08.05.2022

CH Media

Das Raumschiff Entertainment ist gestartet

CH Media Entertainment hat kürzlich einen neuen Produktionsstandort bezogen. Was ist dran an dem Technik-Hub und wie ist die erste Bilanz? persoenlich.com war an dem «Opening Leonardo» und hat bei einer Führung hinter die Kulissen geschaut.
CH Media: Das Raumschiff Entertainment ist gestartet
Am neuen Standort von CH Media Entertainment «Leonardo» sind Skulpturen des Zürcher Bildhauers Vincenzo Baviera ausgestellt. (Bild: CH Media)
von Maya Janik

Mitten im Gebäude «Leonardo» an der Thurgauerstrasse in Zürich Nord steht ein Raumschiff. Die Skulptur aus einer überdimensionalen Schale aus Eisen trägt den Namen «City» und steht sinnbildlich für eine Utopie und den Wunsch, dass sich Städte für alle ihre Bewohner zu befriedeten Lebensräumen entwickeln können, erzählt der Künstler Vincenzo Baviera, der die ausgestellten Objekte gebaut hat, gegenüber persoenlich.com.

Den Wunsch nach einem gemeinsamen Raum für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatte auch CH Media Entertainment. Nun ist er Realität. Die Züglete der Zürcher Standorte ins «Leonardo» begann schon letzten September. Zuerst packten die nationalen Sender ihre Sachen, im November kam 3+ von Schlieren und Radio 24 vom «Löwenbräu» an der Limmatstrasse Zürich dazu, bis schliesslich vor wenigen Wochen TeleZüri die Backsteinwand im Steinfels gegen meterhohe Glaswände tauschte (persoenlich.com berichtete). Nun sind sie alle unter einem Dach – nationale und Zürcher Radio- und Fernsehsender sowie der Streamingdienst Oneplus und ZüriToday.

Hier sitzt während einer Sendung der Regisseur(1)


Der neue Standort von CH Media will die «schweizweit modernste Audio- und Videoproduktionsstätte» sein. Die ganze Reorganisation habe mehr als 20 Millionen Franken gekostet, erzählt Roger Elsener, Geschäftsführer CH Media Entertainment. «Damit haben wir nicht nur den Standort ‹Leonardo› auf die neueste technologische Basis gestellt, sondern auch alle anderen TV-Standorte in Aarau, Bern, St. Gallen und Luzern.» Der neue Standort ist der zentrale Technik-Hub im Bereich TV Regional, der alle Standorte über ein zentrales System verbindet. «Wir waren recht gut im Budget. Es hat uns geholfen, dass der Bau kein kompletter Neubau war, sondern eine Kernsanierung», erzählt Elsener weiter. Einer der Gründe für die Wahl des «Leonardo» waren die hohen Räume: «Wir haben die Räume umgebaut, um eine Tiefe und visuelle Wirkung zu erzielen.»

Alles Glas

Die Führung am ersten Tag des «Opening Leonardo» beginnt in der himmelhohen Empfangshalle. Durch die verglasten Wände sind Büroräume zu sehen. Die Führungen finden vier Tage lang von 10 bis 18 Uhr im Zehnminutentakt statt. Am Donnerstag und Freitag sind Familien, Kunden, Sponsoren und Medienschaffende geladen, am Wochenende ist das «Leonardo» für alle Interessierten zugänglich. «Das Interesse an der Führung ist gross», erzählt Joël Steiger, Leiter PR Entertainment. Mehr als 700 Personen würden insgesamt teilnehmen.

Einblick ins Radio-24-Studio mit Moderator Nick Läderach_1


Zuerst geht es in den Newsroom am Ende eines langen schmalen Ganges, der an etlichen Türen vorbeiführt. Am Ende vom Gang öffnet sich ein geräumiger runder Raum mit verglasten Wänden und Blick auf eine Tankstelle sowie die dicht befahrene Thurgauerstrasse. Hier arbeiten Redaktorinnen und Redaktoren von mehreren Sendern – Radio, Online und Fernseh-Newsredaktion. Sie teilen die Technik, arbeiten aber publizistisch unabhängig voneinander, erklärt Joël Steiger. Im Newsroom sei es stickig, findet eine Teilnehmerin der Führung. Lüften lässt sich hier nicht. Ob es nicht auch schwierig sei, in einem Raum mit so vielen anderen Redaktoren zu arbeiten, fragt sie sich laut.

Neben uns steht ein muskulöser und unauffällig gekleideter Mann stramm an der Wand und beobachtet die Lage aufmerksam. Ein transparenter Ohrstecker lässt darauf schliessen, dass er potenzielle Gefährder unter den Besucherinnen und Besuchern aufspüren soll. 

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Der Newsroom ist der grösste von allen hier bezogenen Räumen. Im ganzen Gebäude sind 230 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf zwei Stockwerke verteilt. Nicht alle würden sich kennen. «Man lernt immer wieder neue Leute kennen, die man persönlich bisher nicht getroffen hat», erzählt Joël Steiger.

Greenscreens, Roboter und Finken

Es geht weiter in das Fernsehstudio – das Aushängeschild des «Technik-Hubs». Knallgrüne Wände, Überwachungskameras und programmierte Kameraroboter, die sich frei und auf Schienen bewegen, stechen ins Auge beim Betreten des Raumes. Die Kontrolle über das Geschehen haben die Techniker im «Robotik-Raum». Von hier aus werden die Roboter gesteuert – die im «Leonardo» und jene, die sich an den Regionalstandorten befinden. Wie die Roboter zu bedienen sind, haben die Kameramänner von einem Team aus Kanada gelernt.

Die Roboterkameras stehen im Newsstudio bereit

Das Talkstudio wird je nach Sendung unterschiedlich bestuhlt


Das Giftgrün war für Tina Biedermann, Moderatorin und Produzentin der «ZüriNews», gewöhnungsbedürftig, wie sie während der Führung erzählt. Die Farbe sei sehr heikel, der Boden müsse immer wieder gestrichen werden und dürfe nur mit Finken betreten werden. Das Bild, das auf den Boden und die Wände eingespielt wird, könne Kratzer und Flecken nicht gut genug abdecken. Ein Novum ist für die Moderatorin auch, dass sie in eine unbemannte Kamera spricht. Dass sie alleine im Raum steht und sie mit dem Kameramann nicht wie früher vor der Sendung schwatzen kann, lässt sie ein wenig «einsam» fühlen. «Ich musste mich mit den Robotern anfreunden», lacht sie.

Künstliche Intelligenz kommt bei CH Media auch in anderen Entertainment-Bereichen und im Publishing zum Einsatz, erzählt Roger Elsener. «Wir arbeiten mit sogenannten Recommendation Engines für unseren Streamingdienst, die auf künstlicher Intelligenz basieren. Ausserdem haben wir ein grosses Data-Science-Team, das sich damit beschäftigt, wie wir die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz besser nutzen können.» Aber: Noch gehe die menschliche Intelligenz der künstlichen vor, sagt er schliesslich.

Technisch einfacher geht es in den drei Radiostudios zu, die im Erdgeschoss nebeneinander beheimatet sind: Radio 24, Flashback FM und Virgin Radio Switzerland. «Alles ist viel einfacher, als es aussieht», sagt Luca Carecci von Radio 24, während er vorführt, was die Knöpfe auf dem Mischpult können. Die Songs könne er nicht selbst auswählen. Das sei die Aufgabe der Musikredaktion, die anhand von Umfragen die Musik bestimmt.

Im Studio von Flashback FM arbeitet Moderator Luca Carecci


Schliesslich geht es in das Castingstudio von CH Media. Hier nehmen die Kandidatinnen und Kandidaten für Shows wie «Bauer, ledig, sucht …» oder «Bachelorette» auf dem roten Sofa Platz und werden befragt und beäugt. «Es geht darum, die Leute innerhalb von kurzer Zeit sehr gut kennenzulernen», sagt Stephan Schulz, der unter anderem für das Casting zum Format «Bauer, ledig, sucht …» verantwortlich ist.

Kinderkrankheiten und Teamgeist

Während wir von der Empfangshalle in den Newsroom, durch die Studios und Regieräume wandern, fällt zehnmal das Wort «Kinderkrankheiten». Alle machen sie hier durch: Die Radioteams, das TV-Team sowieso, auch die Redaktorinnen und Redaktoren im Newsroom sind nicht davon verschont. Roger Elsener beruhigt: «Wir haben erstaunlich wenige Kinderkrankheiten. Die zu identifizieren, ist zentral, damit die gleichen Fehler nie zweimal passieren.»

Die erste Bilanz nach der Züglete? «Die Teams haben sich schon gut eingelebt. Wir sind zufrieden damit, wie es im Leonardo technisch läuft und was der Umzug mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern macht.» Ein «Spirit» einer gemeinsamen Organisation, die früher an verschiedenen Standorten getrennt war, sei im Entstehen. «Davor waren wir mehrere Mini-Unternehmen. Dass wir jetzt an einem Standort sind, gibt mehr ‹Drive›. Mitarbeiter sehen jetzt viel stärker einen Sinn in gemeinsamen Projekten.»

Nach den vier Tagen «Opening Leonardo» und 700 Besuchern dürften viele Mitarbeitende froh sein, dass keine fremden Menschen mehr an ihrem Arbeitsplatz vorbeimarschieren und sie sich den «gemeinsamen Projekten» widmen können.



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Kommentare

  • Adrian Venetz, 06.05.2022 16:40 Uhr
    Yay! Endlich ein rotes Sofa für die Bachelorette. Dem qualitativ hochstehenden Journalismus aus dem Hause CH Media steht nun definitiv nichts mehr im Weg.
Kommentarfunktion wurde geschlossen

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