Nach der Aufdeckung von Fälschungen durch den Ex-«Spiegel»-Autor Claas Relotius lassen der designierte «Spiegel»-Co-Chefredaktor Ulrich Fichtner und der designierte Blattmacher Matthias Geyer ihre Arbeit vorerst ruhen. Der Fall Relotius habe die Frage aufgeworfen, ob die beiden noch tragbar seien. Dies erklärte der designierte «Spiegel»-Gesamt-Chefredaktor Steffen Klusmann in einem internen Schreiben an die Mitarbeitenden der «Spiegel»-Gruppe, das der Nachrichtenagentur AFP am Freitagabend der Altjahrswoche vorlag.
Demnach hatte Fichtner Relotius «für den ‹Spiegel› entdeckt», Geyer habe ihn «fest angestellt und bis zuletzt geführt», führte Klusmann aus. Beide hätten ihm «angeboten, ihre Posten zur Verfügung zu stellen», falls er dies für nötig erachte. «Ich finde allerdings, Verantwortung sollte man dann übernehmen, wenn man sich etwas vorzuwerfen hat», schrieb Klusmann. Dennoch wolle er den Fall Relotius «nicht leichtfertig abtun». Dafür sei er «zu gross und zu gefährlich».
Mahnung des neuen Chefs
Klusmann schrieb, er habe daher mit Fichtner und Geyer verabredet, ihre neuen Verträge erst einmal auszusetzen und ruhen zu lassen, bis die Kommission für die Untersuchung des Skandals ihre Arbeit abgeschlossen habe.
Der designierte Chefredaktor Klusmann warnte alle Mitarbeiter davor, sich durch die aktuelle Krise entzweien zu lassen. «Eine Reihe von Kollegen hat mich in den vergangenen Tagen gebeten, dafür Sorge zu tragen, dass die Causa Relotius nicht zur Begleichung alter Rechnungen im Haus missbraucht wird», schrieb Klusmann weiter. «Ich fürchte, dafür müsst ihr auch selbst Sorge tragen.» Die Belegschaft habe es «gemeinsam in der Hand, aus der Krise die richtigen Schlüsse zu ziehen – oder es maximal zu versemmeln».
Der «Spiegel» hatte vor rund zwei Wochen bekanntgegeben, dass der 33-jährige preisgekrönte Journalist Relotius Reportagen ganz oder teilweise systematisch gefälscht hatte (persoenlich.com berichtete). Er habe dabei Figuren, Zitate und Begebenheiten erfunden oder die Biografien von realen Protagonisten verfälscht.
Relotius schrieb für den Verlag seit 2011 knapp 60 Texte und arbeitete auch für andere Medien. Das Hamburger Magazin sagte eine umfassende Aufarbeitung zu. (sda/afp/as)