12.06.2007

"Der Zusammenschluss mit Espace ist ein schönes Abschiedsgeschenk"

25 Jahre lang hat Hans Heinrich Coninx als Verwaltungsratspräsident die Geschicke der Tamedia geprägt. Nun hat er das Zepter an seinen Neffen Pietro Supino weitergegeben. Den grössten Deal seiner Karriere aber, den Kauf der Berner Espace Media Groupe, hat er um wenige Tage verpasst. Gegenüber "persönlich rot" blickt der 62-Jährige zurück und äussert sich auch zu den Kritiken aus Verlegerkreisen, denen der Tagi wegen seiner Offensivstrategie ausgesetzt ist. Ein Interview-Ausschnitt:
"Der Zusammenschluss mit Espace ist ein schönes Abschiedsgeschenk"

Herr Coninx, wenige Tage nach Ihrem Ausscheiden wurde die Übernahme der Espace Media Groupe durch die Tamedia bekannt. Warum fiel dieser Entscheid nicht mehr in Ihre Amtszeit?

Verhandlungen von solcher Bedeutung dürfen keine Rücksicht auf den persönlichen ‘Fahrplan’ eines der jeweiligen Gesprächspartner nehmen. Sie können aber davon ausgehen, dass ich mich über den Zusammenschluss der beiden Häuser, an dessen Zustandekommen ich bis zu meinem letzten Tag bei Tamedia mitwirkte, sehr freue.

… Dies wäre doch ein schönes Abschiedsgeschenk gewesen?

Das ist es ja auch.

Wann haben Sie erstmals Kontakt mit der Espace Media über einen allfälligen Verkauf gehabt?

Wie Sie wissen, waren wir seit vielen Jahren an der Berner Zeitung beteiligt, daraus haben sich unsere Gespräche ergeben.

Was wird sich für Espace nach dem Verkauf ändern?

Sie werden verstehen, dass ich Sie einlade, diese Frage gelegentlich meinem Nachfolger, Pietro Supino, und Martin Kall zu stellen.

Sie waren bereits 1990 für eine Nacht Eigentümer der Berner Zeitung.

Das war wirklich eine kuriose Geschichte. Weil die Aktionäre des Berner Tagblattes damals nicht mit dem Verleger der Berner Zeitung, Charles von Graffenried, zusammenarbeiten wollten, haben sie uns kurzerhand ihre Aktien angeboten. Doch wir hätten dadurch nicht die Aktienmehrheit besessen, sondern lediglich die Hälfte. Eine solche Pattsituation wäre für beide Parteien unbefriedigend gewesen. Deswegen haben wir die Aktien zurückgegeben.

Sie sind seit einigen Tagen im Ruhestand. Sind Sie bereits in ein Loch gefallen?

Diese Gefahr besteht sicher. Doch ich habe bereits vor vier Jahren beschlossen, mit 62 Jahren aufzuhören, was mir die Möglichkeit gab, mich auf diesen Moment vorzubereiten. Andere Aufgaben, wie das VR-Präsidium bei der Schweizerischen Depeschenagentur SDA, oder diverse Kunstmandate, übe ich weiterhin aus. Gleichzeitig vertrete ich den Verband der Schweizer Presse in verschiedenen exekutiven Ausschüssen der internationalen Verbände. Zwei Tage pro Woche bin ich weiterhin beruflich immer noch voll engagiert.

Viele Patrons können nach ihrer Pensionierung nicht loslassen.

Diese Gefahr besteht gar nicht, da ich bei der Tamedia kein Büro mehr besitze und all meine Schlüssel abgegeben habe. Wenn ich an die Werdstrasse muss, melde ich mich, wie alle andern, beim Pförtner an.

Warum sind Sie überhaupt zurückgetreten?

Als ich realisierte, wie viele talentierte Köpfe aus unserer Familie nachrücken, war für mich der Zeitpunkt des Rücktritts gekommen. Es wäre von mir äusserst unklug gewesen auszuharren, bis meine Nachfolger das sechzigste Altersjahr erreicht haben. Obwohl wir mit 20 Prozent unseres Kapitals an der Börse vertreten sind, ist die Tamedia immer noch ein klassisches Familienunternehmen.

Wenn Sie auf Ihre 20-jährige Tätigkeit als Verwaltungsratspräsident der Tamedia zurückblicken, worauf sind Sie am meisten stolz?

Ich bin sehr stolz, wie reibungslos mein Neffe und ich meine Ablösung durchgezogen haben. Pietro Supino hat sich während mehreren Jahren auf dieses Amt vorbereitet und hat sich nun als vollamtlicher Präsident von seiner ehemaligen beruflichen Tätigkeit gelöst und alle Verwaltungsratsmandate abgegeben.

Wie erlebten Sie Ihren Einstieg beim Tages-Anzeiger?

Als ich 1979 Mitglied der vierköpfigen Geschäftsleitung wurde, huldigte man in unserem Betrieb einem partizipativen Führungsstil. Wir hatten drei bis vier Psychologen engagiert, die permanent Feedbackrunden veranstalteten und sich ausschliesslich mit zwischenmenschlichen Problemen auseinandersetzten. Doch für das Betriebsklima war dies nur wenig förderlich, unsere Mitarbeiter beschäftigten sich mit sich selbst und weniger mit dem Unternehmen. Irgendwann wurde es mir zu viel und ich verlangte nach einer einheitlichen Führungsstruktur. Dies war für das Unternehmen von grossem Vorteil. Nun wurden plötzlich wieder Entscheide auf der Sachebene getroffen.”

Zu einer grossen Unruhe führte der NZZ-Publigroupe-Deal rund 20 Jahre später. Wie hat sich dieser auf das Verhältnis zwischen der P und der Tamedia ausgewirkt?

Unsere Freundschaft zur P wurde, wie Sie sich sicher vorstellen können, durch diesen Deal nicht weiter vertieft. Die Vorstellung, wonach unser lokaler Hauptkonkurrent plötzlich mit der P im Bett liegt, war stossend, zumal sich die P als Inseratevermittler neutral verhalten sollte.

Spüren Sie bereits Nachteile?

Im lokalen Bereich bevorzugt die P sicher die NZZ-nahen Blätter wie den Zürcher Oberländer oder die Zürichseezeitung gegenüber unseren Split-Ausgaben. Ich glaube aber, dass Tamedia auch in dieser Geschichte einen Weg finden wird.

Das tönt aber schon versöhnlicher.

Der NZZ-Publigroupe-Deal hat in unserem Haus sehr viel bewirkt. Solange die Landzeitungen noch eigenständig waren und nicht von der NZZ übernommen wurden, verhielten wir uns zurückhaltend. In jenem Moment, als sich dies änderte, lancierten wir unsere Split-Ausgaben. Zudem kauften wir auch die Thurgauer Zeitung. Damit schoben wir der NZZ in der Ostschweiz einen zusätzlichen Riegel vor.

Das heisst, ohne NZZ-Publigroupe-Deal gäbe es keine Regional-Splits?

Vermutlich noch nicht.

Die Ära Kall ist nicht nur durch Stellenabbau, sondern auch durch die kriegerische Sprache und Haltung gegenüber den Zürcher Regionalzeitungen geprägt. Dies entspricht aber gar nicht jenem zurückhaltenden Stil, den Sie und Ihre Familie pflegen.

Wissen Sie, manchmal fallen im Eifer des Gefechts auch deutliche Aussagen, obwohl sie gar nicht so gemeint sind. Es wäre aber grundfalsch zu glauben, dass die Tamedia-Geschäftsleitung aus kalten Kriegern bestehe. Wir sahen jedenfalls die Auseinandersetzungen mit den Lokalzeitungen, der NZZ und Publigroupe eher sportlich.

Spürten Sie deswegen von Ihren Verlegerkollegen Anfeindungen?

Nein, überhaupt nicht.


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