08.02.2012

"Die SRG hat einfach zu viel Geld."

Der promovierte Jurist Matthias Hagemann hat eine bewegte Medienkarriere hinter sich: Vor zwei Jahren noch Verleger der "Basler Zeitung", ist er nach deren Verkauf zum neuen Eigentümer und Chef von Radio Basilisk geworden. Wie er die Wirren um seine ehemalige Zeitung erlebt hat und wie er gegen die SRG kämpft, erklärt er im Interview mit "persönlich". Zum Text:
"Die SRG hat einfach zu viel Geld."

Wie beurteilen Sie als ehemaliger Verleger der "Basler Zeitung" (BaZ) die ganzen Vorkommnisse um Ihre ehemalige Zeitung?

Also, erstens denke ich immer noch mit positiven Gefühlen an meine Zeit als Verleger zurück. In diesen 13 Jahren konnte ich sehr viel lernen und mit interessanten Leuten zusammenarbeiten. Ich ging immer mit Freude zur Arbeit, auch in schwierigen Phasen. Die derzeitigen Vorgänge verfolge ich mit grossem Interesse, jedoch auch mit einem sorgenvollen Auge. Nach wie vor bin ich mit der BaZ emotional verbunden und würde mich daher über eine positive Entwicklung freuen.

Und ist die momentane Entwicklung positiv?

Die Wirren und Scharaden betreffend die Eigentumsverhältnisse haben der BaZ geschadet und Abonnementsverluste gebracht. Die Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel. Dazu kommen, wie bei allen Tageszeitungen, die momentane Rezession im Anzeigenbereich und die andauernde strukturelle Verschiebung hin zum Internet. Also eine Kombination von internen und externen Faktoren, die schwierig ist. Dafür ist die Berufung von Filippo Leutenegger eine gute Sache.

Wie beurteilen Sie das Engagement von Christoph Blocher?

Damit kann ich gut leben. Es ist begrüssenswert, wenn sich Unternehmer wie Tito Tettamanti und er für das Verlagsgeschäft engagieren. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die Zürcher Grossverlage immer noch dominanter werden. Im konkreten Fall liegt das Problem darin, dass Christoph Blocher derjenige Politiker ist, der in der Schweiz am meisten polarisiert.

Aber stört es Sie nicht, dass er sein Engagement lange Zeit bestritten hat?

Dies ist meiner Ansicht nach ein Fehler gewesen, eine Steilvorlage für die Konkurrenz. Ich hätte es begrüsst, wenn spätestens mit dem Ausscheiden von Moritz Suter klare Verhältnisse geschaffen worden wären, idealerweise schon vorher. Es gibt ja mit Miriam Blocher bereits eine sehr erfolgreiche und anerkannte Unternehmerin aus der Familie in Basel. Basler betreiben also offensichtlich keine Sippenhaft.

Warum war für Sie bei Ihrem Verkauf der BaZ Tettamanti der richtige Verleger und nicht die NZZ?

Der Verkauf wurde durch den Gang der Verhandlungen bestimmt, und hier war Tettamanti bedeutend gradliniger und verlässlicher als die NZZ. Darüber war ich froh, denn ich sympathisierte sowieso mit dieser Lösung. Nur sie garantierte den Fortbestand eines Maximums von Arbeitsplätzen in Basel, insbesondere auch eine Vollredaktion der BaZ. Entsprechend fehlt mir jedes Verständnis, wenn ein Sozialdemokrat aus Basel, nur aus Unwillen gegenüber Blocher, sagt, er wünsche sich ein NZZ-Kopfblatt. Sozialdemokraten, die für Arbeitsplatzverluste eintreten?

Nun haben Sie sich der Radiobranche zugewandt. Welches sind die grössten Unterschiede zwischen Ihrer ehemaligen Tätigkeit als Verleger und jener eines Radiounternehmers?

Das Geschäftsmodell Lokalradio ist in der Schweiz deutlich intakter als das der mittleren Tageszeitung. Zwar handelt es sich um ein kleines Business, doch wir kennen keine vergleichbaren strukturellen Probleme. Besonders die Konkurrenzierung durch das Internet ist viel geringer, da Radio und Online komplementär nutzbar sind. Für mich ist Radio eine Jugendliebe, und ich fühle mich bei Radio Basilisk absolut wohl.

Wie pflegt man das sogenannte "Basel-Feeling"?

Man muss die Stadt und die Region spüren. Basel ist etwas eigen, man empfindet sich vom Rest der Schweiz seit 1501 als bloss geduldet. Umso mehr lieben die Baslerinnen und Basler ihre Stadt und ihre Region. Da muss man Heimat schaffen, und das können unsere Redaktoren und Moderatorinnen, die hier zu Hause und verwurzelt sind, sehr gut.

Radio Basilisk gehörte einst zu Tamedia, einem Zürcher Verlag. Hat dies dem Sender langfristig geschadet?

Nein, und das war nebst dem starken Brand auch darauf zurückzuführen, dass Tamedia den sehr gut vernetzten Basler Raphael Suter als Programmleiter einsetzte. Radio Basilisk hat diese Zeit unbeschadet überstanden. Allerdings bestand ein grosser Investitionsbedarf bei der Technik.

Stichwort Werbung: In der Schweiz liegt der Markt für Radiowerbung unter dem Durchschnitt der europäischen Länder. Inwiefern spüren Sie das?

Bis anhin kommen wir als Basilisk sehr gut zurecht. Es stimmt jedoch, dass das Medium Radio in der Schweiz unterverkauft ist, und wir als Privatradiobranche müssen uns entsprechend anstrengen. In dieser Hinsicht besteht noch Potenzial, und diesen langen Weg müssen wir auch beschreiten. Wir tun das mit dem VSP, dem Verband Schweizer Privatradios, und zusammen mit den Vermittlern.

Die Radiomacher beklagen sich immer wieder darüber, dass es mit Goldbach Media nur einen grossen Werbeverkäufer gibt.

Ich kenne diese Situation bereits aus der Vergangenheit. Auch die PubliGroupe hatte eine sehr starke Stellung. Wenn sich das betreffende Unternehmen bewusst ist, dass es gute Arbeit leisten muss, muss diese Sachlage nicht nachteilig sein. Zudem ist sie ein Faktum, und Fakten gilt es zu anzuerkennen.

In welche Richtung wird sich die Radiowerbung entwickeln?

Goldbach Media ist kompetent und setzt sich für das Medium ein. Das ist eine sehr gute Voraussetzung. Klaus Kappeler, der CEO der Goldbach Group, ist aufgrund seiner langjährigen Erfahrung ein ausgewiesener Kenner der Szene. Wenn Goldbach die Sender als Partner anerkennt und nicht taktisch agiert, sondern die Energien auf den Markt konzentriert, dann kommt es gut.

Der Onlinestreit zwischen Verlegern und der SRG beschäftigt momentan die Medienbranche. Wie stellen Sie sich als Radiomacher dazu?

Die SRG sollte sich beschränken, das gilt auch für unsere Branche. Radio DRS bekommt jährlich 440 Millionen Franken Gebührengelder, was eine enorme Marktverzerrung bedeutet. Die Einführung von Radiowerbung auf den SRG-Sendern würde zum Untergang der privaten Radiolandschaft führen. Die SRG ist ohnehin allzu stark privilegiert, was ordnungspolitisch untragbar ist. Der freie Markt existiert im Radio nicht.

Inwiefern?

Das fängt bereits bei DRS 3 an. Das Programm unterscheidet sich kaum von jenem der Privatradios, ist ein eigentliches Gegenprogramm. So wurden weitere Sender wie Musikwelle oder Radio Swiss Pop gegen die Privaten gegründet und mit Gebührengeldern finanziert. Total betreibt die SRG 18 Radiosender, ein guter Teil davon hat nichts mit Service public zu tun. Damit kontrolliert die SRG über 60 Prozent des Hörermarktes, um den Rest streiten sich Private und Ausländer. Da wir unser Geld mit Werbung und also mit Hörerzahlen verdienen, ist der Schluss klar: In der Schweizer Radiolandschaft wird die Privatwirtschaft mit staatlichen Mitteln klein gehalten. Gebührengelder werden gegen private Arbeitsplätze eingesetzt. Absurd.

Weshalb schafft es dann die SRG, stetig zu expandieren?

Sie ist sehr mächtig, und die Politiker legen sich nur ungern mit ihr an. Nur wenige wagen es, entsprechend Gegensteuer zu geben. Dazu kommen unglaubliche Lobbyingeinsätze wie das Studio auf dem Bundesplatz bei der "Entscheidung 11", oder das unsägliche "Jeder Rappen zählt", bei dem nebenbei noch andere Hilfsorganisationen, die langjährige Basisarbeit leisten, benachteiligt werden. Die SRG hat einfach zu viel Geld.

Was raten Sie Ihren ehemaligen Verlegerkollegen im Onlinestreit?

Ich glaube, dass die SRG ein starker Gegner ist. Mit dem begabten Manager Rudolf Matter und mit Roger de Weck, dieser intellektuellen Galionsfigur, welche Geld als angenehme Nebensache betrachtet, das man einfach hat, ist sie sehr gut positioniert. Es gibt nur eins: Man muss hart bleiben und den Kampf führen. Das geschieht ja auch. In der Verlagsbranche gibt es zum Glück auch einflussreiche Leute.

Das ganze Interview von Matthias Ackeret lesen Sie in der aktuellen Augabe vom "persönlich"-Heft.


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