Am Mittwoch hat der Verwaltungsrat der NZZ Dittli zum Nachfolger von Eric Gujer gewählt (persoenlich.com berichtete). Ganz fremd ist ihm das Haus nicht. Seit die NZZ Ende 2023 das von ihm mitgegründete Finanzmagazin The Market vollständig übernommen hat, führt er eine Tochterfirma des Medienunternehmens. Auf der NZZ-Redaktion hat er jedoch nie gearbeitet. Damit ist Dittli ein Quereinsteiger, wie es ihn an der Spitze der Zeitung lange nicht mehr gab.
Seit 1885 stammten alle Chefredaktoren der NZZ aus der eigenen Redaktion. Walter Bissegger, Albert Meyer, Hans Kloetzli, Willy Bretscher, Fred Luchsinger, Hugo Bütler, Markus Spillmann und Eric Gujer hatten zuvor als Redaktoren oder Korrespondenten für das Blatt gearbeitet, die meisten im Inland- oder Auslandressort. Von aussen holte die Zeitung ihre Chefs zuletzt im 19. Jahrhundert, damals meist Juristen und Politiker.
Kein Akademiker
Auch sonst passt Dittli nicht ins Muster. Er war von 2012 bis 2017 Chefredaktor der Finanz und Wirtschaft. Seit Albert Meyer kam kein Chefredaktor der NZZ mehr aus dem Wirtschaftsjournalismus. Meyer, promovierter Jurist und Volkswirtschafter, stiess 1896 als Handelsredaktor zur Zeitung und wurde 1915 Chefredaktor, wie der Historiker Thomas Maissen in seiner NZZ-Geschichte schreibt. 1929 wählte ihn die Bundesversammlung in den Bundesrat, ab 1934 führte er dort das Finanzdepartement.
Willy Bretscher trat 1917 nach einer kaufmännischen Lehre als Autodidakt in die NZZ ein und führte sie von 1933 bis 1967, so lange wie kein anderer Chefredaktor. Alle seine Nachfolger hatten an einer Universität studiert, Luchsinger und Bütler trugen sogar einen Doktortitel. Dittli hingegen studierte Betriebsökonomie an der Höheren Wirtschafts- und Verwaltungsschule (HWV) Winterthur und erwarb den Abschluss als Chartered Financial Analyst (CFA).
Er steuert das «Narrenschiff»
Zu reden gab vor der Wahl allerdings nicht Dittlis Ausbildung, sondern eine kurze Station in seinem Werdegang. Für Kurt W. Zimmermann war die NZZ schon ein «Narrenschiff», bevor der Verwaltungsrat entschieden hatte. In seiner Weltwoche-Kolumne begründete er das Anfang Oktober damit, dass die Zeitung Dittli zum Chefredaktor machen wolle. Dieser habe mit der Republik «ein extrem linkes Magazin geleitet» und dort «das ganze Arsenal der roten Ideologie» publiziert. Seinen Wechsel von der Finanz und Wirtschaft zur Republik könne man «nur mit dem Antrieb eines Überzeugungstäters erklären». Die internen Mitbewerber Benedict Neff und Daniel Fritzsche hätten dagegen «keine linke Vergangenheit». Tatsächlich arbeitete Dittli gerade einmal ein Jahr in Teilzeit für die Republik, einige Monate davon als Chefredaktor auf Zeit.
Dass Zimmermann die internen Kandidaten gegen Dittli ausspielte, zeigt, worum es ihm ging. Er wollte einen Chefredaktor verhindern, der publizistisch für etwas anderes steht als Gujer. Unter Gujer hat die NZZ eine liberalkonservative Linie eingeschlagen, Kritiker sprechen von einem Rechtsruck. Benedict Neff hätte diese Linie wohl fortgeführt. Auch sein Werdegang entspricht dem klassischen Muster: Er leitete von 2021 an das Feuilleton und führt seit März 2025 das Auslandressort. Fünf der acht Chefredaktoren seit 1885 stammten aus dem Auslandressort, Luchsinger und Gujer sogar als dessen Leiter. Der Verwaltungsrat geht nun einen anderen Weg.
Das Gremium begründet seine Wahl mit dem Umbruch, den künstliche Intelligenz und neue Nutzungsgewohnheiten in der Branche auslösen. Zudem bescheinigt die NZZ Dittli eine «klare liberale Grundhaltung». Für Zimmermann dürfte das eine überraschende Nachricht sein.