«Ein Ausfall von 40 Minuten ist deutlich zu lang»

DAB+ - Ein 40-minütiger Ausfall des DAB+-Netzes hat am Montag für Stille im Radio gesorgt. Markus Stocker, Elektroingenieur ETH und Inhaber der Firma Media Engineering, kennt solche Probleme aus 40 Jahren Radioerfahrung. Er hat Anlagen für die SRG wie auch Privatsender betreut – darunter auch die legendäre Radio-24-Antenne auf dem Pizzo Groppera.

von Matthias Ackeret

Herr Stocker, warum ist das DAB+-Netz diese Woche während 40 Minuten zusammengebrochen?
Gemäss Informationen von Bernhard Schmid, Geschäftsführer des DAB+-Providers SwissMediaCast, gibt es Hinweise darauf, dass ein Stromausfall in den Radiostudios in Zürich-Oerlikon den Ausfall ausgelöst haben soll. In der Folge haben sich die betroffenen DAB+-Sender automatisch abgeschaltet, denn ohne Programmsignal dürfen diese Sender nicht weiterlaufen. Unklar bleibt, warum der Layer 7D weiter senden konnte und weshalb die Störung nicht schneller behoben wurde.

Können solche Ausfälle nicht vermieden werden?
Doch, technisch gesehen schon. Natürlich kann es immer zu Pannen kommen – auch im Rundfunk. Aber ein Ausfall von 40 Minuten ist deutlich zu lang. Man stelle sich einen Operationssaal vor, der so lange ohne Stromversorgung bleibt – undenkbar. Auch im Radiobereich sollte es organisatorische, technische und betriebliche Vorkehrungen geben, die solche langen Unterbrüche verhindern oder zumindest massiv verkürzen. Aber das kostet eben Geld und benötigt den politischen Willen, in Betriebssicherheit zu investieren. Ich habe den Eindruck, dass man sich bei SRG und Swisscom zu sehr darauf verlässt, mit möglichst wenig Personal und möglichst wenig Aufwand durchzukommen. Und die Aufsichtsbehörde, das Bakom, schaut leider zu.

«Wenn dort eine Störung passiert, sind alle Programme eines Ensembles betroffen»

Können sich einzelne Stationen gegen solche Ausfälle mit einem Notprogramm oder etwas Ähnlichem wappnen?
Leider nein. Bei DAB+ laufen die Programme gebündelt in einem Multiplexer zusammen. Das ist ein zentraler Punkt: Wenn dort eine Störung passiert, sind alle Programme eines Ensembles betroffen. Im Gegensatz dazu sind UKW-Sender meistens dezentral und teilweise noch direkt von den Radiostationen gesteuert. Bei UKW hat man viel mehr Möglichkeiten, um den Sendebetrieb individuell abzusichern. Radiostudios haben zwar Notstromlösungen oder Notmusik-Player für lokale Störungen, aber wenn das Multiplex-Signal weg ist, nützt das alles nichts. Eine einfache Möglichkeit war am vergangenen Donnerstag auch das Weitersenden auf UKW, sofern die betreffende private Radiostation noch nicht alle ihre UKW Sender abgeschaltet hat. Hier ist kein zentraler Multiplexer im Spiel, kein «Single Point of Failure».

Sie haben 1986 in der damaligen Leitung der SRG mitgewirkt. Dabei kam es auch zu einem Blackout und somit 30-minütigen Sendeausfall. Wie hat man damals reagiert?
Das war ein Stromausfall im Radiostudio Zürich, der etwa 30 Minuten dauerte. Beim Testen des Notstromaggregats ging etwas schief. Aber schon nach wenigen Minuten haben die Studios in Basel und Bern übernommen. Die Unterbrechung für das Publikum war minimal. Damals wurde das extrem ernst genommen: Die Generaldirektion der SRG befasste sich persönlich mit dem Vorfall, es gab detaillierte Analysen, und es wurden rasch Massnahmen getroffen. Im Vergleich dazu ist die Professionalität heute leider oft nicht mehr zu spüren. Beim aktuellen Vorfall wurde in den Nachrichten nicht einmal erwähnt, dass es ein Problem gab – das ist schlechte Kommunikation.

Zurück zu DAB+: Ist die ganze Technik störungsanfälliger als UKW?
Ja, leider. Nicht, weil DAB+ technisch zu kompliziert wäre – das System könnte durchaus stabil laufen. Aber die Struktur ist problematischer. Bei DAB+ hängen viele Programme an einem zentralen Punkt. Fällt der aus, sind alle betroffen. Bei UKW ist das Netz viel robuster, weil die Sender dezentral laufen. Ein Ausfall bei UKW betrifft meistens nur ein kleines Gebiet. Redundanz ist das A und O in der Betriebssicherheit – und da ist UKW dem heutigen DAB+ Netz noch immer überlegen.

«Ob das wirklich ein Vorteil ist, bleibt fraglich»

Wo zeigen sich die Vorteile von DAB gegenüber UKW?
DAB+ ist weniger anfällig auf Reflexionen, also Störungen durch Mehrwegeempfang. Das ist technisch ein Fortschritt. Und DAB+ bietet mehr Programmvielfalt – man kann mehr Sender ins Netz packen. Aber ob das wirklich ein Vorteil ist, bleibt fraglich. Der Werbemarkt wird nicht grösser, nur weil es mehr Programme gibt. Für viele Privatradios bedeutet das sogar weniger Einnahmen. Und: Die oft behauptete bessere Energieeffizienz von DAB+ gegenüber UKW stimmt so pauschal nicht – das ist ein verbreiteter Irrtum. UKW ist beim Energieverbrauch oft sogar günstiger.

Gibt es bei Ausfällen einen Unterschied zwischen SRG- und Privatsendern?
Eigentlich nicht. Die Netze werden bei beiden hauptsächlich von Swisscom Broadcast betrieben. Die technische Struktur ist also dieselbe. Im Prinzip gibt es also keinen Unterschied, wenn eine zentrale Störung auftritt. Man könnte sogar sagen: Swisscom Broadcast ist selber ein «Single Point of Failure». Das faktische Monopol dieses Betriebs kann zum Problem werden.

Sie haben vor 40 Jahren auch noch die berühmte Radio-24-Antenne auf dem Pizzo Groppera betreut. Wäre die heute noch Option?
Nein, das geht heute nicht mehr. Die Antennenelemente wurden vor zwei Jahren abgebaut, es steht nur noch das Stahlgerüst. Und selbst wenn man die Anlage wieder aufbauen würde: Auch mit einer noch stärkeren Sendeleistung wäre der Empfang in Zürich zu schwach. Damals war das eine Pionierleistung – aber die Rahmenbedingungen sind heute ganz andere.

Sehen Sie solche Ausfälle als Einzelfälle oder als Symptom eines grösseren Problems?
Das ist leider kein Einzelfall. In den letzten Jahren häufen sich DAB+-Ausfälle, oft sogar schweizweit. Früher waren Störungen meist regional und wurden sofort professionell behandelt und auch kommuniziert. Heute läuft der Betrieb zu stark automatisiert. Lokale Ansprechpartner gibt es kaum mehr, und teilweise war bei den letzten Ausfällen niemand telefonisch erreichbar. Das System wirkt stellenweise eher wie ein Büro- als ein 24/7-Betrieb. Das ist heikel, denn DAB+ spielt auch bei der nationalen Alarmierung eine Rolle. Es braucht dringend eine bessere Erreichbarkeit von technischen Leitstellen rund um die Uhr, transparente Kommunikation bei Störungen, robuste Redundanzkonzepte und gut geschultes Personal mit genügend Ressourcen. Wenn das nicht angepackt wird, wird der Ruf des öffentlichen Rundfunks Schaden nehmen – und das kann politische Folgen haben, etwa bei der Diskussion um die 200-Franken-Initiative. Digital ist gut – solange auch jemand da ist, der den Stecker wieder einstecken kann. Funkstille im Radio ist kein Drama, aber Funkstille bei der Verantwortung schon.