02.10.2002

"Die Würde des Menschen ist unantastbar!"

Martin Hofer (Bild) wird neuer Chefredaktor des SonntagsBlick, voraussichtlich auf Anfang 2003. Hofer, zur Zeit Redaktionsleiter der Nachrichtensendung "10vor10", tritt kein leichtes Erbe an, ist der Ringier-Titel während und nach der "Borer-Affäre" doch massiv unter Beschuss geraten. In der Folge ist es zu verschiedenen Abgängen gekommen, darunter auch demjenigen von Hofers Vorgänger Mathias Nolte. Mit "persoenlich.com" sprach der designierte Neue über seine zukünftige Aufgabe. Das Interview:

Der SonntagsBlick hat stürmische Zeiten erlebt. Worin liegen für Sie die künftigen Schwerpunkte bei der Positionierung des Blattes?

Sie beginnen mit einer schwierigen Frage. Bis jetzt habe ich den SonntagsBlick ja vor allem als Konkurrent beobachtet. Dabei ist mir aufgefallen, dass seit ungefähr drei Jahren mit Erfolg klassische Themen in den Bereichen Wirtschaft und Politik beackert werden. Aussschlaggebend für mich als Beobachter ist die Faktengenauigkeit in den Artikeln, bei den sogenannten Primeurs. In diesem journalistisch wichtigen Bereich erreichte der SonntagsBlick sehr gutes Format. Da will ich nach der Affäre Borer weitermachen. -- Welches nun die konkreten Veränderungen und die inhaltlich-programmatischen Schwerpunkte sein werden, darüber will und kann ich noch nichts sagen. Immerhin scheinen die zuständigen Leute gewusst zu haben, wer ich bin und vertrauen auf das, was sie inhaltlich von mir geliefert bekommen.

Was bedeutet für Sie der Begriff "Edel-Boulevard"?

Ich werde ab und zu als Edel-Boulevardmann beschrieben. Der Ausdruck ist etwas problematisch, wie überhaupt alle unter dem Begriff Boulevard etwas anderes verstehen. Es wird natürlich darum gehen, eine Zeitung zu gestalten, die sich eben auf dem Boulevard verkauft, wie es die klassische Definition meint. Das wird von mir verlangt. Bei "10vor10" können wir auf ein festes Publikum zählen und brauchen daher nicht so raffiniert Titel zu setzen, wie jener Print-Journalismus, der nicht auf einen festen Abonnenten-Stamm setzen kann.

Worin liegt der Unterschied zwischen Fernseh- und Print-Journalismus?

Im Print ist mehr Tiefgang und mehr Reflexion möglich. Das Fernsehen ist authentischer, oberflächlicher vielleicht, dafür szenischer und sinnlicher. Aber so starr sind die Grenzen auch wieder nicht. Beidenorts beinhaltet journalistische Arbeit, die publikumsnah und faktentreu sein will, nicht blosses beschreiben oder abfilmen, sondern ein viel breiteres Spektrum: Aufnehmen, Filtern, Kürzen, Auswerten, in der Zeitung manchmal auch kommentieren.

Für welche Art von Journalismus werden Sie denn eintreten?

Für mich gilt der Grundsatz "Die Würde des Menschen ist unantastbar". Das mag pathetisch klingen, gilt aber. Man soll andere daher so behandeln, wie man auch behandelt werden will. Oft werden nämlich -- wie Peter Studer festgestellt hat -- öffentliches Interesse und öffentliche Neugier verwechselt; Liebesaffären brauchen nicht publiziert zu werden! Mich interessiert ein neugieriger Journalismus, der gesellschaftliche und politische Vorgänge reflektiert und sich dieser Verantwortung auch bewusst ist.

Mit Liebesaffären sprechen Sie die Affäre Borer an. Hätten Sie die Geschichte so gebracht?

In dieser Form bestimmt nicht. Mich hätte mehr die Frage interessiert, ob die Schweiz einen guten Botschafter hat oder nicht, ob er eher der Wirtschaft als dem Staat dient oder gar vor allem sich selbst dient.

Glauben Sie, die Affäre hat dem Haus Ringier geschadet?

Ich glaube die Affäre hängt nach. Dennoch, die Substanz der Titel ist kräftig und gut genug, um diese Phase zu überstehen. Überhaupt scheinen mir die Konkurrenzhäuser in ihrer Berichterstattung übertrieben, manchmal gar leicht heuchlerisch kommentiert zu haben.


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