20 Franken pro Stunde: Das ist weniger als die existierenden kantonalen Mindestlöhne. Das ist aber der Lohn für eine aufwendige Recherche, die ein freier Journalist auf Anfrage von persoenlich.com ausgerechnet hat. Für die Recherche war der Deutschschweizer, der seinen Namen nicht im Artikel lesen möchte, zwei Wochen lang unterwegs. Daraus seien zwei grosse Texte entstanden, wofür er 3500 Franken Honorar erhalten habe. Das Problem: «Mit Vorbereitung und Schreiben hatte ich einen totalen Aufwand von einem Monat Vollzeitarbeit.»
Mit der Feststellung, dass die Honorare den Aufwand nicht decken, steht dieser Reporter nicht allein da. Mehrere freischaffende Journalisten, die persoenlich.com kontaktiert hat, machen die gleiche Erfahrung. Eva Hirschi arbeitet freischaffend für diverse Medien und ist in der Romandie ansässig. Das Problem liege daran, dass das Honorar auch «Vorrecherche, Administratives wie Buchhaltung oder den Anteil an Ferien oder am 13. Monatslohn» decken sollte, gibt sie zu bedenken.
Über 1000 Franken weniger pro Monat
In der Tat kann nur jeder fünfte freie Journalist den effektiven Zeitaufwand in Rechnung stellen. Das ging aus der Medienumfrage 2020 des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds hervor. Die gleiche Studie stellte einen «Verdiensteinbruch» bei den Freischaffenden seit der Kündigung des Gesamtarbeitsvertrags (GAV) 2004 fest. Lag der Medianlohn 2006 bei 6978 Franken, betrug er 2020 nur noch 5600 Franken brutto.
Den GAV für die Deutschschweiz und das Tessin hatte damals der Verlegerverband Schweizer Medien (VSM) gekündigt. Um diese Lücke zu schliessen, arbeiten der Berufsverband Impressum, die Gewerkschaft Syndicom und der VSM seit mehreren Jahren an einer Branchenvereinbarung. Die Vertreter der Journalistinnen und Journalisten sehen dies als einen Schritt in Richtung GAV.
Im März schien der Vorgang aber wieder ins Stocken zu geraten. Dieses Mal war der Stolperstein nicht der Mindestlohn für Medienschaffende – wie es früher schon der Fall war –, sondern zwei Punkte, für die nach 30 Verhandlungsrunden keine Einigungen zu erzielen waren: zum einen Formalitäten zum Inkrafttreten der Vereinbarung und zum anderen die Vergütung der Freischaffenden.
Diesbezüglich fordern die Journalistinnen- und Journalistenvertreter primär, dass diese nicht mehr nach Zeichenzahl, sondern nach Zeitaufwand entschädigt werden. «Für die freien Journalistinnen und Journalisten ist es essenziell, dass ihr Aufwand richtig entschädigt wird. 100 Zeilen sind nicht immer gleich 100 Zeilen», erklärte Impressum-Co-Präsidentin Fabienne Sennhauser gegenüber persoenlich.com. Auch die Mehrfachnutzung der Texte soll berücksichtigt werden. Der Verlegerverband besteht hingegen weiterhin auf einzelvertraglichen Vereinbarungen, die sich aus seiner Sicht bewährt haben.
«Das grenzt an Ausnutzung»
Früher konnten die Freien ihre Einkünfte aufbessern, indem sie einen Text an mehrere Zeitungen verkauften. «Durch die zunehmende Konzentration an Medientiteln und -häusern ist es schwieriger geworden, Zweitpublikationen zu platzieren», stellt Eva Hirschi fest. Schlimmer noch: «Gewisse Medienhäuser verwenden einen Artikel auf allen möglichen Plattformen diverser Titel – ohne dass man als freie Journalistin dafür ein höheres Honorar erhält. Für mich grenzt das an Ausnutzung.»
Diese Erfahrung macht auch der Reporter, der für eine Recherche einen Lohn von 20 Franken pro Stunde ausgerechnet hat. Die Artikel, die er für Ringier schreibt, werden auf blick.ch geteilt, ohne zusätzliches Honorar. Es sei «praktisch unmöglich», Texte in der Schweiz zweitzuverwerten, berichtet er. Dafür muss er nach Deutschland. Dort seien kleinere Zeitungen froh, «auch Reportageseiten zu haben, wenn sie rechercheintensive Storys für 300 Euro haben können.» Ringier bestätigt auf Anfrage, dass «Inhalte im heutigen digitalen Umfeld regelmässig kanalübergreifend eingesetzt werden». Über die Ausgestaltung der Honorarmodelle will sich das Medienhaus nicht äussern.
Weniger Aufträge
Nicht nur die tiefen Honorare machen den Freien zu schaffen. Einige bemerken auch einen Rückgang der Aufträge. «Einige Redaktionen haben weniger Budget für Freie und müssen eine grössere Anzahl an Texten selbst verfassen, andere setzen wegen des internen Stellenabbaus vermehrt auf Freie, weil sie die Publikation ja trotzdem füllen müssen. In der Tendenz nehmen die Aufträge aber ab», berichtet Eva Hirschi.
Von diesem Trend sind die Kolumnisten besonders betroffen. So hat etwa das Onlinemagazin Hauptstadt kürzlich die Zusammenarbeit mit drei Kolumnisten beendet. Es sei aber keine Sparmassnahme, sondern eine «Fokussierung». Das Budget für freie Mitarbeitende bleibe gleich gross, so die Verantwortlichen.
Auch Ringier hat einige Kolumnisten entlassen. Der Beobachter beschäftigte drei Jahre lang drei bis vier freie Kolumnisten, wie die Medienstelle schreibt. Diese wurden im Februar durch Gastbeiträge von Expertinnen und Experten ersetzt. Auch bei Landliebe gab es Kürzungen. Sabine Reber war 15 Jahre lang Garten-Kolumnistin und verlor ihren Auftrag. «Es ist eigentlich eine ganze Berufssparte, die nun stirbt», bedauert sie gegenüber persoenlich.com.
Fotografen sind ebenfalls betroffen und erhalten weniger Aufträge, wie einer gegenüber persoenlich.com schreibt, der nicht namentlich zitiert werden will. Die Medien würden vermehrt auf Lesereporter oder Symbolbilder von internationalen Agenturen setzen, stellt er fest.
Auf Nebenjobs angewiesen
Diese Umstände führen dazu, dass die meisten Freischaffenden einen Nebenjob haben. Eva Hirschi arbeitet als Geschäftsführerin des Vereins investigativ.ch und als Projektmitarbeiterin bei Öffentlichkeitsgesetz.ch. Insgesamt ist das ein 50-Prozent-Pensum. Trotz regelmässiger Aufträge wäre es schwierig, allein vom freien Journalismus zu leben, beobachtet sie.
Eine andere kontaktierte Journalistin hat mittlerweile eine 80-Prozent-Festanstellung in einer Redaktion. «Ich arbeite nur noch gelegentlich als Freie, weil ich es mir schlichtweg nicht mehr leisten kann», schreibt sie gegenüber persoenlich.com.
Laut neuer unveröffentlichter Zahlen der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft ZHAW gehen 67 Prozent der Freiberuflichen einem Nebenerwerb nach ausserhalb des Journalismus. Viele arbeiten in den Bereichen PR und Corporate Communication oder in der Bildung. Weiter zeigen die Zahlen, dass die Anzahl der Freien zurückgeht. Sie machen lediglich fünf Prozent der Berufsleute aus, welche die ZHAW für die «Worlds of Journalism»-Studie befragt hat. «Diese Entwicklungen deuten auf eine Verschärfung prekärer Arbeitsbedingungen im Journalismus hin», geht aus der Studie hervor, die unter anderem von Vinzenz Wyss geleitet wurde.
Der GAV ist kein Wundermittel
Vor diesem Hintergrund verlangen die Journalistenverbände Impressum und Syndicom, dass die Branchenvereinbarung mit dem Verlegerverband bessere Honorare für Freischaffende garantiert. Ob das tatsächlich zu einer besseren Entlohnung für die Freien führt, ist fraglich.
Dass eine sozialpartnerschaftliche Vereinbarung kein Wundermittel ist, zeigt sich in der Romandie, wo es weiterhin einen Gesamtarbeitsvertrag zwischen Impressum und den Westschweizer Verlegern von Médias Suisses gibt. 2025 galten Tagessätze für externe Mitarbeitende von 597.75 Franken ohne Mehrfachnutzung und 624.90 Franken mit Mehrfachnutzung.
Diese Tarife werden aber nicht immer eingehalten. Ein Beispiel, das persoenlich.com kennt: Gewisse Freie erhalten von Keystone-SDA zwischen 460 und 500 Franken pro Tag, obwohl die Nachrichtenagentur dem GAV untersteht. Die Höhe der Tagessätze will Chefredaktor Federico Bragagnini nicht bestätigen. Er betont aber: «Wir achten darauf, dass diese in einem angemessenen Verhältnis zur erbrachten Leistung stehen, und sind überzeugt, dass unser Vergütungssystem fair und marktkonform ist».
Impressum gibt auf Anfrage zu, dass der GAV in der Romandie nicht immer respektiert wird. Es sei schwierig für Freie, sich dagegen zu wehren, weil sie fürchten, ihre Aufträge zu verlieren, so Etienne Coquoz, Co-Leiter des Zentralsekretariats. Trotz allem erachtet es Impressum als unentbehrlich, dass eine Mindestentlohnung im GAV festgelegt wird, um einen Rahmen vorzugeben.
«Positives Signal»
Gegenüber persoenlich.com anerkennt der Verlegerverband, «dass die Situation freischaffender Journalistinnen und Journalisten herausfordernd sein kann.» Er stellt aber fest, dass ihre Lage heterogen ist. «Viele Freischaffende kombinieren verschiedene Tätigkeiten und Einkommensquellen. Vor diesem Hintergrund ist eine pauschale Einordnung als ‹prekär› aus Sicht des VSM zu undifferenziert», so Direktorin Pia Guggenbühl.
Im März sah es noch danach aus, als könnten die Verhandlungen nach 30 Runden scheitern. Impressum hatte das erreichte Paket zwar genehmigt, bestand aber weiter auf den offenen Punkten zu den Freien und den Modalitäten des Inkrafttretens. Nun aber bewegen sich die Fronten. Im Hinblick auf die Branchenkonferenz von Syndicom am Dienstag, 28. April, hat der VSM angekündigt, den Verlagen ein «Merkblatt freie journalistische Mitarbeit» als Orientierung vorzulegen.
Impressum reagierte erfreut. Besonders begrüsst der Berufsverband in einer Mitteilung den Abschnitt über die Honorare. Dieser hält fest: «Das vereinbarte Honorar soll sich dabei am angemessenen Aufwand zur Erarbeitung des Medienerzeugnisses (z.B. Presseartikel, Fotografie), an dessen Wert für das Medienunternehmen und den übertragenen Urheberrechten orientieren.» Für Impressum-Co-Präsidentin Fabienne Sennhauser sei dieses «Zugeständnis» ein «positives Signal».
«Unter Berücksichtigung der jüngsten Zugeständnisse des VSM ist die Branchenvereinbarung aus unserer Sicht ein guter Kompromiss und ein erster und wichtiger Schritt in die Richtung einer verbindlichen und langfristigen Sozialpartnerschaft», wird Sennhauser weiter zitiert.
Nach den Mitgliedern von Syndicom am Dienstag werden die Mitglieder des VSM am 7. Mai über die Branchenvereinbarung abstimmen. Sie soll für drei Jahre nach Unterzeichnung gelten.
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28.04.2026 10:20 Uhr
27.04.2026 15:32 Uhr

