16.12.2018

Sandra Cortesi

«Die Jugendlichen sind ziemlich gut informiert»

Die Digitalexpertin der Harvard-Universität hat während zwölf Wochen das «20 Minuten Youth Lab» begleitet. Im Interview spricht sie über ihre Erkenntnisse, wagt einen Blick in die Zukunft und erteilt Ratschläge, wie die Medienhäuser wieder mehr Jugendliche packen können.
Sandra Cortesi: «Die Jugendlichen sind ziemlich gut informiert»
«Die Teilnehmenden des ‹Youth Lab› in der Schweiz sind tendenziell weniger skeptisch gegenüber der Medienwelt als die Jugendlichen in den USA», sagt Sandra Cortesi, Direktorin des Projekts «Youth and Media» des Berkman Klein Centers an der Harvard-Universität. (Bild: zVg.)
von Anna Sterchi

Frau Cortesi, Sie leiten am Berkman Klein Center das «Youth and Media»-Projekt und haben nun seit September das «20 Minuten Youth Lab» begleitet. Was hat Sie persönlich überrascht?
Am meisten hat mich überrascht, wie motiviert die 14- bis 16-jährigen Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind und wie gerne sie mitmachen. Niemand ist ausgestiegen, obwohl das Projekt extrem zeitintensiv und streng ist. Generell ist es schön zu sehen, wie hoch das Engagement aller Beteiligten – der Jugendlichen und des Teams von «20 Minuten» – geblieben ist. Das ist vielleicht der Beweis dafür, dass es für alle ein interessantes und gewinnbringendes Projekt ist.

Ein Ziel des «Youth Lab» war herauszufinden, was die Jugendlichen über die Medien denken. Was haben Sie festgestellt?
Es hat sich ein ähnliches Bild gezeigt wie bei meiner Forschung in den USA: Die Jugendlichen sind entgegen vieler Annahmen ziemlich gut informiert – sie nutzen dafür jedoch andere Kanäle als wir Erwachsenen. Auch konsumieren sie inhaltlich leicht unterschiedliche Informationen, die besser in ihren Alltag passen. Die traditionellen Medien wie ein «Tages-Anzeiger» sind weniger hoch im Kurs. Es ist eher ein «20 Minuten» oder die sozialen Medien, die sie konsultieren. Wichtig ist auch das Format, das weniger textlastig ist als bei uns Erwachsenen. Das ist aber nichts Neues. Als 14-Jährige habe ich auch keine mehrseitigen Zeitungsartikel gelesen. Die Formate sind heute viel interaktiver, enthalten mehr Video- und Bildformate. Zudem haben die Jugendlichen auch einen anderen, breiteren Newsbegriff als wir Erwachsenen.

«Medienhäuser müssen noch viel mehr in gutes Storytelling investieren»

Inwiefern?
Bei den Jugendlichen geht es nicht nur um politische oder wirtschaftsrelevante Nachrichten, sondern viele verstehen unter dem Begriff «News» beispielsweise auch Neuigkeiten über Berühmtheiten, Sport oder Games.

Was bedeutet dies für die Medienhäuser?
Medien, die von den Jugendlichen gelesen werden wollen, müssen noch viel mehr in gutes Storytelling investieren, als sie es heute tun. Das Format muss stimmen. Das Wichtigste ist aber, dass sie die News verständlich rüberbringen und den Jugendlichen aufzeigen können, wieso diese Nachrichten für sie relevant sind. Das gelingt in vielen Fällen noch nicht.

Was gilt es zu tun?
Zuerst müssten die Medien den Kanal und das Format anpassen. Zusammen mit dem Format muss auch die Sprache justiert werden. Die Jugendlichen sagen, dass sie die Fach- und Fremdbegriffe nicht richtig verstehen würden, was wiederum einen Einfluss auf ihre Motivation hat, sich mit dem Inhalt auseinanderzusetzen. Um die Relevanz von Wirtschafts- oder Politikthemen aufzuzeigen, sind zudem lebensnahe Beispiele und Erklärungen wichtig.



Inwieweit haben Sie und das «20 Minuten»-Team versucht, die Jugendlichen im «Youth Lab» zu motivieren, sich wieder vermehrt über das Weltgeschehen zu informieren?
Das «Youth Lab» ist kein dozierendes Projekt, bei dem wir den Teilnehmenden sagen: «Aus diesen 20 Gründen müsst ihr euch vermehrt mit Wirtschaft und Politik befassen.» Es geht vielmehr darum, sich gegenseitig zuzuhören und voneinander zu lernen.

«Inhaltlich gesehen profitieren wir Erwachsenen mehr von den Jungen als umgekehrt»

Was war denn genau das Ziel des «Youth Lab»?
Wir arbeiten mit vier Modalitäten: Als Erstes wollen wir einen Dialog mit den Teilnehmenden führen, um zu verstehen, wie sie über Medien denken und welche Themen sie interessieren. Zweitens wollen wir bestehende Produktideen diskutieren oder anhand innovativer Werkstattformate neue Ideen entwickeln. Als Drittes wollen wir auch ein gegenseitiges Lernen ermöglichen. Beispielsweise wollen wir Erwachsenen besser verstehen, wie die Jugendlichen News-Plattformen benutzen und auf welchen Kanälen sie sich über Themen wie #MeToo austauschen. Viele der Teilnehmenden interessieren sich zudem für den Journalismus. In den meisten Sessions kommt jemand vom «20 Minuten»-Team und stellt den jeweiligen Beruf vor. Viertens geht es auch darum, Inhalte welche Jugendliche wirklich ansprechen, in Co-Kreation zu erstellen.

Wer profitiert mehr von diesem Austausch – Sie, das «20 Minuten»-Team oder die jugendlichen Teilnehmenden?
Inhaltlich gesehen profitieren wir Erwachsenen mehr von den Jungen als umgekehrt. Wir können ihnen aber andere Dinge mitgeben – beispielsweise die Freude am Journalismus, an der Forschung, am Digitalen oder an der Innovation. Zudem machen sie im «Youth Lab» die Erfahrung, dass auch die Erwachsenenwelt respektvoll zuhören kann und sich mit ihrer Welt auseinandersetzen will.

Im «Medienclub» auf SRF haben Sie gesagt, dass Initiativen wie «YouNews», die jeweils mit Jugendlichen nur ein bis fünf Tage interagieren, nur wenig bewegen können. Auch das «20 Minuten»-Projekt von zwölf Wochen ist nicht besonders nachhaltig angelegt. Was sagen Sie dazu?
Die Frage ist halt schon, was man von einem 14- bis 16-Jährigen erwarten kann. Es ist schwierig, von Jugendlichen mehr als ein wöchentliches Treffen von zweieinhalb Stunden zu verlangen, wenn man bedenkt, wie vielbeschäftigt die Jugendlichen sind und wie weit zum Teil die Anreise ist. Schon in der jetztigen Form ist das Projekt anspruchsvoll für die Teilnehmenden. Überdies steht noch nicht fest, ob und wie es nach den zwölf Wochen mit dem «Youth Lab» weitergehen soll.

Nimmt «20 Minuten» das Format also noch einmal auf?
Ich würde mich freuen, wenn es auf irgendeine Art und Weise weitergeht. Nun ist bald Zeit, Bilanz zu ziehen. Momentan ist aber alles noch offen. So oder so ist es mir wichtig zu betonen, dass dieser erstmalige Pilot ein sehr mutiges und tolles Projekt von Tamedia ist, das es so in der Schweiz noch nie gab. Ich würde mir wünschen, andere Unternehmen würden auch solche Projekte mit Jugendlichen in Erwägung ziehen.

«Die Medien müssen den Jugendlichen mehr Möglichkeiten zur Partizipation bieten»

Wie sollten Medienhäuser vorgehen, um künftig wieder mehr Jugendliche zu erreichen?
Als Erstes müssen die traditionellen Medien jene Medienräume besetzen, wo sich die Jugendlichen bereits befinden, und das sind momentan nicht die physischen Zeitungen. Die Medientitel müssen die Jungen auf ihren Plattformen abholen und sie schrittweise zu ihrem Medium hinführen. Weiter sollten die traditionellen Medien ein offenes Mindset behalten und verstärkt eine Jugendperspektive einnehmen.

Und sonst?
Die Medien müssen den Jugendlichen mehr Möglichkeiten zur Partizipation bieten, sei das online mit einer Kommentarfunktion oder auch offline, in dem die Medienhäuser ihre physischen Türen öffnen. Auf dieser Idee basiert übrigens das «Youth Lab». Für diese Offline-Zusammenarbeit gibt es unzählige Optionen, «YouNews» ist eine, aber auch Coop und Ringier haben Projekte lanciert. Das «20 Minuten Youth Lab» finde ich klar die coolste Option, aber ich bin diesbezüglich etwas voreingenommen (lacht).

«In der Schweiz tendiert man momentan dazu, über Jugendliche eher negativ zu berichten»

Was gilt es zu verhindern?
Über alle Titel gesehen erscheint es mir extrem wichtig, dass sich die Medien noch stärker damit auseinandersetzen, wie sie zur nächsten Generation stehen und wie sie über sie berichten. In der Schweiz tendiert man momentan dazu, über Jugendliche eher negativ zu schreiben. Es liegt auf der Hand, dass ich mich eher für eine Zeitung interessiere, die tendenziell meine Interessen abdeckt und nicht negativ über mich berichtet. Auch ich als erwachsene Frau würde nicht regelmässig ein Medium lesen, das schlecht über Frauen schreibt oder spricht.

Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Wie wird sich der Medienkonsum der Jugendlichen in den nächsten zehn Jahren weiterentwickeln?
Ich denke, das Bewusstsein wird stärker werden, dass wir eine bessere Balance zwischen den Online- und Offline-Zeiträumen schaffen müssen. Da wird die Tendenz eher wieder Richtung Offlineräume gehen. Vermutlich werden auch im Bereich Audio weitere Veränderungen auf uns zukommen. Überdies glaube ich, dass die traditionellen Medien nicht aussterben werden. Jedoch ist das Zeitfenster extrem kurz, das vielen bleibt, um umzudenken, wie sie für die Jugendlichen wieder relevant werden können – sofern sie das wollen.



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