09.09.2005

"Die Regionalzeitung ist und bleibt ein Teil der Heimat und Identität"

Mit dem Verkauf der Thurgauer Zeitung an Tamedia ist eine weitere Regionalzeitung dem Expansionsdrang der Zürcher Medienmetropole zum Opfer gefallen. Unter Druck geraten damit auch die Schaffhauser Nachrichten, die nun mit dem Landboten und der Thurgauer Zeitung von Tamedia-Ablegern umzingelt sind. Norbert Neininger, CEO Meier + Cie und Chefredaktor der Schaffhauser Nachrichten, erklärt gegenüber "persoenlich.com", warum er trotz allem an das Überleben unabhängiger Regionalzeitungen glaubt. Das Interview:

Herr Neininger, was sagen Sie zum Verkauf der Thurgauer Zeitung an die Tamedia?

Nun, ich bedaure natürlich, dass eine weitere Regionalzeitung ihre Selbständigkeit aufgegeben hat. Dieser Verkauf ist umso bedauerlicher als er wirtschaftlich nicht notwendig war, die "Thurgauer Zeitung" ist eine gut funktionierende und auch gut florierende Unternehmung. Wenn aber Aktionäre ihre Anteile per Auktionsverfahren dem Meistbietenden verkaufen, kann das halt niemand verhindern. Wir bedauern auch, dass einer regionalen Initiative keine Gelegenheit geboten wurde, sich ebenfalls um die Huber & Co. AG zu bewerben.

Nun sind die Schaffhauser Nachrichten mit Tages-Anzeiger, dem Landboten und der Thurgauer Zeitung von Tamedia-Produkten umzingelt. Inwiefern beeinträchtigt dies Ihre Unabhängigkeit?

Wir sind mit den beiden angrenzenden Blättern seit Jahren durch ein erfolgreiches Inseratenkombi verbunden, zusammen haben wir eine Auflage von über 100 000 Exemplaren. Wir gehen davon aus, dass dieses gute Marktangebot auch jetzt weiterbestehen kann und wir faire Partner bleiben.

Tamedia plant bereits ein Anzeigenkombi mit diesen Zeitungen. Was bedeutet dies für Sie?

Wie gesagt: Bis heute spricht nichts dagegen, dass das Dreierkombi erhalten bleibt und das Kombi 1 dann mit dem Tages Anzeiger kombiniert wird.

Die mittelgrossen Zeitungen, wie die Schaffhauser Nachrichten, werden entweder von der NZZ oder von der Tamedia aufgekauft. Wäre ein solcher Verkauf für die Schaffhauser Nachrichten auch eine langfristige Option?

Nein, und zwar aus zwei Gründen: Wir gehen davon aus, dass die unternehmerische Unabhängigkeit mit der publizistischen einher geht. Und zum zweiten gehört die Mehrheit unserer Firma eine Stiftung, wie haben eine stabile Eigentümerstruktur. Minderheitsanteile halten wenige Aktionäre, die zu diesem Unternehmen langfristig stehen.

Kann man sich als Einzelplayer in der Medienlandschaft überhaupt langfristig durchsetzen?

Davon gehen wir aus. Sehen Sie, die grösseren Medienunternehmen suchen ja ihr Heil gerade in den Regionen, weil sich das Geschäftsmodell der Regionalzeitungen gut bewährt. Ich bin überzeugt, dass der Wert unabhängiger, auch kleiner, regionaler Unternehmen gross ist und steigen wird. Je globalisierter diese Welt wird, desto mehr sehnen wir uns doch nach Heimat. Und die Regionalzeitung ist und bleibt eine Teil der Heimat und der Identität. Gleichzeitig bin ich aber auch sicher, dass wir vermehrt kooperieren müssen, und zwar in vielen, vor allem in infrastrukturellen Bereichen. Das können aber auch eigenständige Partner in völliger Freiheit bestens tun.

Welche Auswirkungen hat dies medienpolitisch für die Schweiz?

Ich hoffe, dass vermehrte Kooperation viele eigenständige Zeitungen erhalten hilft. Daran arbeiten wir ja auch im Verband, wo wir immer wieder Vorschläge für Zusammenarbeit entwickeln und an Standards zum Beispiel im EDV-Bereich arbeiten.

Sie sind selber Vorstandsmitglied der Vebandes der Schweizer Presse, in welchem auch die NZZ- und Tamediavertreter sitzen. Inwiefern beeinträchtigen solche Konkurrenzsituationen das Arbeitsklima?

Wer eine solche Aufgabe übernimmt, muss gewahr sein, dass er im Sinne des Ganzen handeln muss und seine Einzelinteressen hintanstellen. Und es ist gute Tradition, dass man Partikularinteressen nicht in den Verband trägt.

In den letzten Jahren prägte die Anzeigenkrise die Branche. Inwiefern sind die mittelgrossen Zeitungen wie Ihre davon betroffen?

Wir sind alle davon betroffen, dass die Werbeeinnahmen zurückgehen. Bis anhin zumindest erweisen sich die mittleren und kleineren als etwas krisenresistenter. Uns jedenfalls geht es derzeit gut.



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