Zeitpunkt nicht verraten. Schliesslich liest auch die Konkurrenz das DOMO. Und wir wollen im Oktober mit einem imposanten Feuerwerk an die Öffentlichkeit gehen.
Seit einiger Zeit ist die Rubrik "Wirtschaft" wieder aus dem Tele verschwunden: Fallen mit dem Neukonzept weitere Rubriken weg?
Nein - es fällt nichts weg, es gibt sogar zusätzliche Elemente, die neu strukturiert werden.
Sie streben eine "stärkere Visualisierung der Geschichten" an: Wie soll man das verstehen?
Die Ereignisse, über die wir berichten, hängen ja alle mit Medien zusammen, die mit Bildern arbeiten: Fernsehen, Kino und auch Internet. Stärkere Visualisierung bedeutet, dass der Kern der Geschichte auch in den Bildern deutlich werden muss: Unsere Journalisten werden in Zukunft mehr arbeiten wie Fernsehjournalisten. Das heisst nicht, dass der Text wegfällt oder unwichtig ist, er wird aber stärker mit den Bildern verzahnt sein.
Das bedeutet, dass die Journalisten und die Fotoredaktoren enger zusammenarbeiten werden?
Ja - die Bildrecherche und die Komposition des Heftes wird viel stärker im Team passieren. Dies schliesst auch neue Kommunikationsprozesse mit ein.
Tele wird inhaltlich wie formal im neuen Layout aufwändiger produziert, brauchen Sie jetzt mehr Leute?
Obwohl das neue Tele mit vielfältigeren und umfangreicheren Inhalten aufwartet, ist es unser Ziel, dieses ohne eine Ausweitung des Teams zu bewerkstelligen. Bei den Arbeiten an der Nullnummer haben wir gesehen, dass dies auch möglich ist. Die Redaktion hat eine Superarbeit gemacht und die notwendige Flexibilität bewiesen. Es war eine Riesenleistung: Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben parallel zur laufenden Produktion ein völlig neues Konzept erarbeitet und ein komplettes Heft in der neuen Formel produziert. Das war eine grosse Herausforderung, und ich glaube, dass das neue Konzept auch ein Ansporn für zusätzliche Leistungen sein wird.
Stichwort Publizistischer Ausschuss. Dieses Gremium ist unter Chefredaktoren und Verlagsleitern gefürchtet. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Ich würde lügen, wenn ich sagte, die Sitzungen im PA sind angenehm. Ich sehe dies allerdings in einem grösseren Zusammenhang: Verleger Michael Ringier hat mir - und ich denke, das gilt auch für die anderen Chefredaktoren im Hause - immer unglaublich grosse Freiheiten bei der Gestaltung des Magazins gelassen. Wenn man solche Freiheiten hat, ist es eigentlich auch klar, dass man ab und zu Rechenschaft über seine Arbeit und den Kurs des Titels ablegen muss. In diesem Zusammenhang müssen auch kritische Fragen gestellt werden.
Sie haben eine deutsche Agentur beschäftigt. Warum keine aus der Schweiz?
Weil ganz einfach die MediaGroup das beste Konzept von allen präsentiert hat. Diese Agentur hat zwar ihren Firmensitz in Deutschland, wird aber von Lukas Kircher, einem jungen Österreicher geleitet. Er und sein Team haben übrigens u.a. das Neukonzept für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Financial Times Deutschland entwickelt.
Ihr Konkurrent TR7 hat vor einigen Monaten einen Relaunch durchgeführt. Waren Sie dadurch etwas unter Zugzwang?
Nein, wir haben unseren Relaunch unabhängig von TR7 bereits Ende letzten Jahres geplant, weil wir auf dem Markt das beste Produkt anbieten wollen. Wir hatten sogar die Möglichkeit, im Zuge der damaligen Verkaufsverhandlungen mit Jean Frey das TR7-Konzept zu sehen - lange bevor es auf den Markt gekommen ist. Wenn wir darauf hätten reagieren wollen, wäre das ganz einfach möglich gewesen. Ich möchte zudem richtig stellen: TR7 ist nicht unser Hauptkonkurrent. Natürlich kaufen die Leute, welche TR7 kaufen, nicht zusätzlich noch Tele. Doch publizistisch gesehen ist TR7 in meinen Augen eigentlich ein bezahltes Supplement. Nur ein Bruchteil der Auflage wird am freien Markt verkauft. Die meisten TR7-Exemplare werden Trägertiteln wie zum Beispiel Tageszeitungen beigelegt. Wenn Sie so wollen, ist TR7 die Luxusversion von TV täglich...
Wenn nicht TR7, wer ist Ihr Hauptkonkurrent?
Das ist der Titel, der in den letzten Jahren den grössten Erfolg in der Schweiz hatte: TV Spielfilm - mein ehemaliger Arbeitgeber. Erstaunlich, dass ein rein deutsches Heft, mit deutschem Fernsehprogramm und ohne Schweizer Themen, in der Deutschschweiz weit über 300'000 Leser findet. Und damit schon ziemlich nahe an TR7 herankommt, das rund 420'000 Leser ausweist.
Was machen Sie besser als Ihr Hauptkonkurrent TV Spielfilm?
Wir bieten deutlich mehr Inhalte an, haben mehr als doppelt so viele Magazinseiten im Heft wie TV Spielfilm. Unsere Geschichten haben mehr journalistischen Tiefgang, wir haben mehr Primeure und auch umfangreichere TV-Informationen. Das genügt aber sicher nicht. Wenn Schweizer Leser zu einer deutschen Programmzeitschrift greifen, dann heisst das für uns, dass wir auch im deutschen Fernseh- Medienmarkt die besseren Geschichten finden müssen. Der Mix zwischen Schweizer und internationalen Inhalten ist unser Trumpf.
Der Vierwaldstätter Verlag hat für Herbst ein vierzehntägiges Schweizer Fernsehheft nach dem Prinzip von TV Spielfilm angekündigt, mit dem Tele frontal angegriffen werden soll. Müssen Sie sich warm anziehen?
Ich habe das Produkt noch nicht gesehen. Konkurrenz muss man aber immer ernst nehmen, so auch bei diesem Verlag. Interessant wäre zu wissen, welcher ausländische Geldgeber hinter diesem Verlag steckt. Auch wenn der Verlag klein ist, ohne Transparenz in Bezug auf die Besitzverhältnisse finde ich die Sache ziemlich merkwürdig. Aber zurück zu Ihrer Frage: Sich warm anzuziehen kann durchaus Sinn machen, vor Angst schlottern müssen wir aber sicher nicht.
Mit dem Tele-Relaunch wollen Sie in den jüngeren Zielgruppen erfolgreich sein. Braucht die Zapper-Generation überhaupt eine Fernsehzeitschrift?
Das Zapper-Phänomen ist eines jener Problemfelder, die zeigen, dass sich die Fernsehgewohnheiten generell verändern. Darauf müssen wir reagieren. Viele TV-Zuschauer glauben heute, dass sie auf eine profunde Programminformation verzichten können. Es liegt an uns, ihnen aufzuzeigen, dass sie durch die richtige Nutzung des Programmteils Zeit sinnvoll einsetzen können und sich Fernsehfrust ersparen. Statt eine Stunde sinnlos durch die Kanäle zu zappen und alles und nichts gesehen zu haben, bietet unser Programmteil durch seine Empfehlungen die Möglichkeit, ganz gezielt eine Sendung nach den eigenen Vorlieben auszusuchen. Das Prinzip "nur das Beste sehen" anstatt Zeit zu vertrödeln, wird früher oder später auch die Zapper überzeugen. Das ist der Luxus, den Tele seinen Lesern bietet.
Wie sieht eigentlich der Durchschnitts-Tele-Leser aus?
Den gibt es ebensowenig, wie es den Durchschnitts-Schweizer gibt. Die Summe aller Erkenntnisse, die wir aus der Marktforschung haben, gibt uns allerdings eine Vorstellung, welches Profil ein so genannt durchschnittlicher Leser haben könnte: Die Tele-Leserschaft ist jünger als die anderer grosser Zeitschriften auf dem Schweizer Markt. Es sind Leute Anfang dreissig; Menschen, die interessiert sind an Neuem, relativ viel Geld haben und es auch gerne ausgeben.
Sie sind im Vorstand der itma, der internationalen Vereinigung führender TV-Magazine. Haben Sie mit Ihren ausländischen Kollegen über das neue Tele geredet?
Ja. In dieser Organisation arbeiten wir sehr offen und vertrauensvoll zusammen. Sie ist fast schon wie ein Kreis von Freunden. Unser neues Tele-Konzept habe ich den Kollegen von Hachette Filipacchi, einem internationalen Grossverlag und die unangefochtene Nummer eins in Frankreich und Spanien, sowie den Top-Managern von Axel Springer präsentiert und anschliessend darüber diskutiert. Sie waren begeistert vom Inhalt und der Modernität unseres Magazins. Deshalb habe ich mich auch zu der Äusserung hinreissen lassen, dass wir mit dem neuen Tele einen neuen europäischen Standard setzen werden.

