Die neue Sammelaktion der Migros ist da. Diesmal werden Kinder zum Sammeln von Kettchenanhängern animiert und die Eltern wieder unter Einkaufs-Druck gesetzt. Doch nicht nur die Werbung mischt sich in die Erziehung ein. Auch die neuen Medien bringen Eltern an ihre Grenzen. Am Montagabend diskutierte die ehemalige TV-Moderatorin Regula Späni in Rapperswil-Jona über "Schülersorgen und Familiendramen" mit Kinderarzt und Buchautor Remo Largo (siehe auch blog). Welche Rolle dabei Werbung und Medien spielen, sagt der Erziehungsprofi auf persoenlich.com:
Remo Largo, am Montagabend diskutierten Sie in Rapperswil-Jona über "Schülersorgen und Familiendramen". Welche Rolle spielen dabei die Medien?
Die Medien spielen eine sehr unterschiedliche Rolle. Leider sind sie immer mehr der Wirtschaft unterworfen. Sie müssen rentieren und daher den Schülern Produkte andrehen. Das ist sehr problematisch.
Warum?
Nehmen Sie die Freizeit. Eigentlich sollten die Schüler sie zusammen mit gemeinsamem Spielen verbringen. Doch weil es immer weniger Kinder gibt, ist genau das nicht ganz einfach. Treffen müssen organisiert werden und das kann umständlich sein. Diesen Zustand nützen die Medien kommerziell extrem aus.
Inwiefern?
Sie inszenieren Anlässe um Jugendliche zusammen zu führen und verkaufen ihnen so die Freizeit. Dabei wäre es wichtig, dass sich Kinder und Schüler aus eigenem Antrieb und ohne Anleitung von Erwachsenen miteinander austauschen. Unsere Kinder haben keinen Freiraum mehr, in dem sie selbst bestimmen können.
Informationen holen sich Jugendliche heute vor allem auf Onlineportalen und Gratiszeitungen. Die Qualität dieser Medien wird immer wieder angezweifelt. Soziologe Kurt Imhof findet, dass sie zu wenig differenziert berichten und damit das Demokratieverständnis schwächen. Wie sehen Sie das?
Ich denke, Kurt Imhof hat absolut Recht. Wenn wir unsere jungen Menschen zu aktiven, selbstverantwortlichen Bürgern erziehen wollen, dann reicht dieses Kurzfutter nicht. Sie müssen Erfahrungen machen können, in die Verantwortung gezogen und eingebunden werden. Das ist heute überhaupt nicht der Fall. Die Menschen zwischen 15 und 30 Jahren sind wie in einem Wartesaal. Falls sie von der Gesellschaft wahrgenommen werden, dann nur als Ärgernis.
Was löst diese Nichtbeachtung bei den Jugendlichen aus?
Sie fühlen sich nicht mehr verantwortlich, gehen nicht an die Urne. Das ist ganz schlecht für die Zukunft unserer Gesellschaft.
Wie sollen Medien Schüler miteinbeziehen?
Denken Sie an die Verkehrsdiskussion in Rapperswil-Jona. Wer hat da über den möglichen Tunnel nicht alles mitgeredet? Alle ausser die Jungen. Dabei geht es ja gerade um ihre Zukunft. Unsere Jugendlichen sollten zu Wort kommen: sie sollten sich eine Meinung bilden können und sie auch in der Gesellschaft vertreten dürfen. Dass das nicht geschieht, ist falsch und verheerend. Nur wenn sie mitreden können, werden sie sich auch echt dafür interessieren und in unserer Gesellschaft mitwirken.
Heute tauschen sich Schüler über Facebook aus. Was halten Sie davon?
Die Nachfrage ist riesig. Praktisch alle Jugendlichen haben einen persönlichen Facebook-Account. Doch die sozialen Kontakte im Netz sind nicht real. Sie haben mit einer echten Beziehung nichts zu tun und sind bloss ein virtueller Ersatz. Wenn sich unsere Schüler auch im wahren Leben genügend austauschen könnten, dann wären die sozialen Netzwerke eine Ergänzung dazu und nicht per se schlecht. Ohne diesen echten Austausch aber sind sie nichts wert. Im Gegenteil, sie verschlimmern das Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Es gibt bereits Studien, die beweisen, dass häufige Facebook-Nutzer weniger hilfsbereit sind.
Warum?
Man investiert seine ganze Energie in virtuelle Beziehungen. Wäre man jedoch nicht vor dem Computer, würde man sich aktiv um die anderen kümmern. Dinge, die unser Zusammenleben ermöglichen und ausmachen, gehen durch den hohen Konsum von Facebook und Co. verloren.
Durch die neuen Technologien erreichen uns in Windeseile Schreckensmeldungen aus der ganzen Welt. Bilder von Toten und Verletzten sind selbst bei der "Tagesschau" von SF kein Tabu. Was bedeutet das für die Psyche von Schülern?
Aus Ereignissen wird blosse Unterhaltung gemacht. Es geht nicht darum, sich beispielsweise im Moment mit Syrien auseinander zu setzen. Sondern es geht darum, spektakuläre Bilder zu zeigen. Das gilt nicht nur für die Informationssendungen, sondern prinzipiell für das Fernsehprogramm. Was machen die Erwachsenen abends? Sie sehen im Schnitt drei Stunden fern. Meistens Kriminalsendungen. Was macht es aus unserer Psyche? Wir werden abgestumpft. Gewalt wird normal. Diese Einstellung geben wir unseren Kindern weiter. Sie werden auch gleichgültig.
Ist das eine Erklärung für die Gewaltexzesse unter Jugendlichen?
Interessanterweise sind die Jugendlichen heute sogar weniger gewalttätig als früher. Festgestellt wurde bloss, dass es in wenigen einzelnen Fällen mehr ausartet als früher.
Ab wann ist ein Schüler reif für solche Bilder?
Sobald er sich dafür interessiert. Er darf beim Konsum dieser Bilder und Themen aber nicht sich selbst überlassen werden. Wir Erwachsenen müssen ihn dabei begleiten, mit ihm darüber diskutieren, es ihm verständlich machen und ihm beim Verarbeiten helfen. Doch sind wir ehrlich, genau das passiert nicht. Wir wollen immer die Kinder davor schützen, sind aber nicht bereit, unser Verhalten zu verändern.
Auch das Spielverhalten wird von den neuen Medien geprägt. Memory spielen die Schüler am liebsten auf dem iPad, geklettert wird als Super Mario via Nintendo und statt bei Räuber und Poli reagieren sich Jugendliche mit Gewaltspielen ab. Wann wird diese Entwicklung problematisch?
Wenn Kinder sich dabei allein überlassen sind, dann wird es problematisch. Ein iPad sollte nicht als Babysitter dienen. Kinder brauchen Gesellschaft. Wenn andere Kinder fehlen, müssen wir Eltern uns mehr mit ihnen beschäftigen.
Die Schüler sollen den sinnvollen Umgang mit den neuen Medien lernen. Wie sieht der aus?
Die Kinder haben kein Problem damit. Wir Erwachsenen haben es. Wie sollen wir unserem Nachwuchs vorleben, wie man sinnvoll damit umgeht, wenn wir uns selbst darin nicht auskennen? Wir müssen uns damit auseinandersetzen, auch mit Teilen davon, die uns nicht interessieren. Nur so können wir den sinnvollen Umgang damit vorleben.
Und wie verändert sich das Lernen im Unterricht?
Es geht weniger darum, Wissen zu speichern, als zu wissen, wo man es holen kann. Das sollte die Schule vermitteln. Sie sollte auch zeigen, wo die Gefahren im Internet lauern. Wenn ich mich über Migräne informiere, komme ich schnell auch auf Seiten, die mir etwas verkaufen wollen. Diesen Unterschied sollten die Schüler kennen.
Nicht nur die neuen Medien zielen auf die Schüler ab. Immer mehr wagt sich auch die Werbung an sie heran. Sammelaktionen von Coop und Migros machen es vor. Was halten Sie davon?
Solche Sammelaktionen finde ich ethisch sehr fragwürdig. Wenn sie gut gemacht sind, sind sie attraktiv für die Kinder. Diese wiederum manipulieren dann ihre Eltern; sie kommen unter Druck und müssen dort einkaufen gehen, wo es etwas gibt für die Kinder.
Darf sich Werbung überhaupt an die Kinder richten?
Ich finde nein. Aber das wird schon seit Jahren gemacht zum Beispiel mit den Kinderschnitten.
Wo sollte die Grenze sein?
Man sollte sich immer die Frage stellen, ob dahinter ein wirtschaftliches Interesse steckt oder ob das den Kindern etwas bringt. Es ist letztlich eine ethische Frage, die Werber und Marketer für sich beantworten müssen.
Wohin führt diese Tendenz?
Ich glaube, wir sind nicht mehr weit davon entfernt, dass sich Jugendliche anfangen zu verweigern. Die Occupy-Bewegung ist der Anfang davon. Immer mehr Jugendliche zeigen, dass sie auch genug haben vom Kommerzdenken. Das wird hoffentlich eine heilsame Veränderung erzeugen.
Interview: Christine Schnyder

